Magazin-Artikel
20.05.2016 | Autor/in: Markus Lembeck

Albtraum Datenraum? Hinter den Kulissen der großen M&A-Transaktionen

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Kein Unternehmenskauf ohne Due Diligence. Dort wühlen sich Heerscharen von Anwälten im Datenraum durch Berge von Verträgen – so stellen sich das viele Nachwuchsjuristen vor. Mythos oder Wahrheit?

VON EVA FLICK

Sarah Fani Yazdi ist blutige Anfängerin und gleichzeitig ein Vollprofi. In Sachen Due Diligence muss man die 29-Jährige unter die Anfänger einordnen, weil sie noch keinen Vertrag bis ins Mark prüfen durfte. Einerseits. Andererseits weiß sie ganz genau, worauf es ankommt. Bei ihr laufen einige wichtige Fäden zusammen. Und das nicht erst seit gestern. Dass Sarah Fani Yazdi ihr Studium an der Universität Köln noch gar nicht beendet hat und erst diesen Sommer ihr Referendariat beginnt, ändert daran nichts. Bereits seit fünf Jahren arbeitet sie nebenbei bei Classen Fuhrmanns & Partner in Köln, einer Einheit mit zwölf Anwälten, die sich Unternehmenstransaktionen auf die Fahnen geschrieben hat.

Eine Due Diligence ist entscheidender Teil ­jeder Transaktion und bei Nachwuchsjuristen berüchtigt für viel Arbeit unter teils enormem Zeitdruck. Der Begriff bezeichnet wörtlich eine mit „gebotener Sorgfalt“ durchgeführte Risiko­prüfung, die jeder Käufer durchführt, der eine Unternehmensbeteiligung oder eine Immobilie erwerben oder ein Unternehmen an die Börse bringen möchte. In einer vorher ausgemachten Zeitspanne bekommt er Einblick in alle relevanten Dokumente. Diese geben ihm einen detaillierten Eindruck über mögliche Risiken und Zukunftsperspektiven – und bestimmen am Ende somit entscheidend, ob ein Kauf überhaupt zustande kommt und wenn ja, zu welchem Preis.

Organisation ist alles

Oft müssen gerade bei großen Transaktionen ganze Heerscharen von Juristen während der Due-Diligence-Phase relevante Dokumente prüfen und einen Abschlussbericht verfassen, der ihrem Mandanten alle Informationen auf einen Blick aufbereitet. Neben dem rein juristischen Fachwissen ist da vor allem auch eines gefragt: Organisation. Und hier kommt Fani Yazdi ins Spiel. Classen Fuhrmanns ist – für eine Kanzlei, die sich auf Transaktionen fokussiert – eine vergleichsweise kleine Einheit. 2010 machten sich die drei Gründer selbstständig und mieteten in einem Kölner Südstadt-Innenhof Räume an. Das Geschäft mit Unternehmensfusionen und -käufen (M&A) gehörte von Anfang an zum Herzstück ihrer Kanzlei.

Due Diligence ist Teil ihres Geschäfts: Sarah Fani Yazdi und Lars Störring von Classen Fuhrmanns.

Due Diligence ist Teil ihres Geschäfts: Sarah Fani Yazdi und Lars Störring von Classen Fuhrmanns.

Bereits ein Jahr später stieß Fani Yazdi als studentische Mitarbeiterin zu ihnen. Sie war damals gerade im vierten Semester. Mittlerweile liegt das Büro an den Kölner Ringen und Fani Yazdi ist irgendwie schon ein alter Hase im Due-Diligence-Geschäft. „Ich bereite dafür Präsentationen vor, suche juristische Literatur heraus, markiere dort wichtige Stellen, besorge Auszüge aus dem Handelsregister oder dem elektronischen Bundesanzeiger“, berichtet sie von ihrem Bürotag.

Sie sitzt bei Telefonkonferenzen dabei und ist bei den relevanten E-Mails im CC. „So bin ich immer auf dem Laufenden“, meint sie. Dass ihr die verantwortlichen Partner auch interessante Stellen in Verträgen zeigen, gehört bei Classen Fuhrmanns zur Ausbildung. Damit ist sie zwar noch nicht mit der eigentlichen Prüfung betraut, weiß aber gleichwohl, wie solche Verträge aus­sehen.

Dicke Bretter

Das konnte Dr. Albrecht Conrad, heute Partner bei Hengeler Mueller, am Anfang seiner Karriere nicht von sich behaupten. Bevor er im Referendariat das erste Mal in einer großen Kanzlei bei einer Due Diligence mitarbeitete, hatte er kaum praktische Erfahrung mit Verträgen von Unternehmen. „Man hat ja im Studium nicht mal ­einen Gewerbemietvertrag gesehen.“ Heute bohrt er die dicken Bretter. Besonders die Medien- und Telekommunikationsbranche hat es ihm angetan. So stand er beispielsweise an der Seite des Telekommunikationsanbieters Freenet beim Kauf von Media Broadcast, einem der größten Dienstleister für Bild- und Tonübertragung. Mit einem Kaufpreis von 295 Millionen Euro gehört so ein Deal bei Hengeler Mueller noch nicht einmal zur absoluten Spitze, denn die Summen, die hier aufgerufen werden, können durchaus die Milliardengrenze sprengen.

Mit solchen Beträgen spielt die Kanzlei an der absoluten Marktspitze mit. Und ein Kernstück einer jeden Transaktion ist auch hier die Due ­Diligence. Manche Kanzleien, berichtet Conrad, lagern die Due Diligence aus. Das sei aber nicht ihr Modell. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es bei einer Transaktion hilft, wenn man die Due Diligence gemacht hat“, sagt er. Conrad steht dabei als „federführender Partner“, wie es in der Transaktionswelt heißt, regelmäßig an der Spitze der Mitarbeiter-Pyramide, die dann zum Einsatz kommt. Das Vorgehen ist jedes Mal gleich: „Wir überlegen, was das für ein Unternehmen ist, um das es geht“, berichtet der 49-Jährige. „Wie macht das Unternehmen sein Geschäft, welche Themen spielen für die Bewertung eine Rolle, wie komplex sind die Themen und wie viele Leute benötigen wir dafür?“

Viele Spezialisierungen im Datenraum

Eine feste Formel gibt es nicht. Zumeist brauche man einen Gesellschaftsrechtler, bei einem Medien­unternehmen beispielsweise oft einen Medienrechtler, einen Arbeits- oder einen Kartellrechtler, auch Bank- und Kapitalmarktrechtler sind oft dabei. Ist das Verkaufsobjekt etwa ein Alten­pflegeheim, kommt ein Anwalt mit regulatorischem Know-how dazu – und das ist nur die Partnerebene. Jeder Partner wiederum überlegt sich anschließend, welche Associates er in sein Team holt. Denn es sind gerade die Associates, die mit der Überprüfung der Verträge in der Hauptsache betraut sind.

Mit Begeisterung bei der Sache: Antonia Wegener von Hengeler Mueller hat schon so manche Due Diligence erlebt.

Prozesse und Transaktionen: Antonia Wegener von Hengeler Mueller hat schon im ersten Berufsjahr fünf Due Diligences erlebt.

Eine aus seinem Team, die seit Anfang 2015 dabei ist, ist Antonia Wegener. Die 31-Jährige hat in Freiburg und Berlin studiert und ist Conrads Praxis angeschlossen. Damit ist sie gleichzeitig in einige für die Branche entscheidende Gerichtsprozesse involviert. Dazu gehört das Verfahren um das Leistungsschutzrecht, das Hengeler Mueller aufseiten des Branchenriesen Google führt. Aber Hengeler wäre nicht Hengeler, wenn nicht die wirklich großen Transaktionen immer wieder über die meisten Schreibtische der Sozietät liefen. Insofern wundert es nicht, dass auch Antonia Wegener im ersten Jahr ihrer Berufstätigkeit bereits fünf Due Diligences miterlebt hat.

Von zentraler Rolle ist dabei der sogenannte Datenraum. Zu Conrads Anfangsjahren war das normalerweise tatsächlich ein Zimmer beim potenziellen Verkäufer, das extra für die Anwälte eingerichtet wurde. Diplomatisch beschreibt Conrad es aus heutiger Sicht üblicherweise als „nicht so komfortabel“, sodass das Arbeiten „mitunter ein bissl mühsam war“.

Das hat sich allerdings entscheidend geändert. Dass Verträge tatsächlich rein physisch und unter Aufsicht gelesen werden, passiert nur noch selten und bei höchst vertraulichen Dokumenten. „Physische Datenräume sind heute passé“, erklärt Antonia Wegener. Heute spielt sich alles im virtuellen Datenraum ab. Das heißt, die beteiligten Anwälte loggen sich in ein System ein, um die relevanten Dokumente zu sichten. Unkomfortable Kammern bleiben allen erspart, die Hengeler-Anwälte erledigen das von ihrem Schreibtisch aus. In Berlin stehen die in einem hellen Sandsteingebäude in unmittelbarer Nähe zur Nobeladresse Unter den Linden.   

Kein Mandant in Sicht

Unter Nachwuchsjuristen sind M&A-Deals und speziell die Due Diligences mitunter von Mythen umrankt. Mehr oder weniger unverhohlen wird von ungeheurem Zeitdruck und durchgearbeiteten Nächten erzählt. Einen Hauptteil ihres Berufslebens verbrächten Associates in Großkanzleien im virtuellen Datenraum, heißt es dann, Deal nach Deal, ohne dass die Beteiligten vom Gesamtgeschehen der Transaktion etwas mitbekommen, geschweige denn einem Mandanten von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen.

Antonia Wegener bezeichnet das – ähnlich ­diplomatisch wie Albrecht Conrad – als einen „schlechten Ruf“, der aber nicht gerechtfertigt sei. Na klar, erzählt sie, es gebe eine „Timeline“, an die man sich zu halten hat und ja, wenn alles fertig sei, merke man schon, wie intensiv die Arbeit an einem solchen Projekt sein kann. Trotzdem ist ihr die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, wenn sie erzählt, was wirklich daran spannend ist. „Man versteht Unternehmensstrukturen erst so richtig, wenn man die Verträge eines Unternehmens liest“, erklärt sie. Verträge können zwei Seiten umfassen, aber auch viel mehr.

Dazu kommen die Anlagen. In ihrer TMT-Praxisgruppe sind das häufig die technischen Verträge, in die sie sich reinfuchsen muss. Das kann ganz einfach mit dem Recherchieren in Suchmaschinen beginnen und führt sie immer mehr in die Tiefe. „Fragen, fragen, fragen“, lautete gerade am Anfang ihre Devise. Sie selbst habe durchaus technisches Verständnis, könne aber obendrein auf Kollegen bauen, die sich so richtig tief in jeder technischen Materie auskennen. „Abgefahren“ findet sie das. Und wenn auch diese Kollegen mit ihrem Technik-Latein am Ende sind, kann während einer Due Diligence auch hinzugezogen werden, was ihre Kollegin Mandana Bahrampour als das „Q&A-Tool“ hervorhebt.

Fragen über Fragen

Associate mit Due-Diligence-Erfahrung: Mandana Bahrampour von Hengeler Mueller.

Associate mit Due-Diligence-Erfahrung: Mandana Bahrampour von Hengeler Mueller.

Auch Bahrampour ist seit Anfang 2015 bei Hengeler Mueller, allerdings im Gesellschaftsrecht. Wie Antonia Wegener hat auch sie bereits fünf Due Diligences miterlebt. Q&A steht für „Question and Answer“ und ist Teil eines jeden Datenraums. Mit dieser Software-Funktion können die Anwälte Fragen an den Verkäufer stellen. Diese betreffen alles Mögliche. „Das kann etwas sein in dem Stil: ‚Für eine lückenlose Geschäftsanteilsübertragungskette muss es noch eine Zwischenverfügung gegeben haben. Bitte stellen Sie noch Urkunde XY ein.‘“, erläutert die 32-Jährige. Möglich seien aber auch Verständnisfragen wie „Nach unserem Verständnis verhält sich das so oder so. Ist das zutreffend?“. Dabei kann die Menge der erlaubten Fragen festgelegt sein. Von 20 Fragen – etwa in der ersten Runde eines Bieterverfahrens – bis zu 250 oder mehr. Das variiert von Deal zu Deal.

Besonders reizt sie, dass die Corporate-Praxis häufig die Federführung hat und man vielleicht Sachen findet, die entscheidend für den Kauf sein können. „Es kommt vor, dass man bedeutende Risiken aufdeckt, etwa wenn das Zielunternehmen in einen Rechtsstreit verwickelt ist.“ Sämt­liche Ergebnisse fließen am Ende in den Abschlussreport ein, an dem alle Praxisgruppen beteiligt sind. Jeder schreibt daran, jeweils im Änderungsmodus. Der organisatorische Aufwand dahinter ist also enorm.

Nicht ganz diese Ausmaße haben die Deals, die bei Classen Fuhrmanns auf der Tagesordnung stehen. Die Kölner Anwälte sind deswegen stolz darauf, dass sie bei aller fachlichen Tiefe nie die Vogelperspektive verlieren. Das war auch für Dr. Lars Störring – mittlerweile dort Counsel – 2012 der Grund, warum er sich für die Kanzlei entschied. „Wir sitzen hier alle auf einer Etage und wissen immer, was den Kollegen gerade beschäftigt“, sagt er. Due Diligences gehörten für ihn von Beginn an zum nahezu täglichen Geschäft.

Für ihn ist entscheidend, dass man mit den Jahren der Erfahrung immer mehr ein Gefühl dafür entwickelt, was bei einer Transaktion wichtig sein könnte. „Neulich haben wir für eine Mandantin einen großen Papierhersteller gekauft“, erzählt er. Wer sich in der Branche auskennt weiß, dass Papierhersteller viel Wasser für die Produktion benötigen. Die Frage, ob dazu auch alle Genehmigungen vorliegen, um entsprechende Mengen aus dem Rhein zu nehmen, liegt dann auf der Hand. Für den 43-Jährigen ist das kein Problem, er hat im Öffentlichen Sektor promoviert und ist entsprechend häufig in eben solche Deals involviert. Selbst wenn er als Counsel mittlerweile über eigene Mandate verfügt und die Due Diligences nicht mehr die gleiche Rolle spielen wie früher.

Begeisterung vermitteln

Auch Hengeler-Anwalt Dr. Albrecht Conrad liest immer noch selbst Verträge, denn dafür hat er viel zu viel Spaß und Interesse an der Branche, um das gänzlich seinen Associates zu überlassen. Er fasst es schlicht zusammen mit: „Irgendwann kennt man sich halt aus.“ Er weiß, wie Verträge im Fernsehgeschäft funktionieren, wie Online-Plattformen oder Kabelnetzbetreiber ticken. Und diese Begeisterung will er seinen Associates vermitteln. Das ist ihm auch schon gelungen. Antonia Wegener jedenfalls beneidet heute ein wenig die Referendare, die jetzt schon bei Due Diligences „mitmachen dürfen“. Die seien vielfach schon richtige Profis, noch bevor sie als Associates anfangen. So wie Sarah Fani Yazdi bei Classen Fuhrmanns. Diesen Sommer beginnt sie ihr Referendariat, anschließend ist ihr der Vertrag als Associate bei Classen Fuhrmanns heute schon sicher. „Früher habe ich neben dem Studium gekellnert“, erzählt sie. Aber das ist ganz weit weg. —

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