Wer, wenn nicht wir? Keine halben Sachen

Sie kündigen aus Protest, stärken queere Sichtbarkeit und warnen vor demokratischer Faulheit. Was sie eint: die Überzeugung, dass der Rechtsstaat kein Selbstläufer ist.

Dr. Annika Bleier (38)
Head of ESG & Sustainability,
GvW Graf von Westphalen

Aufgewachsen:
bei Karlsruhe

Erste berufliche Station:
GvW Graf von Westphalen

Sechs Porträts über Mut, Verantwortung und die Frage, was Recht mit Gerechtigkeit zu tun hat.

„Unternehmen tragen Verantwortung und dürfen sich nicht hinter ihrer Struktur verstecken.“ Für Dr. Annika Bleier ist das keine Phrase, sondern Programm. Als Head of ESG & Sustainability bei GvW Graf von Westphalen bringt die 38-Jährige zusammen, was lange getrennt schien: Wirtschaftsrecht und Menschenrechtsschutz. Ihr Credo: „Nicht nur Richterinnen, die Recht sprechen, auch Anwältinnen und Anwälte gestalten Recht jedes Mal mit, wenn sie tätig werden.“

Dass der Staat nicht der einzige Regulator sein kann, wurde Bleier während ihrer Dissertation bewusst. Darin untersuchte sie, ob die Europäische Menschenrechtskonvention auch dann greift, wenn in Deutschland ansässige Unternehmen im Ausland gegen Menschenrechte verstoßen. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz markierte für sie den Wendepunkt – plötzlich wurde Menschenrechtsschutz auch für Konzerne relevant. Bleier glaubt nicht, dass Unternehmen sich nur auf Gewinnmaximierung zurückziehen können. Wenn Unternehmen bei politischen Fragen Einfluss nehmen wollen, müssen sie auch Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen.

Bei GvW hat die Öffentlichrechtlerin die Pro-bono-Arbeit mit aufgebaut und verantwortet seit 2022 die kanzleieigene Nachhaltigkeitsstrategie. Dass die Kanzlei sich gesellschaftlich engagiert, ist ihr wichtig: „Demokratie braucht Menschen, die sie aktiv gestalten. Deshalb fördern wir zivilgesellschaftliches Engagement“, sagt sie. Ein Beispiel: GvW-Anwältinnen und -Anwälte gehen in Kooperation mit dem Verein GrundGesetzVerstehen e.V. in Schulen und bringen Schülerinnen und Schülern die Inhalte des Grundgesetzes näher. „Das hat direkten Einfluss. Und ich glaube, solche Erfahrungen motivieren Associates stärker als jede abstrakte Argumentation.“

JUVE: Welche kleine Gewohnheit hilft Ihnen, auch in schwierigen Zeiten zuversichtlich zu bleiben?
Dr. Annika Bleier: In die Natur gehen – am besten mit dem Fahrrad, bei einer Laufrunde oder mit dem Segelboot. Bei den vielen Wundern, die man in der Natur erlebt, verspüre ich große Dankbarkeit und Zuversicht.

Was macht Ihnen bei Ihrer Tätigkeit am meisten Spaß?

Gestalten zu können macht richtig viel Spaß und mit Menschen in Verbindung zu gehen. Ich brauche aber auch viel Abwechslung und Neues, meine Neugier treibt mich an und um.

Parallel engagiert sich Bleier im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins und befasst sich dort mit der Rechtsstaatlichkeit – in Deutschland und international. Ihrer Meinung nach sollten Anwältinnen und Anwälte sich auch mit ethischen Fragen auseinandersetzen. Ein Workshop mit der gemeinnützigen US-Organisation FASPE machte ihr anhand historischer Beispiele aus der NS-Zeit deutlich: Auch Juristinnen und Juristen stehen immer wieder vor moralischen Entscheidungen. „Viele halten Demokratie für selbstverständlich, aber das ist sie nicht.“

Als Lehrbeauftragte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg motiviert sie auch die Studierenden, Strukturen zu hinterfragen, über den Tellerrand zu schauen und Perspektiven zu wechseln. Aus ihrer Zeit bei den Vereinten Nationen in Genf und New York hat Bleier die Überzeugung mitgenommen, dass Lösungen nur im Dialog und durch das Verständnis anderer Perspektiven entstehen. „Wer seine Wahrheit für die einzig richtige hält, verhindert jeden echten Diskurs.“ Ein positives Beispiel ist für sie die Internationale Arbeitsorganisation, in der Staaten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam verhandeln und unterschiedliche Interessen zusammenbringen – auch wenn das nicht immer reibungslos funktioniert. Wichtig sei aber, den Dialog aufrecht zu halten. „Hören wir auf miteinander zu reden, schwächen wir uns als Gesellschaft.“


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