Porträt Paul Welter: Einfach ins kalte Wasser springen

Mit 14 Jahren schrieb Paul Welter seine erste Rechnung für das Erstellen einer Website. Heute ist er 29, Volljurist und Gründer des Unternehmens Bayshore, eines Start-ups, das Gesetze und Vorschriften in maschinenlesbare Logik umwandelt. Für Welter war schon früh klar: In Jura steckt viel Potenzial zur Automatisierung.

Wo sind die Top-Juristen, die auch programmieren können? Die, nach denen sich Kanzleien und Rechtsabteilungen, die in Legal Tech ganz vorne mit dabei sein wollen, so sehr sehnen? Einer von ihnen sitzt in der Theresienstraße in München, heißt Paul Welter und hat mit seinem Legal-Tech-Start-up Bayshore im Juni acht Millionen US-Dollar Wagniskapital in einer Seed-Finanzierungsrunde eingesammelt.

Welter kann Jura. Was der 29-Jährige aber schon beherrschte, bevor er überhaupt die erste juristische Vorlesung besuchte, war das Programmieren. „Ich habe mir das mit 13 selbst beigebracht, mit 14 hatte ich die erste Website erstellt“, sagt Welter, der gebürtiger Kölner ist. Der Vater eines Freundes hatte eine Agentur, über die regelmäßig Aufträge kamen. Der erste war noch vom Reit- und Fahrverein Dormagen. Zwei Jahre später programmierte er bereits eine Website für ein britisches Unternehmen zur Berechnung und Bestellung von Zaunflächen. Nach dem Abitur war für Welter klar: Er studiert Informatik. Doch schon kurz nach dem Start merkte er, dass er dort nicht richtig war. „Beim Programmieren konnte ich nicht mehr viel hinzulernen“, erzählt er, „und der Rest des Studiengangs wie Mathe oder Wirtschaftsinformatik hat mich nicht genug interessiert.“

Klage bearbeiten in fünf Minuten

Welter plante neu, entschied sich 2016 für ein Jura-Studium in Köln und versucht seitdem, beide Disziplinen miteinander zu verbinden. Weil er dabei schon immer auch durch die „Informatikerbrille“ schaute, erkannte er früh: In Jura steckt viel Automatisierungspotenzial.

Das begann schon im dritten Semester. Welter hatte einen Nebenjob bei einer Kanzlei, die zu der Zeit etliche Massenverfahren auf dem Tisch liegen hatte. Er wurde pro bearbeiteter Klage bezahlt. „Das war eine extrem repetitive Tätigkeit“, sagt er. Perfekt für seine Ideen, wiederkehrende Abläufe zu automatisieren. Was er entwickelte, brachte direkt einen ersten Erfolg: „Statt zwei Stunden habe ich am Ende fünf Minuten pro Klage gebraucht.“ Das war 2017. Von künstlicher Intelligenz war damals kaum die Rede.

Das Beispiel zeigt, wie Welter arbeitet: Er verlässt sich nicht auf bekannte Pfade, sondern schlägt neue ein. Zwischen dem ersten und zweiten Staatsexamen arbeitete er bei Orrick als Legal Engineer, um die Automatisierung von M&A-Prozessen voranzutreiben. „Eine Stelle, die ich mir quasi selbst geschaffen habe“, sagt Welter.

Dass eine klassische Laufbahn in Kanzlei oder Justiz nicht das Richtige für ihn sein würde, stellte sich früh heraus. „Ich wollte immer Strukturen neu denken, statt mich einzugliedern“, sagt Welter. „Stunden abzurechnen statt an innovativeren Methoden zu arbeiten, dem Mandanten zu helfen – das war nichts für mich.“ Deshalb verbrachte er seine Wahlstation am renommierten CodeX Institute der Stanford University, einem der wichtigsten Zentren für Legal Tech. Die Einrichtung verbindet seit 2005 Forschung an der Schnittstelle von Rechtswissenschaft und Informatik.

In Stanford entstand schließlich sein Unternehmen Bayshore. „Eine Woche, nachdem ich meine Anwaltszulassung hatte“, erzählt Welter, „habe ich die GmbH gegründet.“ Seinen Lebensunterhalt verdiente er nach dem Zweiten Staatsexamen zunächst als Programmierer und hatte so die Freiheit, Bayshore zu entwickeln. Welter zog nach München, fand seine Mitgründer und nahm am Inkubatorprogramm des Legal Tech Colab teil.

Paul Welter leitet Bayshore gemeinsam mit Philipp Wiegand, der für Geschäftsstrategie und Finanzen verantwortlich ist, und Erik Krauter, der Technologie und Infrastruktur verantwortet. Gemeinsam gingen sie anfangs nach dem klassischen Start-up-Lehrbuch vor: Idee testen, Feedback einholen, Produkt verbessern und erneut ausrollen.

„Wir haben beispielsweise direkt zum Start an etliche Compliance-Abteilungen von DAX-Unternehmen geschrieben und einfach gefragt: ‚Was nervt Sie besonders?‘ Einige haben uns zugetraut, ihnen eine Lösung anbieten zu können“, erzählt Welter. Bayshore bietet Software für Rechts- und Compliance-Abteilungen. Die Plattform bündelt juristische Anfragen, strukturiert Informationen und stellt mithilfe von KI selbstständig Rückfragen. Ziel ist es, langwierige Abstimmungsschleifen zu verkürzen und rechtliche Prozesse effizienter zu gestalten. Mittlerweile arbeitet das Unternehmen mit zahlreichen Compliance-Abteilungen zusammen.

Ohne Jura wird es schwierig

Obwohl Welter nie die klassische Anwaltskarriere durchlaufen hat, bedeutet das nicht, dass ihm Jura nicht wichtig ist. Im Gegenteil: „Juristische Exzellenz ist mir extrem wichtig“, betont er. „Wir bringen Computern Jura bei, da muss alles sitzen, sonst reproduziert der Computer die Fehler in großer Stückzahl.“ Ohne seinen juristischen Hintergrund ginge das nicht.

Gleichzeitig ist Welter einer von vielen, die der Ansicht sind, dass das Jurastudium dringend modernisiert werden muss. Er selbst schloss sich schon früh der studentischen Initiative recode.law an, die 2018 in Münster gegründet wurde und deren Vorstand er vier Jahre lang angehörte. In dieser Zeit erreichte der Verein unter anderem eine Änderung im Juristenausbildungsgesetz: Seitdem werden auch Zusatzausbildungen der Hochschulen im Bereich Digitalisierung beim Freiversuch privilegiert.

Selbst wer sich nicht so früh wie Welter für Legal Tech interessiert, hat heute beim Berufsstart beste Chancen: „Der Bedarf an Menschen, die Jura und Technik zusammendenken, ist sehr hoch“, sagt Welter. Programmieren müsse man dafür nicht unbedingt können. „Man kann auch die Brücke zwischen Jura und IT bilden.“ Wichtig sei die Offenheit für Neues. Seit einiger Zeit stellt sein Unternehmen selbst Mitarbeitende ein, zuletzt eine Juristin mit zwei Examen. „Sie hat gezeigt, dass sie bereit ist, ins kalte Wasser zu springen und keine Angst davor hat, sich auf diese neue Art des Arbeitens einzulassen“, sagt Welter.

Genau diese Haltung hat auch Welters Arbeitsleben bisher geprägt, frei nach der Maxime: einfach machen.

Auf azur online stellen wir ab jetzt in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen. Beim nächsten Mal: Nathalia Schomerus, Head of Data and Digital Services bei RSM Ebner Stolz.

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