Wer, wenn nicht wir? Der Laute
Sie kündigen aus Protest, stärken queere Sichtbarkeit und warnen vor demokratischer Faulheit. Was sie eint: die Überzeugung, dass der Rechtsstaat kein Selbstläufer ist.
| Dr. Thomas Meiers (55) Chief Compliance Officer, BayWa Aufgewachsen im: Hunsrück Erste berufliche Station: Freshfields |
Sechs Porträts über Mut, Verantwortung und die Frage, was Recht mit Gerechtigkeit zu tun hat.
Wenn Dr. Thomas Meiers einen Raum betritt, macht der 55-Jährige keinen Hehl daraus, dass er homosexuell ist. So war es auch bei seinem Vorstellungsgespräch bei der Münchner BayWa-Gruppe. Seit Sommer 2025 ist er dort Chief Compliance Officer und leitet das neu geschaffene Büro des Aufsichtsrats. Egal ob im Privaten oder im Beruf: Er steht offen zu seiner sexuellen Orientierung, weil das normal sein sollte. Seine Offenheit ist für Meiers keine Provokation, sondern eine Selbstverständlichkeit. „Warum sollte ich es verschweigen? Es gehört zu mir, also spreche ich es an“, ist seine Haltung. Sichtbarkeit schafft Sicherheit – für ihn selbst und für andere. Seine Erfahrungen in Vorständen und internationalen Konzernstrukturen haben ihm gezeigt, wie sehr Unternehmenskultur davon abhängt, ob Vielfalt nicht nur beschworen, sondern gelebt wird.
Der promovierte Jurist begann seine Karriere 2001 bei Freshfields, wechselte später in Rechtsabteilungen großer Konzerne wie GE Healthcare und baute bei MAN in München nach einem Korruptionsskandal die Compliance-Strukturen mit auf. Es folgten Führungspositionen bei Seat und Cupra in Spanien sowie Stationen bei Volkswagen. Bei der BayWa verantwortet er nun Compliance auf Konzernebene – in einer Phase, in der sich das Traditionsunternehmen im Umbruch befindet.
Trotz des anspruchsvollen Jobs bleibt noch Zeit für ein Ehrenamt. Seit September 2025 unterstützt Meiers den Vorstand der Münchner Stiftung ,Prout at Work‘. Die 2013 gegründete Initiative vernetzt inzwischen rund 80 Unternehmenspartner und berät Organisationen dabei, queere Mitarbeitende sichtbar zu machen und Strukturen inklusiver zu gestalten. Für Meiers ist das kein Nebenprojekt, sondern eine Frage der Gerechtigkeit: „Es geht darum, dass Menschen ihr eigenes Ich zur Arbeit mitbringen können.“
| JUVE: Welche Forderung würden Sie heute auf ein Demo-Plakat schreiben? Dr. Thomas Meiers: Gerechtigkeit, Klimaschutz, Zusammenhalt. Wenn Sie dem Rechtsstaat ein Maskottchen verpassen dürften – welches wäre es? Meine Shiba Inu Hündin Manna: Kommt ihr jemand zu nahe, schaut sie kurz grimmig und geht ihren Weg dann schnurstracks weiter |
Doch er warnt auch vor Symbolpolitik. Entscheidend sei, ob Führungskräfte einschreiten, wenn Grenzen überschritten werden, ob Netzwerke Ressourcen erhalten und ob Vielfalt Chefsache ist. Als Compliance-Experte weiß er zudem um die Bedeutung funktionierender Hinweisgebersysteme, die Schutzräume schaffen können – gerade für Minderheiten. Politischen Gegenwind, wie er zuletzt international spürbar wurde, etwa als die Trump-Regierung die Diversitätsprogramme der Big-Law-Kanzleien auf vermeintliche Diskriminierung untersuchte, sieht Meiers nüchtern. Kultur sei nichts Statisches, sagt er, sondern müsse ständig gepflegt werden. Wer aufhöre, daran zu arbeiten, verliere an Boden. Sein Rezept ist pragmatisch: reden, fragen, sichtbar sein. Führungskräfte sollten das Thema nicht delegieren, sondern selbst ansprechen – auch aus persönlicher Perspektive.
Für die nächste Generation von Juristinnen und Juristen wünscht er sich Selbstbewusstsein und Vorbilder. Vielfalt, so seine Überzeugung, ist kein Sonderthema. Sie ist Teil moderner Unternehmensführung. „Es geht nicht darum, auf dem Tisch zu tanzen. Es geht darum, einfach man selbst zu sein.“ Gleichzeitig betont er, dass jede und jeder den eigenen Weg finden müsse. Niemand sei verpflichtet, Privates preiszugeben. Aber wer sichtbar sei, könne anderen Orientierung geben, sodass Offenheit irgendwann keine Mutprobe mehr ist, sondern Normalität.