Die Übersetzerin

Juristen, Entwickler und KI-Experten sprechen oft über dieselben Probleme und reden doch aneinander vorbei. Anisja Porschke (31) hat daraus einen Beruf gemacht. Sie übersetzt zwischen den Welten des Rechts und der Technologie.

Wenn Anisja Porschke ihre Arbeit beschreibt, fällt oft ein Wort: übersetzen. Bei der Legal-Tech-Plattform Fides vermittelte sie zwischen Juristen und Entwicklern. Heute unterstützt sie mit dem AI Club Kanzleien und Rechtsabteilungen dabei, künstliche Intelligenz in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Immer geht es darum, Menschen zusammenzubringen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, obwohl sie dieselben Probleme lösen wollen. „Es ist faszinierend, wie sehr Juristen und Softwareentwickler aneinander vorbeireden, wenn niemand die Übersetzerin in der Mitte spielt“, sagt sie.

Dass sie einmal genau in dieser Rolle landen würde, war trotzdem nicht vorgezeichnet. Denn eigentlich hatte Porschke nie einen festen Karriereplan. „Ich hatte viele Plan Bs und keinen Plan A.“ Was sie stattdessen hatte, war Neugier. Auf neue Themen, neue Perspektiven und neue Systeme. Dabei beginnt ihre Karriere erst einmal ziemlich klassisch. Porschke studiert Jura in Hamburg, absolviert ihr Referendariat während der Corona-Pandemie und durchläuft Stationen beim Bundesjustizministerium, bei Noerr und bei Brot für die Welt. Sie nutzt die verschiedenen Stationen, um herauszufinden, wie und wo sie arbeiten möchte.

Kurz vor Ende des Referendariats wird die offene Zukunftsplanung allerdings zur Herausforderung. Der Berufseinstieg rückt näher. Die Arbeit im Ministerium hat ihr gefallen, gleichzeitig wünscht sie sich mehr Gestaltungsspielraum. Der NGO-Bereich reizt sie, passende Möglichkeiten ergeben sich jedoch nicht. Also doch die Kanzlei? Danach sieht es zunächst aus. Bis das Telefon klingelt.

Rein ins Start-up-Leben

Am anderen Ende ist Philippa Peters, ihre Ausbilderin aus der Anwaltsstation bei Noerr. Peters baut zu diesem Zeitpunkt ein Legal-Tech-Unternehmen auf und sucht die erste Mitarbeiterin. Porschke zögert nicht lange. Obwohl sie, wie sie heute lachend erzählt, „überhaupt nicht verstanden“ habe, was das Unternehmen eigentlich machen wollte. Aus dem spontanen Versuch werden drei Jahre bei Fides.

Dort arbeitet sie als Legal Product Manager. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Rechtsabteilungen schildern Probleme, Entwickler suchen technische Lösungen. Dazwischen sitzt Porschke. Juristische Fragestellungen muss sie plötzlich so formulieren, dass Computer sie verarbeiten können. Wer darf abstimmen? Wann gilt ein Beschluss als angenommen? Welche Informationen braucht ein digitales Beteiligungsmanagement?

Genau diese Rolle gefällt ihr. Tief in juristischen Spezialmaterien zu versinken, reizt sie ebenso wenig wie eine Tätigkeit als Entwicklerin. Spannend wird es für die 31-Jährige dort, wo unterschiedliche Denkweisen aufeinandertreffen. „Ich arbeite sehr gerne interdisziplinär“, sagt sie. Neue Themen zu verstehen und sich in unbekannte Bereiche einzuarbeiten, mache ihr oft mehr Freude, als immer tiefer in dieselben Rechtsfragen einzusteigen.

Bei Fides gehört deshalb am Anfang nicht nur die Produktentwicklung zu ihren Aufgaben. „Ich habe mit Kundinnen und Kunden gesprochen, mich um Datenschutz gekümmert und zeitweise sogar das Entwicklerteam mitverantwortet“, erzählt Porschke. Im Start-up gelte oft ein einfaches Prinzip: Man kümmert sich selbst darum, weil es sonst niemand tut. Gerade das habe sie begeistert. „Es war für mich sehr prägend, Ideen unmittelbar umsetzen und Ergebnisse direkt sehen zu können.“

Parallel beginnt sie selbst zu programmieren. Sie will verstehen, wie die andere Seite denkt. „Ich bin nie die Person im Raum mit dem größten Technikwissen“, sagt sie. Das müsse sie auch gar nicht sein. Viel wichtiger sei es, die richtigen Fragen stellen zu können. Mit dem Aufkommen generativer KI gewinnt diese Schnittstellenfunktion zusätzlich an Bedeutung. Heute würden viele ihre damalige Rolle wohl als Legal Engineer beschreiben. „So hieß die Rolle auch kurzzeitig. Aber damals konnte sich niemand etwas darunter vorstellen und ich fand Legal Product Manager besser“, sagt sie. Gerade darin sieht sie eine spannende Entwicklung für junge Juristinnen und Juristen. Nicht jeder müsse programmieren lernen. Aber immer mehr Rollen entstünden dort, wo juristische Expertise auf Technologie, Produktentwicklung oder Organisationsfragen trifft.

Aus Technik wird Alltag

Nach drei Jahren bei Fides steht Porschke erneut an einem Wendepunkt. Wieder führt sie Gespräche mit Kanzleien. Wieder liegen attraktive Optionen auf dem Tisch. Und wieder entscheidet sie sich anders. Sie lernt Aaron Keilhau kennen, der eine Plattform für KI-Weiterbildung aufbauen möchte. Die Idee überzeugt sie sofort. Gemeinsam gründen sie die AI Club GmbH. Heute verantwortet Porschke den AI Legal Club, der gemeinsam mit der Bucerius Law School entstanden ist.

Ihre Aufgabe hat sich dabei weniger verändert, als es auf den ersten Blick scheint. Auch hier geht es darum, Menschen dabei zu unterstützen, eine neue Sprache zu lernen. Nur sitzen sich diesmal nicht Juristen und Entwickler gegenüber. Stattdessen versucht eine ganze Branche zu verstehen, wie sie künstliche Intelligenz sinnvoll einsetzen kann.

Viele Kanzleien und Rechtsabteilungen haben inzwischen erste Erfahrungen mit KI-Tools gesammelt. Die Herausforderung liegt heute häufig woanders: Wie integriert man die Anwendungen sinnvoll in bestehende Arbeitsabläufe? Welche Aufgaben lassen sich tatsächlich effizienter erledigen? Und welche Kompetenzen brauchen Juristinnen und Juristen künftig überhaupt noch?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Porschke täglich. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Weiterbildungsangebote, organisiert Veranstaltungen und bringt Praktikerinnen und Praktiker zusammen, die ihre Erfahrungen teilen. Ziel ist es nicht, aus Juristen Programmierer zu machen. Vielmehr geht es darum, Berührungsängste abzubauen und einen reflektierten Umgang mit den neuen Werkzeugen zu fördern.

Dabei profitiert sie von den Erfahrungen aus ihrer Zeit bei Fides, wo sie bereits rechtliche Anforderungen für Entwickler übersetzte. Heute übersetzt sie die Möglichkeiten neuer Technologien für Juristinnen und Juristen. Die Schnittstelle ist geblieben, nur die Gesprächspartner sind andere.

Die Technologie hat sich verändert, ihre Motivation dahinter kaum. „Ich baue einfach sehr gerne“, sagt Porschke. Ob Softwareprodukte, neue Formate oder Weiterbildungsangebote: Besonders spannend werde es immer dann, wenn aus einer Idee etwas Konkretes entsteht. Der schönste Moment sei der Augenblick, in dem ein Konzept plötzlich funktioniere und Menschen davon profitieren könnten. „Der Wow-Moment am Ende, der ist so, so cool.“

Auf azur online stellen wir in loser Folge Menschen vor, die derzeit die Legal-Tech-Szene prägen.

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