Wer, wenn nicht wir? Pessimistin mit Leidenschaft

Sie kündigen aus Protest, stärken queere Sichtbarkeit und warnen vor demokratischer Faulheit. Was sie eint: die Überzeugung, dass der Rechtsstaat kein Selbstläufer ist.

Dr. Roya Sangi (40)
Partnerin, Redeker Sellner Dahs

Aufgewachsen in:
Teheran

Erste berufliche Station:
Redeker Sellner Dahs

Sechs Porträts über Mut, Verantwortung und die Frage, was Recht mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Alles wird gut? Nein, das wäre kein Spruch, den Dr. Roya Sangi typischerweise äußern würde. Sie zitiert lieber den DDR-Lyriker Heiner Müller: ,Optimismus ist nur ein Mangel an Informationen.‘ Denn Sangi macht sich Sorgen. Darum, dass wir den Rechtsstaat nach 80 Jahren in Frieden nur noch als ,nice to have‘ sehen. Dass wir zu sehr glauben, dass sich ,andere‘ um ihn kümmern müssen. Dass wir zu bequem werden und am Ende den Kipppunkt, an dem die Demokratie erodiert, verpassen.

Sangi will nicht wegsehen, auch wenn Hinschauen wehtut. Sie engagiert sich. Und das neben ihrem eigentlichen Beruf, in dem sie so erfolgreich ist, dass sie Anfang 2025 zur Partnerin ernannt wurde: Die 40-Jährige ist Verfassungsund Europarechtlerin in einer der dafür renommiertesten deutschen Kanzleien, bei Redeker Sellner Dahs in Berlin. Für sie fußt beides – ihr Beruf und ihr ehrenamtliches Engagement – auf einer grundlegenden Annahme: Es gilt die regelbasierte Grundordnung. Nicht das Recht des Stärkeren. „Wer Diktaturerfahrung hat“, sagt Sangi, die 2003 aus Teheran nach Hamburg immigrierte, „der weiß Freiheit und Rechtsstaatlichkeit besonders zu schätzen.“

JUVE: Wenn der Rechtsstaat eine Person wäre – wie würden Sie sie in drei Worten beschreiben?
Dr. Roya Sangi: Aufrecht, fair, achtsam.

Welche kleine Gewohnheit hilft Ihnen, auch in schwierigen Zeiten zuversichtlich zu bleiben?
Ich lächele meine Mitmenschen auf der Straße an – und wenn dies nur eine Person erwidert, gibt es noch Grund zur Zuversicht!

Das Öffentliche Recht – und insbesondere das Verwaltungs- und Europarecht – faszinierte Sangi schon früh: Eine ihrer Referendariatsstationen absolvierte sie am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, wo sie 2016 den Verfassungsrechtler Prof. Dr. Ulrich Karpenstein, Partner bei Redeker, kennenlernte. Dieser vertrat den Energiekonzern Vattenfall, als es um Entschädigungen wegen des von der Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs ging. Ein Jahr später fing Sangi bei Redeker an, wurde 2023 Counsel, 2025 Partnerin.

Sangi appelliert an junge Juristinnen und Juristen, sich der Macht der Rechtswissenschaften bewusst zu werden. Sie sagt: „Studierende sollten sich rechtzeitig fragen: Warum Jura? Um einen gut bezahlten Job zu haben? Um Anerkennung zu bekommen? Oder um Rechte im Rechtsstaat mitzugestalten und zu verteidigen?“

Nicht bequem sein, nicht schweigen. Denn es ist die schweigende Masse – das weiß Sangi auch aus der eigenen Biografie, dem Aufwachsen in einem Willkürstaat – die zulässt, dass Rechtsstaatlichkeit ausgehebelt wird. Sangi handelt dabei nicht ideologisch, und sie versteht sich auch nicht als ,Menschenrechtsaktivistin‘. Sie handelt als Fachfrau.

Für Sangi ist dieser Preis eine der vielen Möglichkeiten, um auf das Thema Rechtsstaatlichkeit – „das einzige Mittel, um friedliches Zusammenleben zu regeln“ – aufmerksam zu machen. Eine andere findet sie, indem sie Workshops beim Anwaltstag organisiert. „Wir müssen solche Themen aber auch immer wieder im Privaten ansprechen“, sagt Sangi. „Nicht, indem wir Menschen wegen ihrer Positionen anklagen, sondern indem wir ihnen zuhören und um gemeinsame Fundamente ringen. Die Zeit drängt: „Wir sehen in den USA, wie schnell sich die Autokraten über das Recht stellen und die freiheitlich-demokratischen Institutionen zugrunde richten“, sagt Sangi. Da bleibt kaum Zeit für Optimismus.

Hier findet ihr die weiteren Porträts aus der Reihe:

Wer, wenn nicht wir? Die alltäglichen Freiheiten. Porträt über Stefan von Raumer

Wer, wenn nicht wir? Die Rebellin. Porträt über Rachel Cohen

Wer, wenn nicht wir? Der Laute. Porträt über Dr. Thomas Meiers

Wer, wenn nicht wir? Keine halben Sachen. Porträt über Dr. Annika Bleier

Wer, wenn nicht wir? Der Teilzeit-Verfassungsrechtler. Porträt über Dr. Lennart Laude


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