Porträt Nathalia Schomerus: Immer in Bewegung
Die Vereinten Nationen haben sie desillusioniert, von der Wissenschaft war sie nicht mehr überzeugt und Gründerin wollte sie auf Dauer auch nicht bleiben. Heute zählt die 31-jährige Juristin Nathalia Schomerus zu den prägenden Köpfen der deutschen Legal-Tech-Szene.
Während andere mit 14 Jahren noch in der Mittelstufe lernten, hatte Nathalia Schomerus ihr Abitur bereits in der Tasche. Mit 15 saß sie in den Hörsälen der Bucerius Law School. Die Zeit porträtierte sie damals als eine der jüngsten Studentinnen Deutschlands. Eigentlich eine Geschichte, die nach Wunderkind klingt. Nur: Wunderkinder haben meistens einen Plan. Schomerus hingegen scheint vor allem eine besondere Begabung dafür zu besitzen, ihre Pläne wieder umzustoßen um einen noch besseren zu entwickeln.
Sie wollte einmal Religionshistorikerin werden. Dann Menschenrechtsanwältin. Später Gründerin. Heute leitet die 31-Jährige den Bereich Data & Digital Services bei RSM Ebner Stolz in Berlin. Ihr Weg dorthin verlief allerdings anders als bei den meisten Jurakarrieren.
Uni? Oder lieber doch nicht?
Schon während ihres Studiums interessierte sich Schomerus für weit mehr als nur Paragrafen. Nach dem Einstieg an der Bucerius Law School in Hamburg änderte sie ihre akademische Ausrichtung komplett und studierte Theologie, zwischendurch auch einige Semester Volkswirtschaftslehre. Nach Studien- und Forschungsaufenthalten in England, Italien, Chile und Israel absolvierte sie einen Master an der Universität Oxford. Besonders die Religionsgeschichte hatte es ihr angetan. „Ich habe meine Zukunft eigentlich an der Uni gesehen“, sagt Schomerus.
Doch dann kam das Jahr 2020, das Jahr von Corona. Die Archive waren geschlossen, sodass ihre Dissertation praktisch unmöglich wurde. „Ich habe dann das Jurastudium fortgesetzt und zehn Jahre nach dem eigentlichen Start mein Erstes Examen gemacht, das Zweite habe ich bis heute nicht“, sagt Schomerus.
Auch für Menschenrechte interessierte sie sich schon früh. Ein Seminar beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen im Rahmen eines Nachwuchsprogramms sollte zeigen, ob eine Tätigkeit in diesem Bereich für sie infrage kommt. „Ich war allerdings schnell völlig desillusioniert“, erinnert sich Schomerus. „Wer da an den Tischen sitzt und über Menschenrechte verhandelt, das ist absurd.“
Also doch zurück an die Uni? „Da habe ich mich dann wiederum gefragt, ob ich andernorts der Welt gerade nicht mehr nützen kann, als wenn ich im akademischen Betrieb arbeite.“
So entdeckte Schomerus die Wirtschaft für sich. Allerdings weiterhin nicht auf dem klassischen juristischen Weg. Sie gründete ein Start-up, das ausrangierte Fischernetze recycelte. Mit diesem Unternehmen schaffte sie es auf die Liste „Forbes 30 under 30 Europe“. Gleichzeitig wurde ihr jedoch klar, dass sie für den weiteren Ausbau vollständig in die Gründerrolle hätte wechseln müssen. Stattdessen stieg sie aus.
„Jura ist ein Geschenk“
In dieser Zeit beschäftigte sich Schomerus vermehrt mit Technologie und Innovation. Dieses Interesse war nicht neu. Schon in ihrer Abiturzeitung, erzählt sie, habe man über sie geschrieben, sie sei ein ,Computercrack‘. Zudem bot ihr das Jurastudium eine hervorragende Grundlage für ihr nächstes Projekt: Legal Tech. „Ich bin froh, Juristin zu sein. Das ist ein Geschenk und ein Privileg“, sagt Schomerus. Jura stecke schließlich überall: beim Brötchenkauf, im Mietvertrag, in Unternehmen oder politischen Entscheidungen.
Warum also nicht beides verbinden? Es folgte der Wechsel in die Legal-Tech-Welt. Zunächst arbeitete Schomerus bei einer der großen Unternehmensberatungen, bevor sie 2022 zu CMS Hasche Sigle ging. Dort übernahm sie später die Leitung des Bereichs Künstliche Intelligenz im Legal-Tech-Team. In einer Zeit, in der generative KI begann, den Rechtsmarkt grundlegend zu verändern, gehörte sie zu denjenigen, die neue Anwendungen in Kanzleien vorantrieben.
Im Mai 2025 wechselte sie zu Legora, wo sie als Legal Innovation Lead die Zusammenarbeit mit Kanzleien und Rechtsabteilungen verantwortete. Gleichzeitig merkte Schomerus, dass das rasante Wachstum eines Legal-Tech-Unternehmens seinen Preis hat. Führungspositionen in einem solchen Start-up verlangten ein hohes Maß an eigener Flexibilität, verbunden mit vielen Reisen und dem ständigen Aufbau neuer Strukturen.
„Und dann wurde ich 30“, sagt Schomerus und lacht. Gemeinsam mit ihrer Frau plante sie die Familiengründung. „Meine Karriereambitionen wollte ich trotzdem nicht herunterschrauben.“ Gleichzeitig wurde ihr klar, dass sich der Aufbau eines Unternehmens im permanenten Wachstumstempo nur schwer mit ihren Familienplänen vereinbaren lasse.
Auch deshalb entschied sie sich für den Wechsel zu RSM Ebner Stolz. Seit Juli 2026 leitet sie dort als Head of Data & Digital Services einen neu geschaffenen Bereich, in dem die Gesellschaft ihre digitalen Kompetenzen bündelt. Dazu gehören Legal Tech, Audit Tech und Tax Technology. Das rund 60-köpfige Team treibt die digitale Transformation über alle Geschäftsbereiche hinweg voran.
Produkt statt Dienstleistung
„Für mich steht dabei weniger die Technologie selbst im Mittelpunkt als die Frage, wie Rechtsberatung künftig erbracht wird und wie wir juristische Probleme künftig besser lösen. Juristen sollten stärker in Produkten denken“, findet sie. Sie sollten also darüber nachdenken, wie sich juristische Dienstleistungen standardisieren und skalieren lassen.
Jungen Juristinnen und Juristen rät sie vor allem dazu, früh praktische Erfahrungen zu sammeln. „Viele dieser spannendsten Tätigkeiten auf dem heutigen Rechtsmarkt hat es noch gar nicht gegeben, als ich selbst Studentin war“, sagt Schomerus. Wer sich ausschließlich an klassischen Berufswegen orientiere, übersehe schnell die Möglichkeiten, die sich an den Schnittstellen von Recht, Technologie und Wirtschaft ergeben.
Auf azur online stellen wir in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen. Beim nächsten Mal: Ava Moussavi, Head of Legal Operations & Tech bei GvW Graf von Westphalen.
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