Die Größte
Die Banken sitzen in Frankfurt, die Konzerne in NRW oder Bayern. Macht nix. Nach dem Motto ,Keene Haare uff’m Kopp, aba ‘n Kamm inner Tasche‘ hält sich Berlin dennoch für den Nabel der Welt.
Die Stadt besticht aber nicht nur durch die meisten Dönerläden und die größte Silvesterparty.
Wer diesen Text liest, kennt das geteilte Deutschland und die Zeit kurz nach dem Mauerfall wahrscheinlich nur aus dem Geschichtsbuch. Für viele Anwälte, die in diesem Artikel zu Wort kommen, ist es die Zeit, in der sie ihre Karriere begannen. Sie wurden Anwalt in einer Stadt, die damals wie heute zu einer der aufregendsten der Welt gehört.

Dort, wo nach der Wende in den 1990er-Jahren große Aufbruchsstimmung herrschte, hat Dr. Wolfram Hertel, Partner bei Raue, sein Büro: am Potsdamer Platz. Einst eine riesige Brachfläche, durchzogen von der Berliner Mauer, wurde der Platz damals plötzlich die aufstrebende neue Mitte. Auch wenn viele Anwaltskanzleien mittlerweile umgezogen sind in den Westen der Stadt – Kurfürstendamm, Bahnhof Zoo – hat Hertels Büro im 25-stöckigen Kollhoff Tower weiterhin eine gute Lage. Keine zwei Kilometer trennen ihn vom Sitz einer der aufsehenerregendsten Mandanten in Hertels Karriere, dem Bundeskanzleramt. Diese vertrat er zur Amtskorrespondenz mit dem Altkanzler Gerhard Schröder und in dem öffentlichkeitswirksamen Berufungsverfahren um das Altkanzlerbüro. „Das Mandat war zwar vom Streitstoff her überschaubar“, sagt Hertel. „Aber was kann ich als Öffentlichrechtler mehr erreichen, als das Bundeskanzleramt gegen einen ehemaligen Bundeskanzler zu vertreten?“
Det is Berlin.
Berlin ist Zentrum der deutschen Politik, der Sitz zahlreicher Verbände und eines der wichtigsten Start-up- Zentren Europas. Vieles, was hier passiert, hat weltweit Bedeutung. Ein spannendes Umfeld für jede Juristin und jeden Juristen. Und das, obwohl Berlin eben nicht der Sitz zahlreicher Großkonzerne oder Banken ist. Interessant wird es hier für Anwältinnen und Anwälte, die es schätzen, im Epizentrum der deutschen Gründerszene zu beraten. Oder eben jene, die sich für eine Karriere im Öffentlichen Wirtschaftsrecht mit all seinen Facetten interessieren. Die Nähe zu Bundesministerien und Kanzleramt: Das ist die Mischung, die Berlin für Öffentlichrechtler so interessant macht. Dabei bietet das Rechtsgebiet eine unglaubliche Bandbreite und viel Internationalität, denn Öffentliches Recht bedeutet auch: EU-Recht.
Wolfram Hertel ist Öffentlichrechtler, seit er Anwalt ist. „Ich wollte das immer machen“, sagt der 55-Jährige. „,Was darf der Staat, was darf er nicht?‘ Das ist die Frage, die hinter allem steht, was ich bearbeite.“ Seit der Gründung der heutigen Kanzlei Raue 2010 mit ihren rund 80 Anwältinnen und Anwälten ist er Partner im Öffentlichen Recht und war schon seit 2001 Rechtsanwalt bei Raue und der Vorgängerkanzlei Hogan & Hartson Raue. Er ist ein großer Fan dieses Kanzleistandorts: „Unsere Mandanten mögen es, hierher zu kommen“, sagt Hertel.
Die meisten seiner Mandate haben nicht unbedingt Berlin-Bezug. Hertel steht unter anderem für die jahrelange Beratung für Kapsch TrafficCom in den Vergabeverfahren und den Auseinandersetzungen um die deutsche Pkw-Maut. Ein Verfahren, das ein wichtiges Merkmal sehr vieler öffentlich-rechtlicher Mandate offenlegt: Man braucht als Spezialist in diesem Rechtsgebiet einen langen Atem. Weil Verfahren einfach lange dauern. Eine andere Welt als die der M&A-Transaktionen, die oft nach wenigen Monaten abgeschlossen sind. Andererseits: „Wir können am kreativsten juristisch arbeiten“, sagt Hertel. Das Rechtsgebiet sei schnelllebig, Literatur und Kommentare spielten kaum eine Rolle. „Man ist plötzlich mitten in einem politischen Setting und muss Lösungen finden.“
Mit dieser Art Aufgabe ist er nicht allein. Denn die zahlreichen Anwaltsteams im Öffentlichen Recht prägen den Markt in Berlin ebenso wie Immobilienrechts- oder Venture-Capital-Anwälte. Dabei können sich Bewerbende quasi aussuchen, ob sie lieber eine hochspezialisierte Einheit wählen, in eine mittelständische Kanzlei einsteigen oder ihre Karriere am Berliner Standort einer Großkanzlei beginnen.
Die Auswahl ist groß
Von der Idee, nach Berlin zu gehen, muss man kaum jemanden überzeugen, so vielfältig und attraktiv ist diese Stadt. Im Anwaltsmarkt gilt die Hauptstadt deshalb auch als Recruiting-Hochburg schlechthin und das, obwohl nur wenige der prominenten Wirtschaftskanzleien in Berlin auf mehr als 50 Berufsträger kommen. Andererseits haben US-Kanzleien wie Morrison & Foerster Berlin als einzigen deutschen Standort gewählt. Auch weil die internationale Mandantschaft Berlin als ein Zentrum Europas sieht. Daneben prägen etliche kleinere spezialisierte Kanzleien – sogenannte Boutiquen – sowie mittelständische Einheiten wie Redeker Sellner Dahs das Bild. Redeker ist ebenfalls mit einem großen und sehr renommierten öffentlich-rechtlichen Team vor Ort ist.
Ergänzt wird die Liste an potenziellen Arbeitgebern durch Jobs in Rechtsabteilungen sowie in zahlreichen Ministerien, Behörden und Verbänden. Wer für seinen Karrierestart Berlin wählt und sich für das Öffentliche Recht erwärmen kann, darf sich also nicht nur über das umfangreiche Kulturangebot, die tollen Parks, das internationale Flair und das berauschende Nachtleben freuen. Er hat auch eine große Auswahl an potenziellen Arbeitgebern.
Die Akquisitionsmaschine
Hengeler Mueller ist neben Noerr und CMS Hasche Sigle eine der deutschen Großkanzleien mit Berliner Präsenz. Bereits 1990 eröffnete die Kanzlei dort ein Büro. Hengeler hat heute ihren Sitz am Gendarmenmarkt, mit Blick auf den Dom. Im Jahr 2000 kam Prof. Dr. Wolfgang Spoerr in die Stadt. Den mittlerweile langjährigen Hengeler-Partner reizte nach ersten Berufsjahren in Stuttgart bei Gleiss Lutz der Auftrag, in der Hauptstadt die Beratung zum Öffentlichen Recht aufzubauen. „Durch die fehlende Konzernlandschaft hier gab es weniger etablierte Strukturen und wesentlich mehr Freiheit, sich selbst etwas aufzubauen“, sagt Spoerr. Das präge die Kultur in Berlin bis heute.

Apropos Kultur: Davon schwärmt natürlich jede Anwältin und jeder Anwalt, der in der Hauptstadt arbeitet. Mehr Angebot als in Berlin geht wohl kaum. Doch neben der hohen Lebensqualität funktioniert für Spoerr der Standort Berlin auch in beruflicher Hinsicht besonders gut. Er meint gar: „Das Öffentliche Recht ist eine Akquisitionsmaschine. Die staatlichen Wirtschaftseingriffe sind stärker, als man sich je hätte vorstellen können.“ Ein im Öffentlichen Recht akquiriertes Mandat laste immer auch Teams aus anderen Rechtsgebieten aus. Als Beispiel nennt er das Mandat für VW im Dieselkomplex: Das begann als verwaltungsrechtliches Mandat, und wurde im Verlauf erst strafrechtlich und schließlich kapitalmarktrechtlich bearbeitet. Die Dominanz des Transaktionsgeschäfts und des Gesellschaftsrechts, so Spoerr, sei erstmal vorbei. „Wer sich für Politik interessiert und akademisch geprägtes Arbeiten mag, der hat derzeit gute Chancen im Öffentlichen Recht“, meint der Hengeler-Partner.

Szenenwechsel: Kurfürstendamm. Einkaufsmeile der Stadt, aber eben auch Sitz zahlreicher Kanzleien, unter anderem Posser Spieth Wolfers und Partners (PSWP) hat hier ihr Büro. Gründungspartner Dr. Bene dikt Wolfers, 61, ist ebenfalls einer, der sich in den Wendejahren dem Sog der Stadt nicht entziehen konnte: „Ich wollte damals als politisch interessierter Mensch unbedingt nach Berlin,“ sagt Wolfers. Mit dem Doppelstudium Geschichte/Politik/Philosophie und Jura ist sein großes Interesse an der Ordnung von Staat und Gesellschaft keine Überraschung. Nach dem Studienabschluss verließ er gemeinsam mit seiner Frau in den 1990er-Jahren seine Studienstadt Freiburg und ging zur Promotion nach Berlin. 1996 startete er als Anwalt zunächst in der Freshfields-Vorgängerkanzlei Bruckhaus Westrick Stegemann in Düsseldorf, wechselte später in deren Berliner Büro und baute dort gemeinsam mit Wolf Spieth die Praxisgruppe Öffentliches Wirtschaftsrecht auf. 2000 wurde er Freshfields-Partner, 2018 war er Mitgründer von PSWP
Heute gilt Wolfers als einer der auf politischer Ebene am besten vernetzen Anwälte. PSWP-Anwältinnen und -Anwälte sind zur Stelle, wenn Unternehmen Genehmigungen brauchen oder mit neuen Regeln umgehen müssen, beispielsweise zu Zukunftsthemen wie autonomes Fahren und E-Mobilität. Für junge Berufseinsteiger sieht Wolfers in Berlin die einmalige Chance und Möglichkeit, regierungsnahe Beratung mitzubekommen. Obwohl die Wege zu Ministerien und Verbänden in Berlin kurz sind, sind Anwälte im Öffentlichen Recht keinesfalls Lobbyisten. „Aber die guten Kontakte in die Ministerien zu haben, heißt: Unsere Mandanten können sich sicher sein, dass wir rechtliche Kernfragen mit den Ministerien vertrauensvoll erörtern können“, sagt Wolfers.
Hier sitzen die Multiplikatoren

Mit den richtigen Leuten ins Gespräch zu kommen, das gehört auch für Dr. Jens Nusser, der 2021 die Kanzlei Franßen & Nusser mitgegründet hat, zum Anwaltsein dazu. Nusser ist waschechter Berliner und als solcher – nach Studium in Freiburg und beruflichen Anfangsjahren in Düsseldorf – natürlich in seine Heimat zurückgekehrt. Seine Kanzlei, deren Paradedisziplinen das Umwelt- und Produktrecht sind, hat ihren Sitz in einer der Seitenstraßen des Kurfürstendamms, in einem „wunderschönen Altbau“, wie Nusser schwärmt, der den Standort Berlin auch deshalb schätzt, weil fast alle großen Wirtschaftsverbände in der Nähe sind. Der Standort biete einen besonderen Zugang zu Multiplikatoren. „Ein gutes Beispiel ist der parlamentarische Abend“, berichtet Nusser, eine von Interessenverbänden ausgerichtete geschlossene Veranstaltung für Abgeordnete, Mitarbeitende der Ministerien und Gäste, auf der strategische und aktuelle politische Fragen erörtert werden. „Das Networking, das dort stattfindet, ist für uns wichtig“, betont der 53-Jährige. Das gelte natürlich auch für Berufseinsteiger, die eine spezialisierte Einheit wie seine „partnertauglich“ machen wolle. Wie die Kollegen von PSWP und Hengeler hat auch Franßen & Nusser einen Standort in Düsseldorf. Denn natürlich spielt die Musik nicht nur in Berlin, sondern auch anderswo. Doch vom geschäftlich sinnvollen mal abgesehen: „Berlin ist eine der liberalsten Städte, die ich kenne“, sagt Nusser, und: „Es ist die einzige echte Großstadt Deutschlands.“