Wer, wenn nicht wir? Der Teilzeit-Verfassungsrechtler

Sie kündigen aus Protest, stärken queere Sichtbarkeit und warnen vor demokratischer Faulheit. Was sie eint: die Überzeugung, dass der Rechtsstaat kein Selbstläufer ist.

Dr. Lennart Laude (33)
Senior Associate bei Noerr in München

Aufgewachsen in:
Fürstenfeldbruck, Wilhelmshaven

Erste berufliche Station:
Am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Sechs Porträts über Mut, Verantwortung und die Frage, was Recht mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Gründe für Teilzeit gibt es viele, doch nur wenige entscheiden sich dafür, um in ihrer freien Zeit den Rechtsstaat zu schützen. Dr. Lennart Laude tut genau das. Einen Tag pro Woche widmet der 33-Jährige dem Verfassungsblog – einem Forum, das sich für den zivilen Verfassungsschutz einsetzt. Sein Engagement für den Rechtsstaat ist für Laude kein Hobby, sondern ein Bedürfnis. Rechtsstaatlichkeit sei fragil, sagt er, auch in Deutschland.

Was ihn antreibt? Eine tiefe Prägung aus dem Elternhaus. Seine Mutter, aufgewachsen in der DDR, erzählte viel über ein Studium, das von Freiheit weit entfernt war. „Das hat mir vor Augen geführt, wie wichtig ein Staat ist, der grundlegende Rechte nicht nur auf dem Papier schützt.“ Sein Interesse für politiknahe Themen führte ihn schließlich in die Juristerei.

Dass aus Laude kein Verfassungsrechtler geworden ist, verwundert ein bisschen, schlug er doch zunächst einen klassisch öffentlichen-rechtlichen Weg ein: Nach dem ersten Examen blieb er an der Universität Kiel und arbeitete am Lehrstuhl für Öffentliches Recht. Seine Dissertation schrieb er über automatisierte Meinungsbeeinflussung in sozialen Netzwerken – ein Thema, das ihn nicht nur juristisch, sondern auch technisch packte. Seine Faszination für technische Prozesse lebte er an der London School of Economics and Political Science aus, wo er ein LL.M.-Studium im IT-, Medien- und Kommunikationsrecht absolvierte. Es folgten Stationen bei der öffentlich-rechtlichen Boutique Chatham Partners und Google während des Referendariats. Am Ende musste er sich für eine Spezialisierung entscheiden und wählte das IT- und Datenrecht.

JUVE: Was würden Sie tun, wenn Sie unendlich viel Geld hätten?
Dr. Lennart Laude: Ich würde eine neue NGO gründen oder eine bestehende finanzieren, die sich für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie einsetzt. Für den Spaß und gute Gespräche würde ich außerdem eine Kneipe betreiben.

Wenn Sie dem Rechtsstaat ein Maskottchen verpassen dürften – welches wäre es?
Eine Schildkröte. Sie hat eine harte Schale, aber einen weichen Kern. Sie kann in vielen Lebensräumen überleben und wird – meistens – recht alt. Zugleich benötigt sie in manchen Teilen der Welt mehr Schutz und Aufmerksamkeit.

Heute arbeitet Laude als Rechtsanwalt im Münchner Büro von Noerr und berät Mandanten zu Digitalthemen – an vier Tagen in der Woche. Schon im Bewerbungsgespräch machte er klar: Auf seine ehrenamtliche Tätigkeit beim Verfassungsblog zu verzichten, komme für ihn nicht infrage. Denn engagiert hat sich Laude immer. In der Refugee Law Clinic Kiel, auf dem Höhepunkt der Fluchtmigration, ließ er sich als einer der ersten Ausbildungsjahrgänge zum Rechtsberater schulen.

Beim Verfassungsblog arbeitet Laude an Projekten, die mithilfe von Szenarien analysieren, wo und wie autoritäre Populisten ansetzen würden, um rechtsstaatliche Institutionen in Deutschland anzugreifen. Dafür reiste er in der Vergangenheit durch die Bundesrepublik, sprach mit Expertinnen und Experten, grub sich tief in die Materie ein – und erlebte dabei immer wieder eine Mischung aus Erkenntnis und Erschrecken, wenn ein zuvor unbekanntes Risiko erkennbar wird. Gleichzeitig erlebt er, wie schwer es vielen Menschen fällt, die Verletzlichkeit des Rechtsstaats überhaupt anzuerkennen. „Oft hören wir von unseren Gesprächspartnern: ‚Warum sollte das passieren? Das hat noch nie jemand gemacht.‘ Es gibt ein enormes Grundvertrauen, dass unsere rechtlich etablierten Prozesse uns schon schützen werden.“ Dass es ihnen beim Verfassungsblog gelingt, trotz begrenzter Ressourcen wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen, die einen echten gesellschaftlichen Mehrwert bringen, mache ihn stolz, sagt er.

Auf die Zukunft blickt Laude mit gemischten Gefühlen. Sorgen bereitet ihm, dass der Rechtsstaat allzu oft als selbstverständlich gilt und auch demokratische Parteien mitunter an der Glaubwürdigkeit von Gerichten sägen. Aber er sieht auch Grund zur Hoffnung: Menschen, die sich Gedanken machen und engagieren. Menschen wie ihn, die genau hinschauen und nicht erst aufhorchen, wenn es zu spät ist.


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