Porträt Christopher Runte: Der Serien-Gründer

Mit 18 Jahren gründete Christopher Runte sein erstes Unternehmen, heute entwickelt er arbeitsrechtliche KI-Lösungen.

Sein Weg zeigt, dass man nach dem Jurastudium nicht immer den klassischen Karrierepfaden folgen muss. Der Volljurist ist überzeugt, dass die Zukunft weder Anwälten noch Maschinen gehört. Er setzt auf eine hybride Rechtsberatung, die juristische Expertise mit künstlicher Intelligenz verbindet.

Schwer vorstellbar, dass Dr. Christopher Runte jemals Angestellter sein wollte oder einen anderen klassischen Karriereplan hatte. Sein erstes Unternehmen gründete der heute 31-jährige Volljurist mit 18 Jahren. Das Start-up vermittelte Nebenjobs aller Art, von Nachhilfeunterricht bis hin zu Personen, die man fürs Schlange stehen engagieren konnte. „Das Projekt war eigentlich viel zu komplex“, erzählt Runte, der das Unternehmen gemeinsam mit einem Schulfreund in Aachen gegründet hatte. „Aber für mich war das die Initialzündung: Ich konnte mich selbst verwirklichen und hatte meinen Erfolg selbst in der Hand.“

Dieser Gedanke prägt bis heute seinen beruflichen Werdegang. Mittlerweile betreibt Runte mit Lawsuite und Loura zwei KI-gestützte Angebote, die sich auf arbeitsrechtliche Fragestellungen spezialisiert haben. Im Mittelpunkt steht nicht die Technik um ihrer selbst willen. Entscheidend ist für ihn die Frage, welche Aufgaben künstliche Intelligenz sinnvoll übernehmen kann und an welchen Stellen die juristische Fachkenntnis von Menschen gefragt ist. „Wir wollen nicht nur Anbieter sein, sondern Prozesse selbst gestalten und juristische Fragestellungen niedrigschwellig lösen“, erklärt Runte.

Dass Runte Jura studiert hat, war nicht selbstverständlich. „Arzt wäre ich auch gern geworden“, sagt er. Auch ein BWL-Studium stand für ihn zur Debatte. Beides erschien ihm jedoch zu naturwissenschaftlich beziehungsweise mathematisch geprägt. „Ich mag Sprache und Analyse, habe Freude am Argumentieren, außerdem ist Jura gar nicht trocken, sondern bietet für mich das volle Leben.“ Zum Studium ging Runte nach Münster. Den Ärztetraum setzte er später zumindest teilweise mit einer Ausbildung zum Rettungssanitäter um. Seine Nebenjob-Vermittlung gab er im zweiten Semester auf. Lange hielt ihn das allerdings nicht davon ab, die nächste Idee umzusetzen.

Tagsüber Student, abends Unternehmer

Mit ,Recht präsent‘ gründete Runte sein erstes Unternehmen mit juristischem Bezug. Die Content-Beratung unterstützte Kanzleien dabei, komplexe rechtliche Themen verständlich zu kommunizieren. „Es ging dabei vor allem um gutes und verständliches Schreiben, zum Beispiel für Kanzlei-Blogs“, erzählt Runte. Tagsüber saß er in den Vorlesungen, die dort behandelten Inhalte bereitete er oft direkt als gut lesbare Texte für Online-Plattformen auf. Das Konzept ging auf. Zu Spitzenzeiten beschäftigte ,Recht präsent‘ zwei Mitarbeitende und zehn Freelancer. Anfang 2025 übertrug Runte die Firma an einen Wettbewerber. Rückblickend war das auch eine Konsequenz einer Entwicklung, die er schon Jahre zuvor erkannt hatte. „Ich habe schon 2022 gemerkt: Es ist Zeit für KI.“

Doch bevor er mit Legal-Tech-Lösungen auf sich aufmerksam machte, zog Runte die klassische juristische Ausbildung vollständig durch. Nach dem Ersten Staatsexamen in Münster promovierte er von 2020 bis 2022 an der Universität zu Köln im Bilanz- und Konzernrecht. Anschließend absolvierte er sein Referendariat mit Stationen unter anderem im Bundeskanzleramt und in einer New Yorker Kanzlei.

„Mir hat Jura wirklich immer total viel Freude gemacht“, sagt er. Geholfen habe ihm dabei auch das Umfeld. „Während des Studiums war ich immer von Freunden umgeben, die genauso ambitioniert waren wie ich.“ Dass sein Weg später ins Unternehmertum führen würde, bedeutete für ihn nie einen Gegensatz zur juristischen Ausbildung. Im Gegenteil: Sie bildete die Grundlage dafür.

Kurzer Ausflug in die Kanzleiwelt

Trotz bereits konkreter Gründungspläne entschied sich Runte nach dem Referendariat zunächst für den klassischen Berufseinstieg. Im April 2025 begann er bei Görg in Köln. „Am ehesten konnte ich mich mit dem Insolvenzrecht und speziell der Insolvenzverwaltung identifizieren“, erzählt er. Für ihn kam diese Tätigkeit unter den klassischen juristischen Berufen dem Unternehmertum am nächsten. „Fünf superspannende Monate habe ich dort verbracht.“

Parallel dazu arbeitete er jedoch bereits an seiner nächsten unternehmerischen Idee. Mit Armin Tavakolian als Mitgründer, der für die technische Seite verantwortlich ist, entwickelte Runte schließlich Lawsuite, einen KI-Workspace für Kanzleien mit Fokus auf arbeitsrechtliche Fragestellungen. Die KI greift dabei auf eine Datenbank mit Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts und der Landesarbeitsgerichte sowie auf Fachverlagsdaten zu.

Hybride Produkte für das Arbeitsrecht

Inzwischen ist mit Loura ein zweites Produkt entstanden. Es richtet sich an HR-Abteilungen und verfolgt denselben Grundgedanken. Idealerweise beantwortet die KI rund 80 Prozent der Anfragen selbstständig. Für weitergehende Detailfragen steht zusätzlich ein Team arbeitsrechtlich spezialisierter Anwältinnen und Anwälte bereit, die auf Rechnungsbasis tätig werden. Für Runte sind beide Unternehmen Ausdruck derselben Vision. „Ich habe diesen Traum“, sagt er: „Eine hybride arbeitsrechtliche Beratung.“

Dass sich dieses Modell bislang noch nicht flächendeckend durchgesetzt hat, überrascht ihn nicht. Viele Kanzleien befänden sich aus seiner Sicht noch immer im ,Innovators Dilemma‘: Mit den etablierten Geschäftsmodellen lässt sich weiterhin gutes Geld verdienen, also fehlt der Anreiz, neue Formen der Rechtsberatung zu entwickeln.

Juristinnen und Juristen überflüssig machen will Runte ausdrücklich nicht. Im Gegenteil: „Man muss das fachlich immer noch durchdringen können“, sagt er. Es sei aber einfacher, Jura studiert zu haben und im Tech-Bereich zu gründen als sich von der IT-Seite aus mit Jura zu befassen. Runte jedenfalls hat aus Studium, Promotion und Referendariat nicht nur eine juristische Qualifikation gemacht, sondern die Grundlage für eigene Ideen. Sein Rat ist trotzdem erstaunlich einfach: „Am Ende sollte man vor allem das tun, was einem Freude macht.“

Auf azur online stellen wir in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen. Beim nächsten Mal: Daniella Domokos, Legal Engineer bei Capgemini Invent.

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