Wer, wenn nicht wir? Die Rebellin
Sie kündigen aus Protest, stärken queere Sichtbarkeit und warnen vor demokratischer Faulheit. Was sie eint: die Überzeugung, dass der Rechtsstaat kein Selbstläufer ist.
| Rachel Cohen (32) Lowell and Associates Aufgewachsen in: Ohio Erste berufliche Station: Skadden Arps Slate Meagher & Flom |
Sechs Porträts über Mut, Verantwortung und die Frage, was Recht mit Gerechtigkeit zu tun hat.
Es gibt Momente, in denen man sich entscheiden muss: schweigen oder aufstehen? Für Rachel Cohen war dieser Moment gekommen, als sie auf dem Heimweg im Bus saß und ihr klar wurde: Sie muss kündigen. Nicht geräuschlos, sondern mit einer E-Mail an alle Kolleginnen und Kollegen in der Kanzlei, in der sie damals als Associate arbeitete. „Wut war nicht der Grund, aber natürlich war ich frustriert über das Nichtstun der Kanzlei. Ich wollte ein Zeichen setzen. Ich wollte meine E-Mail an die ganze Kanzlei schicken, weil viele sich im Flüsterton fragten: ,Was passiert hier eigentlich?‘ Viele Associates wollten Gespräche mit dem Management, weil sie Angst hatten und fanden, dass wir als Branche Stellung beziehen sollten“, antwortet Cohen auf die Frage, warum sie nicht still und leise gekündigt habe.
Was war passiert? Die US-Regierung unter Donald Trump hatte eine Reihe von Großkanzleien hinsichtlich ihrer Diversity & Inclusion-Bemühungen kritisiert und in diesem Zusammenhang sogenannte Executive Orders erlassen. Nur wenige Kanzleien setzten sich zur Wehr, eine Reihe machte einen Deal. Darunter auch die Arbeitgeberin von Rachel Cohen – die US-Kanzlei Skadden Arps Meagher & Flom.
Cohen erkannte als eine der ersten, dass das Vorgehen der Regierung Teil einer systematischen Kampagne war, um den Rechtsstaat zu schwächen. Als immer mehr Kanzleien dem Druck nachgaben und Deals eingingen, organisierte die Harvard-Absolventin zunächst einen offenen Brief. Sie und ihre Mitstreiter forderten die Großkanzleien auf, für Rechtsstaatlichkeit einzustehen und sich dem politischen Druck nicht zu beugen. Doch es half nichts. Als sie merkte, dass auch Skadden nachgeben würde, handelte sie.
| JUVE: Wenn Sie eine berühmte Person treffen könnten – lebendig oder verstorben –, wer wäre das? Rachel Cohen: Meine Antworten darauf waren immer Politiker oder Organisatoren, von denen ich lernen möchte, und jetzt habe ich das Glück, viele der lebenden Personen treffen zu dürfen! Deshalb würde ich sagen: die Dichterin Mary Oliver. Was motiviert Sie, an einem grauen Montagmorgen aufzustehen? Eine Kanne Kaffee und die Erinnerung daran, dass meine Aufgabe im Moment darin besteht, zu helfen. |
Zwei Stunden nach ihrer Kündigung war Cohens Account gesperrt. Doch ihre Botschaft hatte bereits Wellen geschlagen – nicht nur innerhalb der Kanzlei. Sie wurde zur Stimme des Widerstands und erhielt zahlreiche Anfragen für Vorträge und Interviews. Für Cohen sind die schlimmsten Folgen solcher Deals, dass sie den Rechtsstaat schwächen – nicht nur in den USA. „Wenn Kanzleien autoritären Regierungen kostenlose Rechtsberatung geben und gleichzeitig bestimmte Mandate meiden, senden sie ein fatales Signal: Rechtsstaatlichkeit ist verhandelbar. Das untergräbt Demokratie und Verfassungsrechte“, sagt sie.
Im Frühjahr 2025 begann sie eine Teilzeitstelle als Koordinatorin für strategische und externe Angelegenheiten bei der Anwaltskanzlei Lowell and Associates, die eine Reihe von Personen vertritt, gegen die die US-Regierung vorgeht, darunter den Journalisten Don Lemon, die Gouverneurin der Federal Reserve Lisa Cook und die Generalstaatsanwältin des Staates New York, Tish James. Cohen hat weitere Initiativen für die Zukunft geplant und sich intensiv gegen den Einsatz von Einwanderungsbeamten durch die Regierung zur Foto: Uwe Tölle Entführung von Personen engagiert. Auf die Frage, ob sie noch in einer funktionierenden, rechtsstaatlichen Demokratie lebe, antwortete Cohen schon vor Monaten kurz und knapp: „Nein.“ Dennoch gibt sie die Hoffnung nicht auf: „Ich glaube, dass Veränderung möglich ist – aber nur, wenn wir ehrlich über die Ursachen sprechen.“
Hier finden Sie die weiteren Porträts aus der Reihe:
Wer, wenn nicht wir? Der Laute. Porträt über Dr. Thomas Meiers
Wer, wenn nicht wir? Keine halben Sachen. Porträt über Dr. Annika Bleier
Wer, wenn nicht wir? Der Teilzeit-Verfassungsrechtler. Porträt über Dr. Lennart Laude