Auf Geldreise: Wie finanziere ich die Kosten für ein LL.M.-Jahr im Ausland?

100.000 US-Dollar zu investieren, davor schreckt wohl jeder Student erst einmal zurück. Die hohen Kosten machen aus der Finanzierung eines LL.M.-Studiums eine komplexe Rechenaufgabe. Wer hinaus will, muss frühzeitig planen und am besten eine Vorliebe für aufwendige Tabellen mitbringen.

Es sind keine Luxusartikel, die im Warenkorb ­eines LL.M.-Interessenten liegen: Reisekosten, Unterkunft, Verpflegung, Sprachtest, Visum und Krankenversicherung – ohne diese Dinge geht es nicht. Die Liste der Nebenkosten ist lang, die etwa für einen LL.M. in den USA zu den vielleicht 70.000 US-Dollar an Studiengebühren hinzukommen. Und die meisten zusätzlichen Ausgaben fallen auch an, wenn jemand die günstigeren Alternativen wie die Universitäten in Großbritannien, Australien oder Südafrika mit Studiengebühren von 25.000 Euro aufwärts ­auswählt.

Doch obwohl die Summen so abschreckend sind, gehen jedes Jahr hunderte Juristen an die hochkarätigen Law Schools in aller Welt. Ihr wichtigstes Werkzeug: eine Excel-Tabelle. Denn es gibt mehr Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung zu erlangen, als es auf den ersten Blick erscheint. Frei nach dem Motto ‚Kleinvieh macht auch Mist‘ ist es vor allem die Menge an teils auch geringen Beträgen, die sich am Ende läppern und den Finanzierungsplan Schritt für Schritt ergänzen. Die Kunst besteht darin, nicht den Überblick zu verlieren – und vor allem nicht den Mut. Denn oft steht erst ganz am Ende die eigene finanzielle Belastung für den LL.M.-Traum fest. Bis dahin heißt es Durchalten!

Der frühe Vogel.

Arbeitsvertrag von Gleiss Lutz in der Tasche: Jan Hinrichs wusste schon bei Antritt des LL.M.-Studiums, dass er danach gut verdienen würde.

Die meisten LL.M.-Absolventinnen und Absolventen haben sich frühzeitig mit einem persönlichen Finanzierungsplan befasst. Einer von ihnen ist Jan Hinrichs. „Eine Übersicht der Kosten, insbesondere Reisekosten, Lebenshaltungskosten und Studiengebühren sowie ein kleiner Puffer, hilft für die Hochrechnung. Dann beginnt das Puzzeln: Welche Kosten lassen sich mit welchen Geldquellen decken und welche Finanzierungsszenarien ergeben sich daraus?“, sagt er.

Der 32-Jährige ist Associate im IT-Recht am Berliner Standort von Gleiss Lutz. Im Jahr 2018 studierte er an der University of California (UCLA) in Los Angeles und schloss mit dem LL.M. ab. „Für mich stand fest, dass ich einen LL.M. oder eine Dissertation erst nach dem zweiten Examen beginnen werde, wenn ich alle anderen entsprechenden Prüfungen abgelegt habe“, sagt Hinrichs. Letztendlich hat er sich mit dem LL.M. für die deutlich teurere Variante entschieden. Dafür erhielt er ein Teilstipendium von Gleiss Lutz in Höhe von 10.000 Euro, als einer von vier Nachwuchsjuristen, denen die Kanzlei jedes Jahr beim LL.M.-Studium im englischsprachigen Ausland unter die Arme greift. Beim Start des Studiums stand schon fest, dass er nach seiner Rückkehr den Berufseinstieg bei Gleiss Lutz machen würde, entsprechend waren seine finanziellen Aussichten zumindest für die Zeit danach an ein Großkanzleigehalt gekoppelt. Gleiss Lutz zahlt Associates für jeden zusätzlichen Titel, also Doktortitel oder LL.M., sogar einen Aufschlag beim Einstiegsgehalt. Doch den LL.M.-Plan nahm Hinrichs bereits lange vor der Zusage des Stipendiums und des Arbeitsvertrages in Angriff.

5 Tipps zur richtigen Finanzierung des LL.M.-Studiums

Die Herausforderung, einen LL.M. zu finanzieren, liegt vor allem darin, viele verschiedene Fristen einzuhalten, mögliche Geldquellen miteinander zu verbinden und dabei nicht den Überblick zu verlieren. Oft ist es beispielsweise nötig, bereits eine Finanzierung bei der Universität oder für das Visum vorzulegen, obwohl Stipendien noch nicht zugesagt wurden. Folgende Tipps können helfen:

1. Früh beginnen. Überblick verschaffen. Kosten hochrechnen.
2. Fristen im Blick behalten.
3. Mehrere Quellen parallel anzapfen.
4. Verhandlungen mit den Universitäten (Tuition Waiver).
5. Mögliche steuerliche Vorteile nutzen.

Bewerbungsfristen liegen quer.

Das Knifflige bei jedem Finanzierungsplan ist, dass die Bewerbungsfristen der Universitäten, Stipendien und zu guter Letzt auch des Visums nicht ineinandergreifen und die Reihenfolge somit nicht intuitiv ist. Das beste Beispiel ist das Ful­bright-Stipendium, das sich explizit an US-Studienanwärter richtet. Die jährliche Bewerbungsfrist endet bereits im Sommer, also ein Jahr vor dem Start des geplanten Studienaufenthalts. Gleichzeitig muss ein Anwärter das erste Examen bereits in der Tasche haben, um sich überhaupt bewerben zu können. Das hat zur Folge, dass die Bewerbung auf Stipendien oftmals bereits erfolgen muss, bevor der Studienplatz überhaupt zugesagt wurde. In den USA erteilen die Law Schools beispielsweise erst ab Jahreswechsel bis ins Frühjahr hinein die Zu- oder Absagen. Gleichzeitig verlangen Universitäten im Laufe des Bewerbungsprozesses bereits einen Nachweis finanzieller Mittel, gleiches gilt für das Visum.

„Ein Vorteil mit Blick auf die USA ist, dass die Bewerbungen fast aller Universitäten über ein zentrales Portal koordiniert werden. Das vereinfacht an der Stelle einiges“, sagt Dr. Tristan Radtke. Der 26-Jährige ist im August 2021 zum LL.M.-Jahr an der NYU aufgebrochen. Anders als Hinrichs wählte er die Variante, zwischen dem ersten und zweiten Staatsexamen ins Ausland zu gehen. Nach dem Examensstress und erfolgreichem Abschluss an der Universität Münster startete er umgehend mit der Doktorarbeit. Währenddessen hat er sein LL.M.-Vorhaben vorbereitet. „Gerade als Student schrecken die hohen Kosten ab. Angesichts diverser Stipendien und weiterer Finanzierungsmöglichkeiten sollte man sich allerdings nicht vorschnell von dem Vorhaben abhalten lassen und Schritt für Schritt einen Finanzierungsplan aufbauen.“

Im Sommer abgereist: Oppenhoff-Stipendiat Tristan Radtke studiert gerade an der NYU. Bei der Finanzierung hat er nicht nur auf Kanzleiförderung gesetzt.

Kredite und ihre Tücken

Wenn sich kein privater Geldgeber auftut, der zum Stichtag in der Botschaft oder im Rahmen der Uni-Bewerbung Geld auf das eigene Girokonto bucht, kann sich anfangs die Anfrage eines Kredits lohnen. Dieser sollte vor allem im Betrag flexibel sein, damit am Ende wirklich nur die noch offene Summe finanziert wird. „Die Universitäten verlangen im Zusammenhang mit Visumsvorbereitungen bereits frühzeitig einen Beleg für die Finanzierung. Als erstes Backup ist die Zusage einer Bank also sehr hilfreich“, meint Radtke. Ein klassischer Kredit kommt allerdings nur infrage, wenn Sicherheiten geboten werden können. An dieser Stelle kommen im Zweifel die Eltern als Bürgen ins Spiel. Anders ist es beim KfW-Studienkredit. Dieser finanziert wiederum nur Vorhaben, wenn der Student oder die Studentin weiterhin an einer deutschen Uni eingeschrieben ist.

Eine andere Möglichkeit sind die sogenannten Bildungsfonds wie zum Beispiel BrainCapital. Nach dem Prinzip des umgekehrten Generationenvertrags finanzieren Investoren das Studium von potenziellen Gutverdienern der Zukunft. Diese zahlen ihre Schulden erst dann zurück, wenn sie über ein bestimmtes Mindesteinkommen verfügen. Der individuelle Rückzahlungsbetrag ist einkommensabhängig. Bei dieser Variante ist ausdrücklich Vorsicht geboten und es ist besonders wichtig, genau die späteren Verdienstaussichten mit den angebotenen Vertragskonditionen durchzurechnen.

Wer zum Beispiel direkt nach dem LL.M. in den Beruf einsteigt und dann als Anwalt nicht zu wenig verdienen wird, der kann am Ende eine böse Überraschung erleben und ziemlich hohe Beträge zurückzahlen. Der Vorteil ist, dass Kreditanwärter aufgrund ihrer bisherigen Studienleistung berücksichtigt werden und keine weiteren finanziellen Backups vorweisen müssen. Außerdem sind Bildungsfonds äußerst flexibel. Gerade in der ersten Phase der Bewerbung, wenn eventuell noch keine anderen Geldquellen feststehen, können sie eine hohe Summe zusichern, die der Student dann bis zum tatsächlichen Beginn der Auszahlung flexibel herunterstufen kann. Das heißt, wenn in der Zwischenzeit noch Stipendienzusagen eintrudeln, kann die Kreditsumme in der entsprechenden Höhe reduziert werden. Letztendlich sollte sich aber jeder vor Augen halten, dass es sich um ein Finanzprodukt handelt, von dem die Investoren eine ordentliche Rendite erwarten. Diese Rendite kommt von den Absolventen.

Kanzleien geben Geld.

Ein LL.M.-Abschluss ist aus vielen Gründen bei Kanzleien gern gesehen. Die fachbezogenen Englischkenntnisse, die Entwicklung der Persönlichkeit, aber auch das exzellente Netzwerk an internationalen Juristen, das ein Absolvent mitbringt, sind nur einige davon. Deswegen stecken sie nicht nur vor Ort an den Law Schools viel Zeit und Geld in Recruiting-Events, sondern unterstützen auch im Vorfeld bei der Finanzierung. Inzwischen gibt es einen ganzen Strauß an kleineren und größeren Stipendien, die Kanzleien vergeben. Das reicht von Reisestipendien, wie sie beispielsweise Clifford Chance vergibt, über Latham & Watkins’ LL.M. Fellowship, das an zehn Bewerber jeweils 2.500 Euro verteilt, bis hin zum Theo-Waigel-Stipendium der Kanzlei GSK Stockmann in Höhe von 5.000 Euro. Mit dem Walter-Oppenhoff-Stipendium von Oppenhoff & Partner, einem weiteren Förderangebot aus dem Kanzleienmarkt, stemmte Tristan Radtke einen Teil seiner LL.M.-Finanzierung. Auch wenn die Beträge im Vergleich zur Gesamtsumme nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheinen, können durch solche kleinen Beträge diverse Kosten abgedeckt werden. Die großen Lücken schließen neben dem Fulbright-Stipendium auch die DAAD-Stipendien. Diese betragen bis zu 1.200 Euro monatlich, wenn es in die USA geht. Ein Reisekostenzuschuss von 1.275 Euro und eine Beteiligung an den Studiengebühren von bis zu 18.000 Euro kommen unter Umständen hinzu.

Das 100.000-Dollar-Studium

Kostenbeispiele für New York und Los Angeles

Für ein LL.M.-Studium in den USA an den renommierten Law Schools sollten mindestens um die 100.000 USD eingeplant werden (ca. 85.000 Euro).   Die Universitäten geben Beispielrechnungen der zu erwartenden Kosten im Studienjahr 2021/22 vor. Hier seht ihr beispielhaft die Kostenschätzung der UCLA Law in Los Angeles und der New York University (NYU) School of Law.

  • Gesamtkosten New York 105.215 USD
  • Studiengebühr 70.400 USD
  • Unterkunft und Verpflegung 25.300 USD
  • Weitere Gebühren 3.014 USD(Gesundheit, Registrierung, Service, Technik)
  • Bücher und Materialien 1.500 USD
  • Krankenversicherung 3.637 USD
  • Sonstiges 1.364 USD
  • Gesamtkosten Los Angeles 96.292 USD
  • Studiengebühr 64.046 USD
  • Unterkunft und Verpflegung 27.526 USD
  • Krankenversicherung 4.720 USD

Unbedingt mehrgleisig fahren.

Oft steht erst kurz vor Abreise fest, welche finanziellen Mittel zur Verfügung stehen und welche nicht. Deswegen ist es so wichtig, mehrgleisig zu fahren, damit das Geld vor Ort nicht ausgeht und auch die eine oder andere Freizeitaktivität noch ins Budget passt. Wenn am Ende Geld fehlt, schadet die Nachfrage beim Financial-Aid-Büro der jeweiligen Law School nicht. Teilweise vergeben diese eigene Kredite an ihre Studenten.

Grundsätzlich sind die Universitäten flexibler in der Finanzierung, als es die hohen Gebühren und damit die klare Ansprache einer finanziellen Elite erscheinen lassen, denn ganz zum Schluss können die Bewerber einen Joker ausspielen, der ihren finanziellen Wert als Kunden noch übertrifft. Der Vorteil ist, dass die Universitäten die internationalen Studenten brauchen, nicht nur wegen der Einnahmen, sondern auch wegen des eigenen Images und teils selbst gesetzter Quoten.

Das kann und sollte ein Bewerber sich zunutze machen. „Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Verhandlung mit den Universitäten nach einer Studienplatzzusage. Die eigene Initiative und das richtige Maß können einen erheblichen Nachlass bei den Studiengebühren bringen“, berichtet Hinrichs von seiner Erfahrung. Es handelt sich um den sogenannten Tuition Waiver. Sobald die Zusagen der Law Schools eintrudeln, lohnt es sich, mit diesen nochmal in Verhandlung zu treten. Dafür braucht es ein wenig Feingefühl und Mut. Letztendlich gilt es, den Universitäten zu signalisieren, dass andere Zusagen von Law Schools vorliegen – die alle im harten Wettbewerb um die LL.M.-Studenten stehen. Die Andeutung, dass die Studiengebühren vergleichsweise hoch seien, kann entscheidende Nachlässe mit sich bringen. Eine Reduzierung von 25.000 oder 30.000 US-Dollar auf die Tuition sind durchaus keine Seltenheit.

Zurück in Deutschland lässt sich außerdem noch an der ein oder anderen Stellschraube drehen. Als Aufbaustudium kann ein LL.M. steuerlich abgesetzt werden und bei direktem Berufseinstieg relativ schnell die persönliche Steuerlast senken. Aber selbst wenn nach dem Masterjahr noch das Referendariat mit vergleichsweise kleinem Verdienst ansteht, sorgt der Verlustvortrag über die Jahre dafür, dass ein beachtlicher Teil an Ausgaben zurückgeholt wird.

Mit dem ersten Gehalt nach dem Berufseinstieg müssen sich zumindest Großkanzleijuristen wegen der roten Markierungen in ihrer Excel-Tabelle keine Sorgen mehr machen. Und das teure Auslandsjahr bleibt den Absolventen nicht wegen des finanziellen Kraftakts in Erinnerung. „Der eventuelle spätere Kosten-Nutzen-Effekt stand für mich nicht im Vordergrund, vielmehr die englische Sprache und die Auslandserfahrung“, erzählt Tristan Radtke. Auch Jan Hinrichs bestätigt schon jetzt, in seinen ersten Berufsjahren, den Vorteil des Masterabschlusses: „Über die Hälfte meiner Tätigkeit findet auf Englisch statt. Allein für den verhandlungssicheren Umgang auf internationalem Parkett hat es sich rentiert, ganz zu schweigen von der einmaligen persönlichen Erfahrung.“


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