Porträt Sara Brinkmann: Erst Großkanzlei, dann Gründerin
Sara Brinkmann verantwortet die Produktentwicklung und -strategie des Legal-Tech-Unternehmens LawX.
Sara Brinkmann begann ihre Karriere als Juristin ganz klassisch. Heute verantwortet sie die Produktentwicklung und -strategie des Legal-Tech-Unternehmens LawX, das im Mai mehr als sieben Millionen Euro in einer Finanzierungsrunde eingesammelt hat. Wie aus einer klassischen Juristin eine Gründerin wurde.
Keine Schulzeit voller Programmierversuche, keine selbst gebauten Apps, keine frühe Begeisterung für Software: Als Dr. Sara Brinkmann ihr Jurastudium beginnt, denkt sie weder über künstliche Intelligenz noch über die Gründung eines Tech-Start-ups nach. Stattdessen verläuft ihr Weg erst einmal ganz klassisch: Sie studiert, promoviert, absolviert das Referendariat und steigt in einer Großkanzlei ein.
Heute ist die 38-Jährige Mitgründerin und Chief Product Officer von LawX, einem Berliner Legal-Tech-Unternehmen, das eine KI-gestützte Plattform für die Automatisierung von Backoffice-Prozessen in Kanzleien und Notariaten entwickelt. Wer mit Brinkmann spricht, merkt schnell: Die Technik steht bei ihr selten im Mittelpunkt. Sie spricht lieber über Unternehmen, Prozesse und die Art, wie Juristen arbeiten.
Nach dem Ersten Staatsexamen bleibt Brinkmann zunächst an der Universität Düsseldorf und promoviert im Strafrecht. Für sie der perfekte Gegenentwurf zum Lernstress. „Ich konnte mich auf ein einziges Problem fokussieren, das hat mir sehr viel Spaß gemacht“, erzählt sie. 2015 beginnt sie ihr Referendariat, absolviert unter anderem eine Auslandsstation beim Auswärtigen Amt in Peking. Parallel arbeitet sie bereits bei McDermott Will & Schulte im Immobilienwirtschaftsrecht. Nach dem Zweiten Examen steigt sie dort als Associate ein. Die Arbeit macht ihr Spaß, die Zusammenarbeit im Team ebenso.
Rein in den Start-up-Kosmos
Und trotzdem stellt sie sich eine Frage, die sie irgendwann nicht mehr loslässt. „Mich hat immer stärker interessiert, was hinter den juristischen Fragestellungen steckt. Wie ist es überhaupt zu dem Problem gekommen, und hätte ein besserer Prozess das Problem vermeiden können?“, sagt Brinkmann. Als Anwältin entwickelt sie Lösungen für Mandanten. Was danach geschieht, erlebt sie meist nur aus der Distanz. Welche Überlegungen fließen in unternehmerische Entscheidungen ein? Welche Rolle spielt das Recht, wenn wirtschaftliche Interessen, operative Zwänge und strategische Ziele aufeinandertreffen?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, verlässt sie die Düsseldorfer Kanzleiwelt und entdeckt den Berliner Start-up-Kosmos. Nach gut dreieinhalb Jahren wechselt sie, gemeinsam mit ihrem heutigen LawX-Mitgründer Dr. Norman Koschmieder, zu Flink und baut dort die Rechtsabteilung auf. Flink, damals noch in seinem ersten Unternehmensjahr, wächst damals rasant. „Das war für mich ein großer Perspektivwechsel. In einer kleinen Start-up-Welt macht am Anfang jeder alles. Man wird durchaus ins kalte Wasser geworfen.“ Die Unterschiede zur Großkanzlei erlebt sie unmittelbar. „Risikobewusstsein spielt in Unternehmen eine ganz andere Rolle. Risiko wird nicht nur erkannt, sondern abgewogen und manchmal bewusst akzeptiert“, sagt Brinkmann.
Rund zwei Jahre bleiben sie und Koschmieder bei Flink, dann wechseln sie zu Enpal. Ein deutlich reiferes Unternehmen, in dem Brinkmann erleben konnte, wie eine Rechtsabteilung angebunden ist und funktioniert. Viel Energie der Juristen fließe in Recherche, Dokumentation und administrative Tätigkeiten. „Gerade die Aufgaben, die Juristen am meisten Spaß machen, rücken dadurch oft nach hinten“, berichtet Brinkmann.
Das möchte sie ändern. Im Sommer 2024 entwickelt sie gemeinsam mit ihren Mitgründern die Idee für LawX. Brinkmann und Koschmieder kennen die Probleme aus eigener Erfahrung, Mitgründer Torben Rabe hat den betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Dass ausgerechnet sie einmal ein Legal-Tech-Unternehmen gründen würde, überrascht auf den ersten Blick. Technologieoffenheit habe sie immer mitgebracht. „Aber, ganz ehrlich: Programmieren ist auch weiterhin nicht Teil meines Jobs“, sagt Brinkmann.
Frisches Kapital für die nächste Phase
Heute beschäftigt LawX mehr als 20 Mitarbeitende. Im Mai hat das Startup eine Seed-Finanzierungsrunde über 7,5 Millionen Euro abgeschlossen. Brinkmann arbeitet täglich mit Entwicklern, Produktmanagern und Legal Engineers zusammen. Viele Ideen entstehen bewusst außerhalb klassischer juristischer Denkmuster. Gleichzeitig empfindet sie den Schritt von der Anwältin zur Produktverantwortlichen als weniger groß, als Außenstehende vielleicht vermuten würden. Juristen lernen, komplexe Sachverhalte zu strukturieren, Szenarien zu durchdenken, Ausnahmen zu erkennen und Folgen abzuschätzen. „Die Entwicklung einer Software ist dem gar nicht so unähnlich“, sagt sie. Der erste Perspektivwechsel kam bereits in der Startup-Rechtsabteilung. „Wir Juristen sind oft auf die perfekte Lösung ausgerichtet“, sagt Brinkmann. „Im Start-up muss man viel früher mit Annahmen arbeiten, Entscheidungen treffen und aus Feedback lernen. Und in der Produktentwicklung lernt man, dass es keinen zu frühen Zeitpunkt für Feedback gibt. Wenn man sich bei der ersten Präsentation nicht ein bisschen schämt, ist man zu spät dran.“
Wenn Brinkmann jungen Juristinnen und Juristen einen Rat gibt, dann keinen besonders revolutionären. „Der klassische Weg ist noch sehr valide“, sagt sie. „Allerdings ist es sinnvoll, auch einmal die Unternehmerperspektive kennenzulernen.“ Außerdem sollten junge Juristen technologieoffen bleiben. Programmieren zu können hält sie nicht für entscheidend. Wichtiger sei es, neue Werkzeuge auszuprobieren und keine Berührungsängste mit KI zu entwickeln. „Mit diesen Tools umgehen zu lernen, das ist etwas, womit man nicht früh genug anfangen kann.“ Als Gründerin arbeitet Brinkmann heute anders als früher, wahrscheinlich auch ständig. Ideen entstehen beim Sport, beim Spaziergang oder unterwegs. „Das Unternehmen ist gedanklich immer da.“ Die selbstbestimmte Art zu arbeiten: für sie unbezahlbar.
Auf azur online stellen wir in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen.
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