Adé, Aktenböcke und Gürteltiere!

Sie findet Jura toll, aber mit dem klassischen Anwalts- oder Richterberuf konnte sie sich nie anfreunden: Alisha Andert (36), Volljuristin, ging schon früh einen innovativen Weg. Der führte sie über das Start-up Flightright bis zur Gründung eines eigenen Unternehmens. Heute leitet sie den Legal Tech Verband und sagt: Junge Juristen haben viel mehr Möglichkeiten als früher.

Wer Gürteltiere sehen will, muss nicht unbedingt in den Zoo gehen. Sie sind Referendaren an Gerichten ebenfalls wohlbekannt: Gürteltiere nennt man auch die extrem dicken, umfangreichen Aktenstapel, die mit Gummiringen, Bindfäden oder festen Aktenbändern („Gürteln“) zusammengehalten werden müssen. Als Alisha Andert 2017 ihre Referendarstation am Gericht absolvierte, waren Gürteltiere noch sehr häufig zu sehen. Andert fand das damals abschreckend, altbacken, undynamisch, wie die Justiz arbeitete. „Ich war so sicher gewesen, dass ich Richterin werden will“, erzählt die 36-Jährige, „und fand es inhaltlich weiterhin spannend. Nur die Arbeitsweise, die war gar nichts für mich.“

Sinnkrise im Referendariat

Andert, gebürtige Berlinerin, studierte damals in Potsdam und hatte sich nie große Gedanken zu ihrem Berufsweg gemacht. „Meine Ideen waren ganz klassisch: Entweder Rechtsanwältin oder Richterin“, sagt sie. Doch plötzlich stieß die Erfahrung mit dem Richteramt sie in eine kleine Sinnkrise, und das kurz vor dem Berufsstart: Wo sollte sie eine für sie passende Arbeitsumgebung finden, wenn das Richteramt ausschied?

Die Antwort fand Andert dort, wo damals noch wenige Juristen hinschauten: an der Schnittstelle von Recht, Technologie und Innovation. „Online habe ich auf der Suche nach der passenden Wahlstation eine Anzeige von Flightright gesehen“, erzählt sie. „Das hat mich alles sofort angesprochen, das Team, alles war so ,start-uppy‘.“

Sie stieg als Referendarin in das junge Unternehmen ein, das sich bis heute um die Durchsetzung der Rechte von Verbrauchern bei verspäteten Flügen kümmert. Dort traf sie auf Menschen, die ganz ähnlich tickten. Schon früh interessierte sich Andert für die Frage, wie Recht eigentlich bei den Menschen ankommt, die damit arbeiten oder davon betroffen sind. Als Studentin absolvierte sie einen Design-Thinking-Lehrgang am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, der ihr die Methode vermittelte, bestehende Prozesse konsequent aus Sicht der Nutzenden zu betrachten.

Jura, aber besonders nutzerfreundlich

Andert merkte schnell, dass sie bei Flightright richtig war. Hier fand sie vieles von dem wieder, was ihr im Gericht gefehlt hatte: kurze Wege, Eigenverantwortung und die Freiheit, Dinge auszuprobieren. Sie leitete Workshops und wurde 2019, nach ihrem Zweiten Staatsexamen, Head of Legal Innovation – in einer Phase, in der das Unternehmen stark wuchs. Kurze Zeit später wechselte sie zur Flightright-Ausgründung Chevalier: einer Tech-Kanzlei, die auf technologiegestützte Beratung setzt und vor allem Arbeitnehmer in Kündigungssituationen berät. Dabei hatte Andert dem Recht keineswegs den Rücken gekehrt. Im Gegenteil. Was sie faszinierte, war weiterhin Jura, nur nicht in den Strukturen, die sie während ihrer Gerichtsstation kennengelernt hatte. Während viele Juristen vor allem darüber nachdenken, was rechtlich richtig ist, beschäftigt sie sich zusätzlich mit der Frage, wie rechtliche Lösungen verständlicher, zugänglicher und nutzerfreundlicher werden können.

2021 gründete sie gemeinsam mit Mitstreitern die auf den Rechtsmarkt spezialisierte Innovationsberatung This is Legal Design. Dort beriet sie Kanzleien und Rechtsabteilungen bei Themen wie Legal Operations, Legal Tech und Legal Transformation. Dabei ging es ihr längst nicht nur um neue Software oder die Einführung einzelner Tools. Vielmehr stellte Andert mit ihren Kunden grundlegende Fragen: Wie müssen Arbeitsabläufe gestaltet sein? Welche Aufgaben lassen sich automatisieren? Und wie können juristische Dienstleistungen so entwickelt werden, dass sie für Mandanten, Unternehmen oder Bürger tatsächlich verständlich und hilfreich sind?

Ein ,start-uppiger‘ Verband

Als sich 2020 der Legal Tech Verband Deutschland gründete, war Andert von Anfang an aktiv. Der Verband hat sich mittlerweile etabliert und setzt sich dafür ein, Digitalisierung und Innovation auf dem Rechtsmarkt voranzutreiben. Er verfasst unter anderem Stellungnahmen zu politischen Initiativen und vertritt die Interessen einer Branche, die stetig wächst. „Der Verband ist die organisierte Stimme der modernen Juristerei“, sagt Andert.

Mittlerweile zählt er knapp 200 Mitglieder, darunter Kanzleien, Tech-Anbieter, Rechtsabteilungen sowie Verlags- und Medienhäuser. Seit ihrer Rückkehr aus der Elternzeit führt Andert den Verband in einer Doppelfunktion als Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin. Ihr eigenes Start-up hat sie im Mai gemeinsam mit ihren Mitgründern aufgegeben.

Verband? Das klingt zunächst wieder ein wenig nach Aktenberg und Gürteltier. Andert lacht. „Wir sind extrem hands-on“, sagt sie. „Es ist der start-uppigste Verband, den ich kenne.“ Auch wenn Andert keine klassische Juristenkarriere eingeschlagen hat, fühlt sie sich dem Fach bis heute eng verbunden. „Das Studium war extrem hilfreich, um juristische Logiken zu verstehen und das Abwägen von Sachverhalten zu lernen.“ An vielen Stellen habe ihr die juristische Ausbildung samt der Examina zudem den nötigen Respekt verschafft.

Die Entwicklung des Rechtsmarkts sieht sie insgesamt positiv. Vor allem eröffnet sie jungen Juristen heute deutlich mehr Möglichkeiten, als es sie noch vor wenigen Jahren gab. Wer sich für Innovation interessiert, sollte sich ihrer Ansicht nach die Legal-Tech-Teams großer Kanzleien ansehen oder Rechtsabteilungen mit ihren Legal-Ops-Einheiten in Betracht ziehen. „Besonders gefragt sind außerdem doppelt Qualifizierte, die Informatik und Jura studiert haben.“ Solche Legal Engineers würden derzeit von vielen Kanzleien, Rechtsabteilungen und Legal- Tech- Unternehmen händeringend gesucht.

Vielleicht ist das die größte Veränderung seit ihrer Referendarzeit: Wer Jura studiert, muss sich heute nicht mehr nur zwischen Richterbank und Anwaltskanzlei entscheiden. Alisha Andert ist selbst der Beweis dafür, dass es längst andere Wege gibt.

Auf azur online stellen wir ab jetzt in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen: Beim nächsten Mal: Paul Welter, Gründer des Legal Tech Unternehmens Bayshore.


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