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20.05.2016

JUVE Insider: Aufbruchstimmung

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Immer mehr junge Anwälte kehren der Großkanzlei den Rücken und gründen mit Kollegen eine eigene Sozietät.

VON LAURA BARTELS

Kleine Teams, effiziente Kostenstrukturen und ein stark unternehmerisch geprägter Beratungsansatz: So lässt sich das Erfolgsrezept vieler Spin-offs kurz und knapp beschreiben. Abspaltungen großer Sozietäten haben momentan Hochkonjunktur. Immer mehr Anwälte aus Großkanzleien reizt die Vorstellung, ihr eigener Chef zu sein, statt nur einer unter vielen. In den vergangenen fünf Jahren haben eine ganze Reihe von erfahrenen Associates oder gestandenen Partnern dem Großkanzleialltag den Rücken gekehrt und sich mit zwei oder drei Kollegen zu einer eigenen Einheit zusammengeschlossen.

Der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit ist einer der Hauptgründe für junge Anwälte, eine eigene Kanzlei aufzubauen. In einer Großkanzlei ist der Apparat so groß, dass Flexibilität und Unternehmertum häufig auf der Strecke bleiben. In Kanzleien wie Hengeler Mueller, Freshfields Bruckhaus Deringer oder Milbank Tweed Hadley & ­McCloy sind sie Teil eines gut funktionierenden Systems. Viele wollen aber lieber einen eigenen Fußabdruck im Markt hinterlassen.

Bei Freshfields etwa gibt es seit mehreren Jahren regelmäßig Abspaltungen. Beispielsweise die Kapitalmarktrechtler von Voigt Wunsch Holler im Jahr 2009, gefolgt von Arnold Ruess, einer Boutique für Gewerblichen Rechtsschutz in Düsseldorf sowie Metis (Gesellschaftsrecht). Jüngstes Beispiel sind zwei Neugründungen in Hamburg und Berlin. Mit Blomstein und Chatham Partners gingen im Frühjahr 2016 zwei Spin-offs mit Schwerpunkt auf öffentlich-recht­liche Fragestellungen an den Start.  

Die jungen Wilden

Während bei Freshfields-Abspaltungen häufig ein Partner mit mehreren Associates das Startteam bildet, sind es bei Hengeler vorwiegend die „jungen Wilden“, die eine eigene Kanzlei gründen. Den Anfang machte 2011 die Frankfurter Kanzlei Wendelstein. Die sechs Gründungspartner formten den erste ­Associate-Ableger der renommierten Großkanzlei. Mittlerweile haben weitere Nachwuchsanwälte die Kanzlei verlassen. Diese Spin-offs fokussieren sich auf Rechtsgebiete wie Gesellschaftsrecht und M&A, also Unternehmenskäufe und Fusionen, so etwa bei der Münchner Kanzlei Ego Humrich Wyen, die seit Ende 2015 am Markt ist.

Verhältnismäßig wenige Anwälte hat die britische Kanzlei Clifford Chance durch Abspaltungen verloren. Drei Associates aus Düsseldorf haben im April die auf Pharmarecht spezialisierte Kanzlei Novaco gegründet. Und auch einer der Spin-off-Vorreiter kam von Clifford: 2002 entstand mit Kliemt & Vollstädt eines der ersten Neugründungen im Arbeitsrecht (Mit allen ­Mitteln, S.72).

Die beiden Gründungspartner standen damit an der Spitze einer Entwicklung, die mittlerweile zu einer Art Trend wurde. Denn gerade im Arbeitsrecht schlossen sich in den vergangenen sechs Jahren vermehrt neue Einheiten zusammen, darunter die Freshfields-Ableger Schramm Meyer Kuhnke und Schweibert Leßmann & Partner, die Kanzlei Emplawyers 2014, deren Partner früher bei Bird & Bird waren, und der jüngste Spin-off von BMH Bräutigam & Partner, der erst im April unter dem Namen Arvantage an den Start ging.

Ähnliches ist aktuell bei Öffentlichrechtlern in internationalen Einheiten zu beobachten, wie die jüngsten Freshfields-Beispiele zeigen. Und auch bei Hengeler machten sich 2014 zwei Associates aus dem Öffentlichen Recht selbstständig. Gerade diese Rechtsgebiete gelten in transaktionsfokussierten Einheiten als wenig profitabel. Ihre Stundensätze können mit denen aus dem M&A und Gesellschaftsrecht, dem Kerngeschäft dieser Einheiten, nicht mithalten. In vielen Großkanzleien gelten solche Rechtsgebiete deshalb nur noch als Anhängsel zur Transaktionspraxis. Das ist vielen Anwälten aber zu wenig.

Vernetzung bringt Erfolg

In ihrer eigenen Kanzlei können sie ihre Rechtsberatung zu günstigeren Kursen anbieten. Die schlankeren Strukturen verursachen weniger Kosten – das freut vor allem die Mandanten, denn für die bedeutet die Beratung durch Spin-offs Großkanzleiqualität zu günstigeren Preisen. Entsprechend müsse die Anwälte kaum Abstriche in der Qualität ihrer Mandate machen. Und das lockt den Nachwuchs an – sofern die Kanzleien überhaupt auf Expansion aus sind. Auf Kliemt & Vollstädt trifft das eindeutig zu: Die Kanzlei hat mittlerweile mehr als 60 Anwälte, die an drei Standorten arbeiten. Wendelstein hat seit der Gründung vor fünf Jahren eine eigene Asso­ciateebene aufgebaut, und auch der erst zum Jahresbeginn gegründete Freshfields-Spin-off Neuwerk hat sich bereits verstärkt.

Dagegen stehen Kanzleien wie Berner Fleck Wettich, ein Hengeler-Ableger aus Düsseldorf, der mehr als zwei Jahre nach seiner Gründung noch keine Vergrößerungsgedanken hegt. Gerade bei einer eher mittelständisch geprägten Mandantschaft ist das auch nicht unbedingt notwendig. Denn diese legt großen Wert auf die Beratung durch einen Partner. Damit wollen sich die Spin-offs bewusst von ihren ehemaligen Arbeitgebern absetzen – in Großkanzleien erledigen häufig die Associates einen Großteil der Arbeit. Das ist im Zweifel nicht unbedingt schlechter, dauert aber aufgrund mangelnder Erfahrung meist deutlich länger, als wenn es der Partner selbst erledigt. Das kostet Zeit, und das Ergebnis findet der Mandant auf seiner Rechnung.

Obwohl die meisten Spin-offs – ähnlich wie eine Boutique – einen klaren Fokus auf ein bestimmtes Rechtsgebiet legen, sind sie regelmäßig an großen Transaktionen beteiligt. Das Stichwort heißt Vernetzung. Und das beherrschen viele der kleineren Einheiten mittlerweile aus dem Effeff. Als Paradebeispiel gilt der Hamburger Markt, wo sich insbesondere durch die zahlreichen Freshfields-Abspaltungen ein eingespieltes Netzwerk gebildet hat, das in Transaktionen regelmäßig zusammen arbeitet. So berieten Renzenbrink Raschke von Knobelsdorff Heiser, KNPZ Rechtsanwälte und Schramm Meyer Kuhnke Mitte 2014 gemeinsam den Investor Ardian beim Kauf eines Spielzeugherstellers. Nur wenige Monate später gab es bei Renzenbrink schon den Spin-off vom Spin-off. Gründungspartner Dr. Ulf Renzenbrink verließ die Kanzlei und firmiert seitdem mit zwei anderen Anwälten unter Renzenbrink & Partner. Die übrigen Gründungspartner verblieben in der alten Einheit, die nur das „Renzenbrink“ aus ihrem Namen strich.

Auch der Erfolg von Glade ­Michel Wirtz, einem Zusammenschluss ehemaliger Taylor Wessing-Anwälte aus dem Jahr 2007, basiert wesentlich auf engen Verbindungen zu anderen spezialisierten kleinen Einheiten, wenn auch nicht so ­regional fokussiert. Konkurrenz gibt es unter den Spin-offs wenig. Durch ihre Spezialisierungen geraten sie gar nicht erst in Versuchung, dem Konkurrenten Mandate streitig zu machen. Deshalb achten viele Spin-offs peinlich genau darauf, ihr ­Beratungsportfolio nicht derart zu erweitern, dass sie ihren Kooperationspartnern ins Gehege kommen. Schließlich will man nicht riskieren, aus dem gut funktionierenden Netzwerk herauszufallen.

Die Spin-off-Szene setzt parallel auf gute Kontakte zu ihrer Ursprungskanzlei. So bekommen KNPZ und Schramm Meyer ­Kuhnke Jahre auch nach ihrer Abspaltung immer noch Verweismandate von ihren Ursprungskanzleien, etwa in Konfliktfällen oder für mittelständische Mandanten, die für die großen Einheiten wirtschaftlich nicht interessant sind. Wendelstein ist noch immer eng mit Hengeler in Verbindung.

Das Spin-off-Modell hat Schule gemacht: Wurden Einheiten wie Glade kurz nach ihrer Gründung noch als „Glade Michel Wer?“ von der Großkanzlei-Konkurrenz durch den Kakao gezogen, lacht dort ­heute keiner mehr. Denn die kleinen spezialisierten Einheiten haben sich durch ihre hohen Qualitätsstandards bei effizienter Kostenstruktur zu ernst zu nehmenden Konkurrenten entwickelt.

 In dieser Rubrik erläutern Autoren von JUVE aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Laura Bartels schreibt für die azur-Redaktion.