Wo Karriere und Familie Hand in Hand gehen

Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Welche Kanzleien besonders familienfreundlich sind und wie Inhouse-Abteilungen im Vergleich abschneiden, zeigt eine Auswertung der azur-Redaktion.

Junge Anwältinnen und Anwälte, die ihre Karriere starten, sehen sich oft mit einem Arbeitsumfeld konfrontiert, das wenig Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen nimmt. Dieser Herausforderung müssen sich nicht nur junge Eltern stellen, sondern auch Berufstätige, die etwa Angehörige pflegen. Insbesondere Wirtschaftskanzleien haben in puncto Familienfreundlichkeit noch immer ein Imageproblem. Doch die Fortschritte der vergangenen Jahre zeigen, dass Kanzleien zunehmend die Bedeutung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Nachwuchsgewinnung erkennen und entsprechende Lösungen anbieten.

Unternehmen schneiden besser ab

Eine fünf-Sterne-Bewertung der azur100-Redaktion für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie erhielten lediglich zwei Unternehmensrechtsabteilungen. Sie zeigen, dass eine spannende juristische Tätigkeit nicht zwangsläufig dem Familienleben im Wege stehen muss. So arbeiten in Vollzeit tätige Syndizi bei RWE laut azur-Umfrage mit rund 41 Stunden fast drei Stunden weniger als der Marktdurchschnitt. Entsprechend zufrieden sind sie mit der Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz. Flexible Absprachen zur Arbeitszeit sind möglich, und nach 19 Uhr gehen keine Mails ein, berichten Teilnehmende der azur-Umfrage. Zu den 30 Urlaubstagen gibt es an einzelnen Standorten bis zu drei Brückentage zusätzlich. Zudem bietet das Unternehmen Unterstützung bei haushaltsnahen Dienstleistungen sowie ein Coaching zur Elternzeit. Ähnlich positiv schneidet die Rechtsabteilung von Siemens ab. Mit rund 44 Stunden pro Woche arbeiten Siemens-Syndizi laut azur-Umfrage in etwa soviel wie derzeit in Rechtsabteilungen durchschnittlich üblich. Um Familien zu unterstützen, gibt es allerdings sehr umfangreiche Hilfen für die Kinderbetreuung.

Mit vier Sternen reihen sich die Inhouse-Einheiten von Allianz, BaFin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Deutsche Telekom, DZ Bank und Fresenius ein. Hier kann sich der juristische Nachwuchs genauso über eine vergleichsweise geringe Arbeitsauslastung, flexible Arbeits- und Teilzeitmodelle, verschiedene Eltern-Kind-Angebote sowie teilweise eigene Betriebskindergärten freuen.

Vorbilder unter den Großkanzleien

Unter den Top-50-Arbeitgebern erhielten drei Kanzleien vier Sterne für ihr Engagement im Bereich Familienfreundlichkeit. Bei Orka können die Associates nur wenig über die Arbeitsbelastung klagen und vergeben bei diesem Thema überdurchschnittliche Noten. Nacht- und Wochenendarbeit schließt die Kanzlei eigentlich kategorisch aus – trotzdem berichten erfahrene Associates auch vom Gegenteil und wünschen sich, dass alle Partner in dieser Hinsicht auf eine einheitliche Linie gebracht werden. Laut azur-Umfrage kommen die Orka-Juristen mit einer Vollzeitstelle auf rund 49 Wochenstunden und haben damit drei Stunden mehr Freizeit als der Marktdurchschnitt. Dies und die hohe Teilzeitquote dürfte nicht nur zu einem hohen Frauenanteil – auch in der Partnerschaft – führen, sondern auch zu einem guten Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie. Osborne Clarke unterstützt Eltern mit einem zusätzlichen Urlaubstag in den ersten zehn Lebensjahren ihrer Kinder an deren Geburtstag. Mit laut azur-Umfrage knapp 50 Stunden pro Woche arbeiten die Associates hier immerhin rund zwei Stunden weniger als der Marktdurchschnitt – „Arbeitszeiten, die für eine Wirtschaftskanzlei in Ordnung sind“, meint ein Umfrageteilnehmer. 

Mit individuellen und flexiblen Arbeitsmodellen überzeugt auch die Berliner Kanzlei Raue. „Niemand erwartet, dass E-Mails am Wochenende, im Urlaub oder spät abends noch beantwortet werden. Das Wochenende ist Wochenende bis auf absolute Ausnahmefälle“, berichtet ein Associate in der azur-Umfrage. Teilzeitbeschäftigungen werden nicht nur auf allen Ebenen gelebt, sondern stellen neuerdings auch keine Hürde mehr auf dem Weg in die Partnerschaft dar. Raue passte kürzlich ihre Aufstiegsregeln an, sodass die Teilzeit weder den Partnertrack verlängert noch sonstige Beförderungen beeinflusst. 

Regionale Einheiten punkten

Unter den Sozietäten mit einer starken regionalen Verwurzlung sind ebenfalls einige, die in Sachen Vereinbarkeit von Karriere und Familie viel Engagement zeigen. Häufig fällt es den Mittelstandsberatern sogar leichter eine familienfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Im Norden sticht etwa Neuwerk mit flexiblen Homeoffice- und Teilzeit­möglichkeiten auf allen Ebenen positiv hervor. Weiter südlich kommen Associates bei Melchers deutlich früher nach Hause als ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Einheiten: Laut azur-Umfrage arbeiten sie nur knapp 45 Stunden in der Woche. Ein Umfrageteilnehmer meint: „Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist genial. Ich kann mir die Arbeit frei einteilen und Feierabend heißt wirklich Feierabend.“ Neben moderaten Arbeitszeiten gibt es bei der Stuttgarter Kanzlei Menold Bezler eine Kinderferienbetreuung, ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer sowie Notfallbetreuungsmodule.

Im Westen überzeugt Arqis ihren Nachwuchs nicht nur mit einer breiten internationalen Mandantschaft, sondern auch mit einer engagierten Familienförderung. Laut azur-Umfrage sind Associates hier „frei in der Arbeitseinteilung“ und haben „nette Kollegen“. Auch über ihre Work-Life-Balance und die Arbeitsbelastung beschwert sich niemand in der Umfrage, wobei angesichts der dort berichteten 49 Arbeitsstunden pro Woche tatsächlich drei Stunden weniger gearbeitet wird als bei anderen Kanzleien. Außerdem herrscht ein flexibles Hybridmodell aus Homeoffice und Präsenz nach Absprache mit dem jeweiligen Team.

Förderprogramme entlasten

Um Beruf und Familie in Einklang zu bringen, braucht es in erster Linie flexible Arbeitsmodelle, die sich an die unterschiedlichen Lebenssituationen anpassen. Durch Gleitzeitregelungen, Teilzeitarbeit und Homeoffice-Optionen können angestellte Juristinnen und Juristen ihre Arbeitszeit individuell gestalten und so besser auf die Bedürfnisse ihrer Familien eingehen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kinderbetreuung. Betriebseigene Kindertagesstätten oder Kooperationen mit lokalen Betreuungseinrichtungen bieten Eltern eine zuverlässige und qualitativ hochwertige Betreuung für ihre Kinder. Das entlastet sie erheblich und schafft ein unterstützendes Arbeitsumfeld, in dem sie sich voll und ganz auf ihre beruflichen Aufgaben konzentrieren können.

Auch spezielle Förderprogramme für werdende und junge Eltern kommen beim juristischen Nachwuchs gut an und werden in der azur-Umfrage positiv hervorgehoben. So beweist Noerr mit einem neuen Programm, dass sich Großkanzlei und Familienfreundlichkeit nicht ausschließen müssen. Junge Eltern können sich hier die ersten sechs Monate ganz der Familie widmen und anschließend mit deutlich verringerter Stundenzahl wieder einsteigen. Für zusätzliche Entlastung sorgen unbegrenztes Homeoffice und bezahlter Sonderurlaub für Kitaeingewöhnung und Einschulung. Auch bei Ashurst fühlen sich Eltern gut unterstützt. Die Kanzlei hat vor einigen Jahren als eine der ersten Kanzleien ein weltweites Elternprogramm ausgerollt, das unter anderem eine sechsmonatige voll bezahlte Elternzeit vorsieht, die viele Associates in der Umfrage positiv hervorheben. 


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