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26.04.2016

Zukunft der Rechtsberatung: Legal Tech auf dem Siegeszug

Er liest und liest und liest. Der IBM-Supercomputer Watson wird mit Daten aus dem amerikanischen Recht gefüttert. Cognitive Computing dringt mit großem Appetit in die Domäne der Juristen ein. In zehn bis zwanzig Jahren könnten Hochleistungscomputer wie Watson selbst hochklassige Beratungsarbeit übernehmen, die bisher von großen Kanzleien erledigt wird – und das Massengeschäft ohnehin. Das verändert das Geschäftsmodell der Sozietäten und am Ende vielleicht auch die Karrierewege junger Anwälte.

Bis dahin ist es noch ein gutes Stück. Aber schon jetzt arbeiten Unternehmen daran, die Rechtsberatung durch digitale Lösungen transparenter, effizienter und günstiger zu machen. In Berlin nahm im Februar mit einer großen Finanzspritze aus den USA das Online-Start-up Legalbase.de seine Dienste auf. Das Prinzip: Um Rechtsrat zu erhalten, genügen drei Klicks. Produkt aussuchen, Anwalt wählen, Ergebnis erhalten.

Schreckgespenst Digitalisierung

Legalbase greift dabei auf ein ­Netzwerk freier Juristen in ganz Deutschland zurück, die Leistungen wie Unternehmensgründungen oder Markenanmeldungen anbieten – zum Festpreis. Solche Start-ups sind das Schreckgespenst, das ­etablierten Kanzleien ihre Schwächen vor Augen führt. Die meisten Kanzleien hierzulande befinden sich noch in einem digitalen Selbstfindungsprozess. Experten schätzen, dass Deutschland in Sachen Legal Tech fünf bis zehn ­Jahre hinter den USA zurückliegt.

Die Legal-Tech-Szene besteht aber nicht nur aus virtuellen ­Anwaltskanzleien wie Legalbase. Sie besteht auch aus Softwarelösungen für Kanzleien, die einen Teil der ­anwaltlichen Arbeit automatisieren. Wie groß die Umwälzungen für ­Sozietäten sein werden, ist bislang unklar. Schon jetzt schrauben sie aber an ihrem traditionellen Hierarchiemodell. Die Pyramide der Anwälte wird schlanker: Es braucht ­unterhalb der Partnerebene nicht mehr so viele Juristen, um eine ­Beratungsleistung zu erbringen. Weniger Associates pro Partner, weniger Einstiegsjobs für Juraabsolventen sind die Folge.

Konkurrenz für Anwälte

Nichtjuristen als IT-Experten und Projektmanager machen den Anwälten Konkurrenz. Gefragt sind nur noch Anwälte mit einem ­veränderten Zuschnitt, solche mit größerem technischen und organisatorischen Sachverstand, um Beratungsprozesse zu steuern. Das ist auch eine Herausforderung für die Jurafakultäten und die Weiterbildungsangebote der Kanzleien.

Die internationale Sozietät Dentons beispielsweise hat sich entschieden, sich an einem Inkubator für Legal-Tech-Start-ups zu beteiligen und dadurch den Zugang zur nächsten Innovationsstufe zu sichern. NextLaw Labs, angesiedelt in den USA, soll eine Ideenfabrik sein und hat bereits zwei Projekte geboren, von denen eines höchst öffentlichkeitswirksam ist: Ross, der künstlich intelligente Anwalt.

Beratung in Sekunden

Entwickelt von Studenten der Universität Toronto, soll Ross mithilfe von IBM-Watson-Technologie Anwälten helfen, Antworten auf Rechtsfragen in Sekunden zu bekommen. Derzeit ist Watson aber noch damit beschäftigt, zu lernen und Texte zu analysieren, die er zu begreifen lernt wie ein Jurastudent, weil Watson Sprache versteht. Ist der Supercomputer erst einmal auf Jura trainiert, können Anwälte ihm über die Ross-App Fragen in ihrer Sprache stellen und Watson beantwortet sie, weil er die relevante Rechtsprechung kennt. Denkbar ist natürlich auch, dass Ross eine Anwendung für Nicht-Juristen werden könnte. Wenn dieses Modell Wirklichkeit würde, dann hätte Watson via Ross tatsächlich einen Anwalt ersetzt. Er wäre schneller und vor allem eines: günstiger. (Eva Lienemann, Ulrike Barth)