Ungewöhnliche Wahlstationen: NGO, ZDF und JVA

Wer später in einer Kanzlei arbeiten möchte, wird dazu noch lange genug Gelegenheit haben.

Die Wahlstation am Ende des Referendariats dagegen gibt es nur einmal. Warum also nicht für ein paar Monate in ein Berufsfeld eintauchen, das man sonst nie kennenlernen würde?

Jura ist wohl nicht der kreativste Studiengang der Welt. Man lernt. Und lernt. Und lernt. Schreibt Gutachten. Löst Fälle. Versucht, Klausuren zu bestehen. Auch im Referendariat ist vieles vorgegeben. Die Wahlstation am Ende des Referendariats dagegen gehört dir. Natürlich kannst du die Zeit nutzen, um deinen Wunscharbeitgeber noch besser kennenzulernen und den Berufseinstieg in der Kanzlei vorzubereiten. Viele tun genau das. Die Wahlstation bietet aber noch etwas anderes: die Möglichkeit, für einige Monate Berufsfelder kennenzulernen, mit denen du im Jurastudium kaum in Berührung kommst. Nichtregierungsorganisation, Legal-Tech-Start-up oder Auswärtiges Amt? Wer früh plant, hat die Wahl.

Dabei gilt: Bei der Wahlstation sollte nicht die Exotik im Vordergrund stehen. Sinnvoll ist sie vor allem dann, wenn sie einen Einblick in ein Berufsfeld gibt, das du ernsthaft als mögliche Karriereoption in Betracht ziehst.

Wir stellen einige ungewöhnliche Wahlstationen vor.

Politik

Bundestag

Gesetze lernt man im Studium meist erst kennen, wenn sie bereits in Kraft sind. Im Bundestag kannst du erleben, wie sie entstehen. Die Arbeit vermittelt einen Eindruck davon, wie eng Recht und Politik miteinander verbunden sind. Einsatzmöglichkeiten gibt es in der Bundestagsverwaltung, in Ausschuss-Sekretariaten sowie bei den Wissenschaftlichen Diensten und Referaten.

Bundesgerichtshof

Wer überdurchschnittliche Ergebnisse im Ersten Examen vorweisen kann und in den anderen Stationen überzeugende Ausbildungsnachweise erlangt hat, kann sich beim Bundesgerichtshof bewerben. Eine ziemlich exklusive Wahlstation, denn die Plätze sind begrenzt und werden im Rahmen eines Auswahlverfahrens vergeben. Wer angenommen wird, erhält Einblicke in die Arbeit des höchsten deutschen Zivil- und Strafgerichts und liefert einen beeindruckenden Nachweis für den weiteren Berufsweg.

Auswärtiges Amt

Das Auswärtige Amt ist eine gute Adresse für alle, die sich für internationale Beziehungen interessieren. Als Wahlstation ist es extrem gefragt und seit Jahren unter den Top-10-Wunscharbeitgebern in den azur-Bewerberumfragen. Neben guten Noten verlangt das Amt ein Motivationsschreiben. Mögliche Einsatzorte sind Botschaften, Konsulate sowie die Ständigen Vertretungen der Bundesrepublik Deutschland bei internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der NATO. Je nach Land können die drei Monate allerdings kostspielig werden, denn das Auswärtige Amt zahlt keine zusätzliche Vergütung.

Internationale Gerichte

Wer internationale Rechtsprechung aus nächster Nähe erleben möchte, sollte einen Blick auf den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag oder den Internationalen Seegerichtshof in Hamburg werfen. Während sich der Strafgerichtshof mit Verbrechen wie Völkermord und Kriegsverbrechen befasst, entscheidet der Seegerichtshof Streitigkeiten zwischen Staaten im Seerecht. Beide Stationen bieten Einblicke in die Praxis des Völkerrechts.

Praxis

Justizvollzugsanstalten

Das Strafurteil beendet für Juristinnen und Juristen häufig die Betrachtung eines Falles. Im Vollzug beginnt dagegen erst die eigentliche Umsetzung. Wer eine Wahlstation in einer JVA absolviert, lernt Fragen des Vollzugsrechts, der Resozialisierung und des Gefängnisalltags kennen. Besonders interessant für Referendarinnen und Referendare, die sich eine Spezialisierung im Strafrecht vorstellen können.

Gesellschaft

Nichtregierungsorganisationen

Ob FragDenStaat, Anwältinnen ohne Grenzen, iur.reform, Amnesty International, Greenpeace, NABU oder die Welthungerhilfe: NGOs bieten Einblicke in die Schnittstelle von Recht, Politik und gesellschaftlichem Engagement. Statt Mandate zu bearbeiten, stehen häufig Projekte, Kampagnen oder rechtspolitische Fragen im Mittelpunkt. Wer erleben möchte, wie juristische Expertise außerhalb von Kanzleien, Gerichten und Unternehmen eingesetzt wird, findet hier spannende Einsatzmöglichkeiten.

Digitales

Was, wann, wo?
Die Wahlstation ist die letzte Station des Referendariats und dauert drei Monate, in einigen Bundesländern auch vier Monate, etwa in Nordrhein-Westfalen. Sie findet in der Regel nach den schriftlichen Klausuren und vor der mündlichen Prüfung statt.

Bewerbung
Viele besonders begehrte Stationen, etwa beim Auswärtigen Amt oder bei internationalen Organisationen, haben lange Vorlaufszeiten von bis zu einem Jahr. Mit der Recherche und Planung solltest du deshalb möglichst früh beginnen.

Auswahl
Erlaubt ist vieles. Allerdings muss die Tätigkeit einen juristischen Bezug haben, der Ausbilder oder die Ausbilderin über die Befähigung zum Richteramt verfügen und die Station vom zuständigen Oberlandesgericht beziehungsweise Landesjustizprüfungsamt genehmigt werden.

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und digitale Geschäftsmodelle verändern den Rechtsmarkt. Viele Kanzleien und Rechtsabteilungen suchen derzeit Juristinnen und Juristen, die ihren Blick über den juristischen Tellerrand richten und etwas von Automatisierung und Digitalisierung verstehen. Wer Einblicke gewinnen möchte, findet in der Legal-Tech-Szene zahlreiche Möglichkeiten. Unternehmen wie Advocado, Conny, Flightright oder Smartlaw bieten ebenso Stationen an wie der Legal Tech Verband Deutschland.

Journalismus

ARD, ZDF, Deutsche Welle, private Sender und juristische Fachmedien bieten Referendarinnen und Referendaren Einblicke in ein Berufsfeld, das viele Studierende kaum auf dem Schirm haben. Meist hat man die Wahl zwischen dem Justiziariat einer Sendeanstalt und einer Redaktion mit rechtlichem Schwerpunkt.
Je nach Einsatzort geht es um Urheber-, Marken-, Arbeits-, Presse- oder Medienrecht sowie um Vertragsverhandlungen. Wer sich für Medienrecht interessiert, kann sich auch bei juristischen Fachverlagen wie C.H.Beck, Boorberg, Springer oder De Gruyter bewerben. Dort werden juristische Inhalte redigiert, aufbereitet und weiterentwickelt.

Sport

Ob Bayern München, VfL Wolfsburg oder Schalke 04: Etliche Vereine der ersten und zweiten Bundesliga bieten Plätze für eine juristische Wahlstation an. Die Rechtsabteilungen decken meist ein breites Spektrum ab, von Spielerverträgen über Lizenzrecht bis hin zu gesellschaftsrechtlichen Fragen – und natürlich Fußball.


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