Interview: „Nicht jede Entscheidung ist perfekt“
Als Jurastudentin merkte Daniella Domokos, dass Digitalisierung und Innovation sie mehr faszinieren als Jura.
Mit 15 kam sie aus Ungarn nach Deutschland. Heute arbeitet die 31-Jährige als Legal Engineer bei Capgemini Invent, einem Geschäftsbereich der Consulting-Gruppe Capgemini.
azur: Frau Domokos, Sie haben nach dem ersten Staatsexamen bewusst auf das Referendariat verzichtet. Wann war Ihnen klar, dass Sie keinen klassischen Juristenberuf ergreifen wollen?
Daniella Domokos: Das war tatsächlich erst relativ spät im Studium. Ich habe irgendwann festgestellt, dass mich die fachjuristische Arbeit nicht so sehr begeistert, wie sie mich hätte begeistern müssen, um später mit voller Überzeugung als Anwältin zu arbeiten. Ich habe damals für mich gesagt: Ich bin nicht gut genug als Juristin, um mich selbst auf die Menschheit loszulassen. Das war kein Urteil über meine Fähigkeiten, sondern eher die Erkenntnis, dass meine Interessen woanders liegen. Gleichzeitig haben mich IT, Digitalisierung und Innovation schon immer fasziniert. Die Bereiche ergänzen sich allerdings gut und sind heute aus juristischer Perspektive wichtiger denn je.
azur: Wie sind Sie überhaupt mit Legal Tech in Berührung gekommen?
Domokos: Eher zufällig. Ich habe während des Studiums an Hackathons teilgenommen, Konferenzen besucht und mich zunehmend mit Digitalisierungsthemen beschäftigt. Ich hatte schon immer Spaß an technischen Spielereien. Bei uns standen ein 3D-Drucker und Raspberry Pis* zu Hause, mit denen wir kleine Projekte gemacht haben. Mir fehlte lange nur die Verbindung zwischen Jura und Technologie. Als ich die entdeckt habe, hat plötzlich vieles Sinn ergeben.
azur: Das war 2017. Andere Zeiten…
Domokos: Ja, absolut. Legal Engineering oder vergleichbare Rollen und die passenden Stellen für Berufseinsteiger gab es nur vereinzelt. Deshalb hatte ich mich parallel zur Sicherheit auf einen Referendariatsplatz beworben. Ich habe mir gesagt: Wenn ich keinen Job in diesem Bereich finde, mache ich eben das zweite Examen. Dann kam die Stelle bei HateAid. Das war letztlich der Einstieg in die Berufswelt.
azur: Ihr Weg durchs Studium war ohnehin nicht geradlinig.
Domokos: Ganz und gar nicht. Im fünften Semester wäre ich beinahe in der Zwischenprüfung durch den Drittversuch gefallen. Es war damals überhaupt nicht klar, ob ich das Studium schaffen würde. Hätte ich die Prüfung nicht bestanden, wäre ich deutschlandweit aus dem Staatsexamensstudiengang ausgeschlossen gewesen. Das war ein Moment, in dem ich mich ernsthaft gefragt habe, welche Alternativen es eigentlich gibt und was mich wirklich interessiert.
azur: Was haben Sie dabei über sich gelernt?
Domokos: Vor allem, dass man sich irgendwann ehrlich mit den eigenen Stärken beschäftigen muss. Ich habe damals sogar darüber nachgedacht, Mensch-Maschine-Interaktion zu studieren. Im Nachhinein war diese Krise wahrscheinlich hilfreich. Sie hat mich gezwungen, nicht einfach nur den vorgezeichneten Weg weiterzugehen.
azur: Heute arbeiten Sie bei Capgemini Invent im Bereich Legal Engineering. Was machen Sie dort konkret?
Domokos: Vereinfacht gesagt übersetzen wir Recht in Prozesse und Produkte. Es geht nicht darum, Richtlinien zu schreiben und sie anschließend an Mitarbeitende zu verteilen. Die Idee ist, Prozesse und Produkte so zu gestalten, dass rechtliche Anforderungen von Anfang an eingebaut sind. Im Bereich KI-Governance oder Compliance by Design überlegen wir beispielsweise, welche Entscheidungen Menschen überhaupt noch treffen müssen und welche rechtlichen Anforderungen direkt technisch umgesetzt werden können. Ich nenne das gern die Produktifizierung des Rechts.
azur: Das klingt deutlich technischer als das, was viele Jurastudierende mit ihrer Ausbildung verbinden.
Domokos: Ja, und genau deshalb finde ich es spannend. Für solche Projekte braucht man Juristen, aber eben nicht nur Juristen. Man arbeitet mit Entwicklern, Data Scientists, Designern und vielen anderen Fachrichtungen zusammen. Die spannendsten Lösungen entstehen meist dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Und für die meisten Fragen gibt es keine vorgefertigte Antworten, Muster oder Blaupausen.
azur: Viele Studierende fragen sich, ob das Jurastudium auf solche Tätigkeiten vorbereitet?
Domokos: Auf die konkreten Inhalte vielleicht nicht. Aber auf die wichtigste Kompetenz schon. Juristen lernen, sich innerhalb kürzester Zeit in völlig neue Themen einzuarbeiten. Das wird oft unterschätzt. Gerade heute, wo sich Technologien und Arbeitswelten ständig verändern, ist diese Fähigkeit unglaublich wertvoll.
azur: Was halten Sie von der Forderung, Universitäten müssten viel stärker auf neue Berufsbilder vorbereiten?
Domokos: Natürlich sind zusätzliche Angebote gut. Aber ich glaube nicht, dass Universitäten jeden möglichen Karriereweg abbilden können oder müssen. Es wäre bereits schön, wenn sie mehr auf den Anwaltsberuf oder auf die klassische Arbeit in Unternehmen vorbereiten würden. Am Ende ist man auch selbst für seine Entwicklung verantwortlich. Wenn mich ein Thema interessiert, dann muss ich mich damit beschäftigen. Ich weiß gleichzeitig, wie schwierig das sein kann. Ich habe immer neben dem Studium arbeiten müssen und kenne diesen Druck sehr gut. Aber irgendwann muss man sich trotzdem fragen, wer man eigentlich ist und wo man hinmöchte. Diese Arbeit kann einem niemand abnehmen.
azur: Dass Sie die Eigenverantwortung so betonen: Hat das auch mit Ihrer persönlichen Geschichte zu tun?
Domokos: Vermutlich ja. Ich bin in Ungarn geboren und 2010 mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Damals war ich 15 Jahre alt. Innerhalb weniger Monate musste ich Deutsch lernen und mich in einem völlig neuen Schulsystem zurechtfinden. Ich bin direkt aufs Gymnasium gewechselt. Das war ziemlich hart. Rückblickend hat mir diese Erfahrung aber gezeigt, dass man sich in neue Situationen hineinfinden kann, auch wenn sie zunächst vollkommen überfordernd wirken.
azur: Wie hat sich die Legal-Tech-Szene verändert, seit Sie Teil davon sind?
Domokos: Als ich angefangen habe, waren wir eine ziemlich kleine Gruppe von Menschen mit teilweise sehr verrückten Ideen. Vieles klang damals nach Science Fiction. Heute sind viele dieser Entwicklungen Realität geworden. Gleichzeitig hat sich der Markt extrem professionalisiert.
azur: Worüber wird in der Szene im Moment am meisten diskutiert?
Domokos: KI ist natürlich allgegenwärtig. Mich beschäftigt vor allem die Qualitätsfrage. Es gibt inzwischen unzählige juristische KI-Lösungen. Wenn ein Anbieter behauptet, sein System sei das beste, kann ich das oft weder bestätigen noch widerlegen. Uns fehlen objektive Maßstäbe. Wir haben in der Rechtsbranche nie wirklich definiert, wann juristische Arbeit eigentlich gut ist. Jeder hat ein Gefühl dafür, aber kaum jemand kann es messen. Solange wir das nicht können, wird auch die Bewertung von KI-Systemen schwierig bleiben.
azur: Wenn nicht an der Uni, wie kann man Legal Tech lernen?
Domokos: Ehrlicherweise vor allem durch Ausprobieren. Man kann sich hundert Videos über Schwimmen ansehen. Wie man nicht untergeht, lernt man trotzdem erst, wenn man ins Wasser springt. Genauso ist es mit KI. Man wird nicht besser, indem man nur Kurse konsumiert. Man muss die Werkzeuge tatsächlich benutzen.
azur: Welche Ratschläge geben Sie Studierenden, die kurz vor dem Abschluss stehen und noch nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen?
Domokos: Sich erst einmal für irgendetwas zu entscheiden. Viele haben Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Aber aus meiner Sicht ist Nichtstun meistens die schlechtere Alternative. Mein Großvater hat immer gesagt: ,Du wirst im Laufe deines Lebens mindestens fünf Berufe ausüben.‘ Die erste Entscheidung muss nicht die perfekte sein. Sie muss nur getroffen werden.
azur: Würden Sie heute noch einmal Jura studieren?
Domokos: Wahrscheinlich ja. Das Studium hat mir die Grundlage für alles gegeben, was ich heute mache. Wer Jura studiert hat, kann lernen, sich nahezu jedes Thema zu erschließen. Das ist vielleicht die wertvollste Fähigkeit überhaupt heutzutage.
*Ein Raspberry Pi ist ein kleiner, ursprünglich für die Programmierausbildung entwickelter Computer, mit dem Technikbegeisterte eigene Software- und Elektronikprojekte umsetzen können.
Auf azur online stellen wir in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen. Beim nächsten Mal: Sara Brinkmann, Co-Gründerin des Berliner Legal-Tech-Unternehmens LawX .
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