Interview: „Legal-Tech-Absolventen sind mehrfach qualifiziert“

Seit dem Wintersemester 2020 bietet die Universität Passau den bundesweit ersten Bachelor-Studiengang ‚Legal Tech‘ an. azur hat Professor Dr. Michael Beurskens (45) interviewt - Mitinitiator und ­heutiger Studiengangsleiter in Passau.

JUVE: Wie kamen Sie auf die Idee für den Legal-Tech-Bachelor?

Michael Beurskens: Der Bedarf nach Legal-Tech-Kompetenz auf dem Arbeitsmarkt ist groß. Vor allem Kanzleien beklagen, dass sie kein Personal finden, das sowohl Jura- als auch IT-Kenntnisse vorweisen kann. Das Jurastudium ist ­jedoch sehr streng durchgetaktet und lässt den Studenten keinen Raum, Digitalisierungskompetenz aufzubauen. Dazu bietet ihnen der Bachelor als staatlich anerkannter Abschluss nun die Möglichkeit.

Professor Dr. Michael Beurskens (Foto: Universität Passau)

Welches Resümee ziehen Sie bisher?

Der Studiengang ist gut angelaufen, mittlerweile gibt es die erste Absolventin, die vom Jurastudium in den Bachelor gewechselt ist. Allgemein beobachten wir, dass der Bachelor vor allem Jurastudenten anzieht, die ihn parallel als Zusatzqualifikation absolvieren. Bei Abiturienten ist er bisher noch nicht so bekannt.

Welche Vorteile bringt ein paralleles Jurastudium aus Ihrer Sicht?

Für den späteren Berufsweg ist das auf jeden Fall empfehlenswert – allein schon, weil Juristen Kollegen ohne Examina häufig nicht ernst nehmen. Auch auf das Gehalt wirkt sich der Abschluss aus. Und natürlich auf die beruflichen Chancen: Für die Arbeit in der Justiz sind meist zwei Examina Voraussetzung. Deshalb bietet der Stundenplan genug zeitlichen Freiraum, um noch fehlende Kurse aus dem juristischen Staatsexamensstudiengang zu belegen.

Benötigen angehende Studierende Vorkenntnisse, zum Beispiel im ­Programmieren?

Nein. Natürlich sollten Studienanfänger mathematische Grundkenntnisse mitbringen. Aber die Studenten mit Programmierkenntnissen geben uns bisher eher die Rückmeldung, dass die Inhalte zu wenig anspruchsvoll sind. Es geht in dem Bachelor auch nicht darum, perfekt Programmieren zu lernen. Studierende sollen eher ein Verständnis für die Methodik und mögliche Anwendungsfälle von Legal Tech entwickeln.

Wie ist das Studium ­aufgebaut? Welchen Anteil hat Legal, welchen Anteil Tech?

Das Studium besteht aus drei Blöcken: Jura macht den größten Part aus und beinhaltet alle Pflichtfächer im Sinne der bayerischen Ausbildungs- und ­Prüfungsordnung. Der zweite große Block ist Wirtschaftsinformatik, mit ­Veranstaltungen wie ‚Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler‘. Und die dritte Säule ist Legal Tech, wobei die Studenten Kurse wie ‚Algorithmen und Recht‘ oder ‚Grundlagen des IT- und ­Datenrechts‘ belegen.

Arbeiten Sie mit Juristen aus der Praxis zusammen?

Wir bieten regelmäßig Ringvorlesungen an, zuletzt zum Legal-Tech-Gesetz. Da­­zu laden wir Gastdozierende wie Anwälte oder Gründer von Legal-Tech-Unternehmen ein, die die Studenten dann mit Fragen löchern können.

Das heißt, so können die Studierenden bereits Kontakte ­knüpfen. Welche ­anderen Vorteile bringt ihnen das ­Studium für den späteren Beruf?

Sie sind durch die Studieninhalte mehrfach qualifiziert. Im Wirtschaftsinfor­matik-Teil lernen sie, wie ein Ökonom zu denken und etwa Kosten und Nutzen bestimmter Anwendungen abzuwägen. Das kann ein Jurist nicht. Außerdem entwickeln sie ein technisches Verständnis, mit dem sie sich gut für die Zukunft aufstellen. Denn jemand, der die Technik bedienen kann, wird nicht so schnell von ihr abgelöst wie jemand mit rein ­juristischem Wissen.

Das Gespräch führte Johanna Heidrich.


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