Interview: „Mit BWL wäre ich in viel kürzerer Zeit weiter gekommen“

Im Einzelbüro sitzen und Klauseln bearbeiten? War nie ihr Ding. Alexander Laprell (38) und Moritz Krüsselmann (35) arbeiten lieber an der Zukunft des Rechtsmarkts mit. Die beiden Volljuristen leiten das Legal Tech Colab und sind der Meinung: Der Bedarf an Juristen mit guten Legal-Tech-Ideen ist riesig.

Azur: Herr Laprell, Sie sind Volljurist, haben aber nie als Anwalt gearbeitet. Sie leiten in München das Legal Tech Colab, einen Inkubator, der Start-ups zur Marktreife verhilft. Wie sind Sie eigentlich dort gelandet?
Alexander Laprell: Ursprünglich wollte ich gar nicht Jura machen, sondern war kurz davor, Operngesang zu studieren. Ich war in Musik richtig gut, die Liebe zur Klassik war aber dann doch nicht groß genug. Am Ende habe ich mich dann doch für Jura entschieden, beide Staatsexamen in meiner Heimatstadt München gemacht. Ich hatte sehr gute Noten, konnte mir aber keinen der klassischen Karrierewege vorstellen und bin bei einer Agentur eingestiegen. Später hat mich meine Leidenschaft fürs Wellenreiten nach Australien geschickt, ich habe dort einen MBA gemacht und parallel mit meinem alten Chef ein Start-up gegründet: Fahrradanhänger für Wassersportler. Im besten Jahr fast eine Million Euro Umsatz – am Ende haben wir die Firma an die Thule-Gruppe in Schweden verkauft. Und dann kam der ChatGPT-Moment. Ich dachte: Jura könnte jetzt nochmal spannend werden. So bin ich zum Legal Tech Colab gekommen.

Alexander Laprell

Was hat Sie an der klassischen Juristerei denn abgeschreckt?
Laprell: Man arbeitet sehr viel allein. Ich wollte Teamarbeit, ich wollte ideengetriebenes Arbeiten. Vieles war sehr repetitiv. Und man musste sich früh spezialisieren. Zehn Jahre IT-Recht und dann nur noch das? Das war mir zu eng. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, auch der Staatsdienst und eine Verbeamtung wären für mich unvorstellbar. Und ehrlich gesagt: Manche Charaktertypen unter den Juristen haben mich abgeschreckt. Ich habe mir gedacht: In 20 Jahren möchte ich nicht so sein.

Herr Krüsselmann, wollten Sie etwa auch nie Jurist werden?
Moritz Krüsselmann: Ich hätte fast Architektur studiert! Aber das Jurastudium ging zwei Wochen später los – da bin ich da gelandet, so einfach war das. Studiert habe ich in Freiburg, mit einem Jahr in Buenos Aires, das Referendariat habe ich dann in München gemacht. Zum Berufsstart bin ich nach Berlin gegangen, zu einem nachhaltigen Investmentfonds. Wir haben Farmen in Süd- und Mittelamerika gekauft und auf biologische Modelle umgestellt. Danach zog es mich wieder zurück zum Anwaltsberuf – zu V14, einer auf Venture Capital spezialisierten Kanzlei in Berlin. Das waren tolle Jahre, in denen ich viele Gründer bei deren Finanzierungsrunden begleitet habe und nebenbei zusammen mit Kollegen interne Legal Tech Tools für die Kanzlei gebaut habe. Ich fand dabei aber immer den wirtschaftlichen Teil und die Geschäftsideen spannender als die rechtlichen Feinheiten. Als beim Legal Tech Colab eine Stelle frei wurde, war der Weg klar.

Moritz Krüsselmann

Wie viel muss man denn von IT verstehen, wenn man in Ihrem Job arbeitet?
Krüsselmann:
 Dass ich tiefe IT-Kenntnisse habe, das wäre gelogen. Damit würde ich  den Programmierern Unrecht tun. Es geht eher um natürliches Interesse. Man sollte das Vokabular der IT verstehen. Ich weiß, was eine API ist und wie sie grob funktioniert. Fragen Sie das mal unter Juristen, ob die das wissen! Die Antwort wäre ziemlich ernüchternd. Und je weiter wir mit Vibe-Coding und No-Code voranschreiten, desto weniger braucht man diese Skills sogar.
Laprell: Ich habe mir als Jugendlicher meine Computer selbst zusammengebaut, später den Webshop für mein Start-up mit HTML und JavaScript aufgebaut. All das machen die Sprachmodelle heute besser, als ich es je konnte. Aber die Grundbegriffe helfen, um mit Technikern besser sprechen zu können.

Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?
Laprell: Sehr viel Netzwerk- und Kontaktpflege, Stakeholder-Management, wir beobachten den Legal-Tech-Markt. Wir sind ein Nonprofit-Unternehmen, deshalb müssen wir zum Beispiel auch Förderberichte schreiben und Kontakte ins Ministerium pflegen. Und einmal im Monat haben wir ein Entry Gate: Teams bewerben sich mit ihren Pitch-Decks, wir prüfen, ob wir helfen können.
Krüsselmann: Die laufende Betreuung liegt schwerpunktmäßig bei mir. Wir betreuen 20 bis 30 Teams. Alle sechs Wochen Check-Ins, wir schauen: Wo stehen sie, was brauchen sie? Wenn ein Team eine Finanzierungsrunde machen will, helfe ich beim Pitch-Deck, vermittle Investoren, gebe eine Einschätzung zum Businessplan. Der zweite Teil ist strategischer Partnerschaftsaufbau. In unserem Netzwerk sind rund 300 Kanzleien und Rechtsabteilungen, die explizit mit Start-ups in Kontakt kommen wollen.

Fehlt Ihnen die juristische Arbeit manchmal?
Laprell: Mir fehlt es, ein eigenes Produkt zu bauen. Aber Klauseln zu formulieren – nein, das vermisse ich nicht.
Krüsselmann: Die fehlenden Kommas auf Seite 37 zu suchen, vermisse ich auch nicht. Was ich schon vermisse: Dieses „Trusted Advisor“-Gefühl. Eine Transaktion, die fertig wird, das Vertrauen der Mandanten, die gemeinsame Reise.

Warum kann es für junge Juristen interessant sein, sich im Legal-Tech-Bereich zu engagieren?
Laprell: Also, ich glaube, es ist typabhängig. Wenn ich der Typ bin, der sich gerne in seinem Einzelbüro in juristische Probleme vertieft oder auch gerne noch drei Jahre an der Promotion schreibt und das wahnsinnig spannend findet, für den ist dieses Umfeld nichts. Doch wenn ich Lust habe, ein sehr schnelllebiges Umfeld zu haben, ganz viele verschiedene Einflüsse zu haben, die teilweise auch mit Jura gar nichts zu tun haben, zu sehen, wo die Technologie hingeht und vielleicht auch schneller zu verstehen, wie sich der juristische Beruf verändern wird durch diese rasante technologische Veränderung: Dann ist man hier an der richtigen Stelle.
Krüsselmann: Genau. Wenn Sie Lust auf interdisziplinäres Arbeiten haben, ist es super spannend. Sie sitzen immer an Schnittstellen. Man hat mit Menschen aus vielen verschiedenen Berufsgruppen zu tun.
Laprell: … und diese Unterscheidung zwischen „Juristen“ und „Nicht-Juristen“ ist sehr deutsch. In den USA studiert man erst etwas anderes und wird dann Jurist, das öffnet den Horizont. Ich bin überzeugt: Es täte allen Juristen gut, mal in die Wirtschaft zu gehen, um Kosten-Risiko-Abwägungen zu verstehen. Als Unternehmer habe ich jedenfalls immer die Anwälte geschätzt, die pragmatisch waren.

Würden Sie heute nochmal Jura studieren?
Laprell: Mittlerweile würde ich das mit Nein beantworten. Mit BWL wäre ich in viel kürzerer Zeit weiter gekommen. Die juristische Denkweise ist wertvoll, aber diese Ausbildung würde ich so nicht nochmal machen.
Krüsselmann: Ganz ähnlich. Das zweistufige Examensstudium in der heutigen Form kann man niemandem mehr guten Gewissens empfehlen. Man muss keine Leute reihenweise mit Traumata aus dem zweiten Staatsexamen entlassen. Die Stoffmengen sind in Zeiten von KI nicht mehr zeitgemäß.

Wie sieht der Rechtsmarkt in Zukunft aus?
Krüsselmann: Der Bedarf an Rechtsberatung geht keineswegs zurück, im Gegenteil: Die Regulierungskomplexität steigt. Der jetzige zurückhaltende Bewerbermarkt ist noch keine unmittelbare Folge von Legal Tech, sondern von wirtschaftlicher Abkühlung. Aber: Ein Jurist der Zukunft muss seine Werkzeuge kennen. Und dieses Werkzeug wird ganz sicher KI sein.
Laprell: Die Technologie wird die Arbeit der Anwälte verändern. Ich glaube, viele große Kanzleien werden sich verkleinern, es werden mehr Boutiquen entstehen. Die Pyramidenstruktur mit Associates, die Fleißarbeit machen gibt es bald nicht mehr – diese Fleißarbeit wird durch KI ersetzt. Wer heute in eine Kanzlei geht, sollte den zukünftigen Arbeitgeber challengen: Wo nutze ich Legal-Tech-Tools in meiner täglichen Arbeit?

In welchen Bereichen sehen Sie Potenzial für neue Start-ups?
Laprell: Erstens: Datenaufbereitung. Viele zerbrechen sich die Köpfe, wie sie ihre Daten so aufbereiten, dass Sprachmodelle sinnvoll damit arbeiten können. Zweitens: Datenschätze, die noch brachliegen: Satellitendaten, Handelsregister, Vorsorgeregister. Drittens: vertikale Spezialbereiche. Wir haben zum Beispiel mit Lextract eine Firma im Haus, die macht Due Diligence – ähnlich wie Legora oder Harvey, aber auf diesen Use Case spezialisiert und deshalb einfach besser.
Krüsselmann: Zusammengefasst: Es fehlt an Spezialwerkzeugen für Rechtsbereiche. Ein weiteres großes Feld: selbst eine Kanzlei aufmachen und KI-unterstützt beraten.
Laprell: Und noch ein Rat: Wer nach dem Ersten Staatsexamen überlegt, ob er wirklich das Zweite machen soll und tech-affin ist, für den wäre es total spannend, sich mehr mit Programmieren zu beschäftigen. Trotz Vibe-Coding braucht es Entwickler. Die Kombination – jemand versteht Jura und kann programmieren – ist heiß begehrt. Unser Academic Director an der TU München, Professor Grabmair, ist genau das: erstes Staatsexamen, dann Informatik. In unserem Bereich ist das eine Superpower.

Was überzeugt Sie eigentlich, wenn sich ein Start-up bei Ihnen bewirbt?
Laprell: Team und Teamdynamik sind das A und O. Im frühen Finanzierungsbereich ist es immer eine Wette aufs Team. Gutes Beispiel: Viktor von Essen von Libra hat sich mit einem Pitch-Deck beworben, das mit dem späteren Produkt nichts zu tun hatte. Aber er war der richtige Typ, mit dem richtigen Co-Founder. Und ein Jahr später kam der Treffer. Libra ist heute eines der bekanntesten KI-Workspace-Tools für Kanzleien und Rechtsabteilungen.
Krüsselmann: Ich würde als wichtige Fähigkeit noch Beharrlichkeit ergänzen. Manche Leute kommen rein, und selbst wenn uns das Geschäftsmodell nicht überzeugt, sehen wir: Die werden ein erfolgreiches Unternehmen gründen. Selbst wenn es sie dreimal zurückwirft – die stehen wieder auf. Ein Businessmodell kann sich noch entwickeln. Beharrlichkeit hat man oder nicht.

Wie viele der Startup-Gründer sind selbst Juristen?
Krüsselmann: Idealerweise wünschen wir uns ein Drittel Juristen, ein Drittel Techies, ein Drittel Business. Faktisch sind es bei den Juristen eher zwischen einem Drittel und der Hälfte.

Und wie lange begleiten Sie die Start-ups?
Laprell: Im Schnitt zwei Jahre. Manche sind schneller, weil sie so erfolgreich sind, dass sie die Frühphase überspringen. Aber zwei Jahre kann man schon sagen.

Herr Laprell, Herr Krüsselmann – vielen Dank für das Gespräch.

Auf azur online stellen wir ab jetzt in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen: Beim nächsten Mal:  Alisha Andert, Volljuristin, seit Mai Geschäftsführerin des Legal Tech Bundesverbands.


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