Reform des Jurastudiums? Die Länder prüfen den Bachelor

44 solide Reformvorschläge für die „Zukunft der juristischen Ausbildung“ hat die Initiative Iur.reform gesammelt. Eine Abstimmung über die möglichen Reformen endete Mitte Juli. Aktuell sitzt das Team an der Auswertung. Zu spät für die gerade neu gebildeten Landesregierungen, die auf diesem Gebiet wenig Reformeifer zeigen.

Immer wieder flammt die Diskussion um eine Reformation des Jurastudiums in Deutschland auf. Die Initiative iur.reform hat nun rund 250 Zeitschriftenbeiträge mit Reformvorschlägen der vergangenen 20 Jahre gesammelt und analysiert. Herausgekommen sind 44 konkrete Vorschläge für die Zukunft der juristischen Ausbildung. Ergänzt mit Pro- und Contra-Argumenten sollen sie den bisherigen Ablauf der Diskussion aufzeigen und einordnen.

NRW und Schleswig-Holstein bleiben im neuen Koalitionsvertrag vage

Neben der gesellschaftlichen Diskussion, die unter Juristen immer wieder geführt wird, ist es eine große Herausforderung, dass die Länder zuständig sind. Eine Legislaturperiode reicht kaum aus, um ernsthafte Veränderungen auf den Weg zu bringen. Die schwarz-grünen Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen behandeln in ihren Koalitionsverträgen die juristische Ausbildung eher zaghaft. Im NRW-Koalitionsvertrag heißt es: „Dem Gesetz entsprechend werden wir die Reform des Juristenausbildungsgesetzes evaluieren.“ Darüber dürften einige Jahre ins Land gehen, schließlich wurde diese Reform erst im Herbst 2021 vom Düsseldorfer Landtag verabschiedet. Übrigens ohne das Thema Bachelor anzufassen, was die damalige Opposition inklusive der Grünen gefordert hatte. Ein halbes Jahr später heißt es im Koalitionsvertrag: „Wir wollen unseren Universitäten für das Jurastudium den integrierten Bachelor ermöglichen.“ Eine solche Integration eines zusätzlichen universitären Abschlusses in die existierenden Staatsexamensstudiengänge bedeutet allerdings auch: Dort, wo es im Vergleich der Studienfächer besonders viele Abbrecher gibt, bleibt eigentlich alles beim Alten.

Auch in Schleswig-Holstein soll der integrierte Bachelorabschluss lediglich „geprüft“ werden, während das Projekt eines zentralen Justizzentrums im Koalitionsvertrag deutlich mehr Raum einnimmt. An diesem Ort, den Gerichte aus dem ganzen Land „insbesondere auch zur Durchführung größerer oder großer Strafverfahren“ nutzen sollen, will die neue Kieler Landesregierung auch Aus- und Fortbildung anbieten sowie Prüfungen im ersten und zweiten Staatsexamen durchführen.

Für die Privathochschulen ist der Jura-Bachelor längst Standard

Ein Bachelor-Abschluss für das Jurastudium ist gar nicht besonders exotisch, auch nicht in Deutschland. Seit dem Wintersemester 2020 bietet etwa die Universität Passau den bundesweit ersten Bachelor-Studiengang ‚Legal Tech‘ an. In Baden-Württemberg, wie NRW und Schleswig-Holstein grün-schwarz regiert, bietet etwa die Universität Mannheim seit vielen Jahren ein Studienmodell an, das automatisch über den Bachelor zum ersten Staatsexamen führt. Der sogenannte Kombinationsstudiengang Unternehmensjurist/in enthält den Bachelor nicht als Notnagel für Studienabbrecher, sondern als Nachweis für eine parallele Ausbildung in Recht und Wirtschaft. Ähnlich halten es die beiden renommierten Jurastudiengänge der privaten Hochschulen Bucerius Law School und der EBS Universität für Wirtschaft und Recht. Der Bachelorabschluss gehört bei ihnen genauso zum Studienprogramm wie die Vermittlung wirtschaftswissenschaftlicher Inhalte.

Die Kombination aus Jura und Wirtschaft ist ein Erfolgsmodell der früheren Fachholschulen. Seit bald 30 Jahren bilden diese Abertausende Diplom-Wirtschaftsjuristen aus – seit der deutschen Umsetzung der Bologna-Reform mit den Abschlüssen Bachelor und Master. Staatsexaminierte Volljuristen versichern sich gerne gegenseitig, dass die Bachelor-Wirtschaftsjuristen nur begrenzte Berufsperspektiven haben und selbst bei einer Anstellung in einer Wirtschaftskanzlei über die Programmierung von Musterverträgen oder Due-Diligence-Fleißarbeit nicht hinauskommen. Man könnte allerdings auch vermuten, dass die ‚Nur-Wirtschaftsjuristen‘ manchen Kanzleien die Kosten- und Know-how-Struktur soweit aufbessern, dass sie überhaupt konkurrenzfähig bleiben.


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