Ava Moussavi: Gestalterin der eigenen Rolle

Ava Moussavi hatte mit Ende 20 bereits erfolgreiche erste Jahre als M&A-Anwältin in London verbracht. Bis sie merkte: Jura reicht ihr nicht. Heute leitet die 34-Jährige das Legal Operations- und Tech-Team bei Graf von Westphalen (GvW). Ihr Rat an Juristen und solche, die es werden wollen: Hört auf, Legal Tech nur zu konsumieren. Gestaltet selbst!

An einem Nachmittag vor rund sechs Jahren lief Ava Moussavi durch London und wusste plötzlich: Sie will nicht mehr länger als Anwältin arbeiten. Sie war damals Ende 20 und hatte nach ihrem Jurastudium in London bereits mehrere Jahre Berufserfahrung als Corporate/M&A-Anwältin bei CMS gesammelt. Sogar bei der Büroeröffnung der Großkanzlei in Teheran war sie gemeinsam mit einer Partnerin aus Düsseldorf dabei. Das war 2016, kurz bevor Donald Trump seine erste Amtszeit antrat und das Büro von CMS in der iranischen Hauptstadt schnell wieder Geschichte war.

„Ich hatte damals das Gefühl, als Anwältin alles gelernt zu haben“, erzählt Moussavi. „Ich hätte den Beruf nicht einen Tag kürzer, aber auch nicht einen Tag länger machen wollen.“ Statt Mandat um Mandat zu bearbeiten, trieb sie vor allem eine andere Frage um: Was können wir im juristischen Arbeitsalltag technisch optimieren?

Die Dynamik der Start-ups

Für diese Frage waren damals noch die wenigsten Kanzleien empfänglich. So begann Moussavi, sich nach einer Alternative zur Kanzlei umzusehen. „Ich habe nach interessanten Start-ups geguckt“, sagt die Juristin, die sowohl in Großbritannien als auch in Irland und Deutschland als Anwältin zugelassen ist. Ihr Ziel: Bryter. Das 2018 gegründete Legal-Tech-Unternehmen gehörte damals zu den ersten erfolgreichen Anbietern seiner Art und befand sich auf starkem Wachstumskurs. Moussavi war mit ihrer Kanzleierfahrung dort sehr willkommen und trieb knapp zwei Jahre lang den Aufbau des Geschäfts in der EMEA-Region (Europa, Naher Osten, Afrika) voran, speziell in den DACH-, Benelux- und UK-Märkten. Darüber hinaus wirkte sie an der Produktentwicklung im Bereich Maschinelles Lernen mit.

„Mein Leben lang habe ich mich schon mit Technik befasst“, sagt sie. „Als Kind habe ich ständig irgendwas an den Computern des Büros meines Vaters kaputtgemacht und wieder repariert.“ Die Begabung kommt nicht von ungefähr. Moussavis Mutter, Soodabeh Eftekharyfar, war in Iran Filmmacherin und die erste Kamerafrau. Als sie nach Deutschland kam, wurde sie Multimediadesignerin und programmierte ihrer Tochter schon als Kleinkind die ersten Computerspiele selbst. Später wurde Moussavi auf demselben Feld aktiv, programmierte neben der Schule Websites.

Für die Juristin war die Zeit bei Bryter eine Art Beschleuniger. Sie lernte, wie Technologieprodukte entstehen, wie Kundenbedürfnisse in Software übersetzt werden und wie sich juristische Expertise sinnvoll mit technischen Lösungen verbinden lässt. Gleichzeitig erlebte sie die Dynamik eines schnell wachsenden Unternehmens aus nächster Nähe. Doch dauerhaft zog es sie zurück in die Kanzleiwelt. „Obwohl Bryter schon damals ein großes Start-up war, wollte ich ein größeres Haus mit mehr Bewegungskraft im Rechtsmarkt“, sagt Moussavi. Graf von Westphalen (GvW) fiel ihr dabei früh auf. Die Kanzlei war bereits Kundin bei Bryter und gehörte zu den Einheiten, die offen für Innovationen waren. Zudem reizte sie die Aussicht, nicht Teil einer internationalen Kanzlei mit langen Entscheidungswegen zu sein. Wichtig war ihr vielmehr, direkt mit der Kanzleiführung zusammenarbeiten zu können.

„Die Stelle bei GvW gab es nicht, als ich 2022 anfing“, sagt Moussavi. „Ich habe sie mir einfach selbst geschaffen.“ Ihre Arbeit  in der Kanzlei war anfangs stark operativ geprägt. Sie begleitete zahlreiche interne Projekte und arbeitete an Prozessen, die auf den ersten Blick wenig mit den großen Zukunftsfragen der Branche zu tun haben. „Ich habe auch so Projekte wie die Umstellung auf Windows 11 begleitet“, erzählt sie. Ihr Auftrag war dennoch von Beginn an derselbe: die Kanzlei fit für die Zukunft zu machen.

Seit dem vergangenen Jahr arbeitet Moussavi deutlich stärker an Legal Tech und strategische Fragestellungen. Gemeinsam mit ihrem derzeit sechsköpfigen, ganz unterschiedlich qualifizierten Team entwickelt sie Strukturen, Prozesse und technische Lösungen für die Kanzlei. Aus der Projektmanagerin von damals ist eine strategische Architektin geworden. Moussavi arbeitet full remote, aber falls sie einmal im Kanzleibüro sitzt, dann am häufigsten in Hamburg, denn dort sind auch die meisten ihrer Teammitglieder angesiedelt.

Wo Juristen besonders gefragt sind

Seit Jahren heißt es, dass der Bedarf an Juristen, die auch Technik mitdenken, groß ist. Doch wo fehlen sie besonders? Moussavi meint: „Wissensmanagement ist der Bereich, in dem Juristen, ob Volljuristen oder Wirtschaftsjuristen, dringend benötigt werden.“ Entscheidend ist aus ihrer Sicht weniger das technische Vorwissen als die Bereitschaft, sich mit neuen Werkzeugen auseinanderzusetzen. Moussavis Mindset: Kanzleien sind in erster Linie als Unternehmen zu sehen, und Jura ist der zentrale Baustein innerhalb eines größeren Systems. „Je mehr wir uns auf Technik verlassen, desto entscheidender ist es, dass Juristen wissen und prüfen, ob die Daten richtig sind.“ Dass Juristinnen und Juristen dafür programmieren können müssen, glaubt sie nicht. „Das Programmieren kann mittlerweile auch eine KI übernehmen und Programmierer können sie kontrollieren“, sagt sie. „Viel wichtiger ist die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Programmen und deren Anwendung. Juristen dürfen nicht nur Legal Tech konsumieren, sie sollten von Konsumenten zu Kreatoren werden.“

Den größten Hebel für Juristen sieht sie nicht unbedingt in Start-ups, sondern innerhalb der Kanzleien selbst. „Zumindest halte ich das für zukunftssicherer, wenn die großen Tech-Giganten den Legal-Tech-Markt stärker übernehmen, dann wird es eher weniger dieser kleineren Start-ups geben – und die Kanzleien haben Ressourcen und das Standing im Markt, um diesen zu verändern, wenn sie es richtig angehen.“ Die entscheidende Frage werde deshalb sein, wie Kanzleien Technologie einsetzen und in ihre Arbeit integrieren.

Trotzdem würde sie jederzeit wieder einige Jahre in einem Unternehmen verbringen. Der Blick von außen habe ihr geholfen, juristische Arbeit in einem größeren Zusammenhang zu verstehen. Dass Moussavi irgendwann wusste, keinen Tag länger Anwältin sein zu wollen, war für sie deshalb kein Abschied vom Recht. Es war vielmehr der Ausgangspunkt für eine Karriere, in der ihr juristisches Wissen eine neue Rolle gefunden hat.

Auf azur online stellen wir in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen. Beim nächsten Mal: Christopher Runte, Gründer der KI-Anwendungen ,Lawsuite‘ und ,Loura‘.

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