Die Work-Money-Balance

Sehenden Auges verabschieden sich Bewerber und Arbeitgeber von dem Paradigma, dass man arbeitet, um zu leben. Viele Associates von heute arbeiten offensichtlich, um sehr viel Geld zu verdienen. Dabei waren viele mit dem Gehalt bisher gar nicht unzufrieden.

Lieber Berufsanfänger, liebe Berufsanfängerin, herzlich willkommen in deiner ersten Kanzlei! Dein neuer Arbeitgeber freut sich auf dich und dein Können. Wobei ‚freuen‘ vielleicht ein bisschen zu positiv formuliert ist. Als fürstlich bezahlter Neuling stehst du unter strenger Beobachtung – erst recht nach der jüngsten Gehaltsrunde, die vor einem Jahr ihren Anfang nahm. Money for nothing, so lautet der Verdacht. „Was ein First-Year abliefert, ist in der Regel Grütze“, stellt ein frischgebackener Großkanzleipartner fest, dessen Associate-Tage noch gar nicht so lange vorüber sind. Und ein erfolgreicher Kanzleigründer, der den Beratungsmarkt seit viezig Jahren kennt, meint: „Die Gehälterentwicklung ist unethisch. Wenn ein junger Anwalt mehr als das Doppelte verdient wie ein junger Arzt, läuft gesellschaftlich etwas falsch. Ich würde eher darauf verzichten, Berufseinsteiger einzustellen, als ihnen so exorbitante Summen zu bezahlen und sie anschließend unter Druck zu setzen, dieses Geld auch wieder einzuspielen.“

Oberarzt oder Erzbischof

Bis ein Mediziner in die Gehaltsränge eines frischgebackenen Wirtschaftsanwalts vordringt, muss er lange schuften. Allenfalls ein leitender Oberarzt – Vertreter des Chefarztes und mitverantwortlich für Personal- und Organisationsfragen – kommt nach sieben Jahren in diese Regionen. Ein Bischof verdient deutlich weniger als ein junger Associate. Falls das Gehalt in diesem Erwerbszweig tatsächlich ein Karrierekriterium ist, sollten Bischöfe die Position eines Erzbischofs oder Kardinals anstreben, um finanziell mithalten zu können.

Ob die Kanzleien mit ihren hohen Gehaltsversprechen überhaupt den Nerv ihrer Zielgruppe treffen, ist gar nicht einmal so sicher, obwohl sie alle so tun, als wäre ein exorbi­tantes Gehalt das Mittel der Wahl. Im Gegenteil. Bei der Mehrzahl der Bewerberinnen und Bewerber rangiert der Faktor ‚Geld‘ unter ferner liefen, wie die aktuelle azur-Bewerber-Umfrage belegt. Viel eher richten sie ihre Stellensuche nach folgenden Faktoren aus: gute Ausbildung, moderne IT-Ausstattung, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, ein Verständnis für Chancengleichheit und kulturelle Vielfalt, eine erkennbare Aufstiegsperspektive. Selbst wenn man unterstellt, dass die Bescheidenheit in puncto Geld bei so manchem Bewerber nur gespielt ist – für drei Viertel der Umfrageteilnehmer ist ein Gehalt unter 100.000 Euro kein Ausschlusskriterium bei der Stellensuche. Noch genauer: Die Wirtschaftskanzleien an der Spitze liegen mit ihrem Geldangebot doppelt so hoch wie von den Bewerberinnen und Bewerbern erwartet (Overkill).

Ziemlich zufriedene Gesichter

Und noch etwas spricht dafür, dass die Kanzleien an ihrer Zielgruppe eigentlich vorbeiplanen: Im Sommer 2021, als die Runde der Gehältererhöhungen gerade erst angefangen hatte und die meisten Arbeitgeber sich noch über die Taschenrechner beugten, lag die Zufriedenheit der Associates mit dem Gehalt laut azur-Umfrage bei 3,08 – in Worte übersetzt: Deutschlands angestellte Anwälte waren mit ihrem Gehaltseingang „eher zufrieden“. Das ist natürlich kein absolutes Glücksgefühl, aber im Kontext der Umfrage gar nicht schlecht, und zwar besser als die Zufriedenheitswerte etwa für die Work-Life-Balance oder die Chancen auf Vollpartnerschaft, die liegen nämlich beide unter 3,0. Auch in den Jahren zuvor war die Zufriedenheit mit dem Gehalt nicht niedrig. Die Durchschnittswerte der früheren Associate-Umfragejahre lagen dabei geringfügig höher als 2021. Mit Ausnahme von 2017, da bewerteten die Associates ihre Gehaltszufriedenheit etwas niedriger mit 3,04 – und das war ausgerechnet das Jahr nach der letzten Gehaltsspirale, die das maximale Einstiegsgehalt auf 140.000 Euro geschraubt hatte. Der Effekt war schnell verpufft.

Foto: AdobeStock

Liegen die Kanzleien diesmal richtig? Ein Blick auf die azur-Associate-Umfrage 2021, speziell auf Rechtsgebiete, Berufserfahrung und Kanzleigröße, ergibt eine unsichere Prognose. Von den größeren Rechts­gebieten lagen 2021 die M&A-Associates am deutlichsten unter dem Zufriedenheitsdurchschnitt: Sie waren mit dem Gehalt deutlich weniger zufrieden, allerdings immer noch in der Nähe von „eher zufrieden“ mit einer Note von 2,9. Die leichte Unzufriedenheit ist verständlich, denn die Gruppe der Transaktionsanwälte hat im Markt auch die größte Stundenbelastung zu schultern. Auf der Liste der Top-Gehälter stehen viele Transaktionskanzleien oben, einige von ihnen haben sogar schon zum zweiten Mal nachgebessert – insofern könnten die Erhöhungen die Zufriedenheit schnell verbessern.

Top-Einstiegsgehälter 2022: Bei den maximalen Einstiegsgehältern liegen diese Kanzleien vorne:

Weitere Kanzleien mit Einstiegsgehältern über 120.000 Euro findest du hier.

Gehaltsfrust bei Senior Associates

Doch auch die Seniorität spielt eine gewisse Rolle. Die Abweichungen vom Durchschnitt sind nicht groß, aber: Es sind beileibe nicht die Berufsanfänger und ‚einfachen‘ Associates, die am unzufriedensten sind. Sie heben sogar den Durchschnitt an. Nein, die Unzufriedenen sind eher auf den mittleren Verantwortungsstufen – und das sind aller Erfahrung nach auch diejenigen, die tendenziell am häufigsten wechseln. Ist das Up-or-out in der Version 2.0? Früher gab es auch in Kanzleien das klassiche Up-or-out der Unternehmensberatungen: Wer nicht befördert wird, muss gehen. Eigentlich fanden die Kanzleien dieses Modell blöd, weil die erfahrenen Associates viele abrechenbare Stunden kloppten und bei ihrem Abschied zudem viel Know-how mitnahmen.

Die Antwort darauf war eine neue Position mit dem klangvollen Namen Counsel, um ­diese erfahrenen Leute zu parken. Heutzutage aber setzen viele Sozietäten viel früher und viel stärker auf finanzielle Leistungsanreize in den mittleren Associate-Rängen – es gibt gestaffelte Boni und keine automatisch steigenden Festgehälter. Wer nicht mithalten kann, büßt finanziell ein und kann vom Partnertrack nur träumen – er oder sie kann gerne gehen. Eher heimlich haben etliche Kanzleien sich von der jährlichen Steigung der Festgehälter verabschiedet und ­loben hohe Bonuszahlungen aus, viele schon ab Jahr eins.

„Wir sind Teil der gesellschaftlichen Spaltung und fördern diese, weil uns die Zeit für Engagement fehlt.“

Und noch ein dritter Faktor spielt bei der Gehaltszufriedenheit mit. Je größer die Organisation, desto kritischer ist die Anwaltsbelegschaft beim Thema ­Gehalt. In der großen Gruppe der kleinen Kanzleien ist die Gehaltszufriedenheit überdurchschnittlich. Die Kleinkanzlei – eine sehr heterogene Gruppe von ­Sozietäten bis 50 Rechtsanwälte – verzeichnet bei der Gehaltszufriedenheit den besten Wert von 3,15. Nach eigenen Angaben verdienen die Anwälte hier 99.000 Euro. Die Bewertung in Kanzleien mit 100 Associates und mehr liegt schlechter, nämlich bei 2,94. In dieser Auszählung wurden 18 Kanzleien berücksichtigt, die teilnehmenden Associates verdienen im Durchschnitt 122.000 Euro pro Jahr. Nimmt man hier noch einmal die fünf größten Sozietäten heraus, ist die Zufriedenheit wirklich deutlich unterdurchschnittlich mit einem Notenwert von 2,72. Anders wiederum die Associates der mittelgroßen Kanzleien mit einer Kopfzahl von 50-100 Rechtsanwälten. Sie bewerten ihr ­Gehalt, das sie mit durchschnittlich 101.000 Euro angeben, mit 3,03.

Die nächsten Umfragen werden zeigen, ob eine so große Welle von Gehaltserhöhungen die angestellten Anwälte zufriedener gemacht hat. Bei den Großkanzleien könnte es angesichts der schlechten Noten, die ihre Associates vergeben haben, schon so sein: Geld wäre dann die richtige Stellschraube, und mit der ­Gehaltserhöhung würde die Zufriedenheit ganz unmittelbar geboostert. Doch es gibt auch Stimmen, die angesichts der hohen Gehälter die Wirtschaftsanwälte „außerhalb der Lebenswirklichkeit“ verorten: „Unsere Berufsgruppe wird ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht. Wir sind Teil der gesellschaftlichen Spaltung und fördern diese, weil uns die Zeit für soziales und kulturelles Engagement fehlt. Die Work-Life­-Balance ist eine Katastrophe.“ Trotzdem haben viele Arbeitgeber gewissermaßen die Work-Money-Balance in den Blick genommen. Hohe Gehälter und noch ­höhere Bonusversprechungen sollen nur die Leistungs­bereiten und Unternehmerischen unter den Absolventen anlocken. Das hat schon fast etwas von einem Experiment.


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