Rechtsberatung in der Filmbranche

Wenn Hollywood in Deutschland dreht, ist Christiane­ Stützle häufig nicht weit. Die Medienrechtlerin ist ­Partnerin bei Morrison & Foerster und begleitet Blockbuster-Produktionen, hat aber auch ein Faible für Kunst.

Manchmal fällt es Christiane Stützle schwer, Gesichter zu erkennen. Ein Beispiel, das schon etliche Jahre zurückliegt: Film-Party in Hollywood, Small Talk mit einem jungen Mann, der sie nach ihrem Namen fragt. Stützle fragt zurück: „Und wie heißen Sie?“ Irritierte Blicke. „Me? I’m Bruce“, gibt ihr Gegenüber etwas pikiert zurück. Vor ihr stand Hollywoodstar Bruce Willis. Dasselbe Spiel kürzlich bei einer Detox-Kur in Bayern. Dort schwamm sie ihre Bahnen gemeinsam mit Margot Rob­bie, australischer Leinwandstar und Hauptdarstellerin im Hollywood-Blockbuster ‚Babylon‘, und bemerkte schließlich nach einigen netten Gesprächen, dass sie wohl beide in derselben Branche arbeiten.

Christiane Stützle ist Partnerin bei der Berliner Kanzlei Morrison & Foerster und spezialisiert auf die Beratung der Filmproduktionsbranche. Sie klärt, was rechtlich zu klären ist, bevor ein Film in Deutschland produziert wird: Welche Filmförderung könnte die Produktionsfirma in Anspruch nehmen? Wie bekomme ich als Produzent optimale Finanzierungs- und Vertragsbedingungen? In allen Fragen vom Vertrag bis zum Vertrieb weiß Stützle juristischen Rat. Auch wenn sie nicht jeden Star direkt erkennen mag – das Geschäft kennt sie seit Jahrzehnten in- und auswendig. Die großen Studios vertrauen bei Produktionen, die teils oder ganz in Deutschland angesiedelt sind, auf das umfangreiche Wissen und das Branchen-Know-how der erfahrenen Anwältin.

Wenn der Studioboss anruft

In die Unterhaltungsindustrie zog es Stützle, die in Passau und Lausanne studiert hat, schon früh. Sie arbeitete während ihres Referendariats ab 1996 in Leipzig. Als der dort ansässige Mitteldeutsche Rundfunk für ein Projekt in Los Angeles tätig war, wurde Stützle mit der rechtlichen Beratung hierfür beauftragt und nahm an Verhandlungen vor Ort teil. Sie war begeistert vom kreativen Flair in der Stadt und in den Studios. Später, als sie als externe rechtliche Beraterin in Deutschland für Twentieth Century Fox arbeitete, ergab sich die Möglichkeit eines längeren Aufenthalts. „Mehrere Wochen habe ich damals bei Twentieth Century Fox verbracht, um die Ansprechpartner und Abläufe noch besser kennenzulernen“, erinnert sie sich. Das hat sie nachhaltig beeindruckt.

Man muss dafür auch technisches Interesse mitbringen

Stützle findet L.A. noch heute großartig: Zwei- bis dreimal im Jahr ist sie dort und schwärmt für die Stadt und ihre einzigartige Atmosphäre. „Schon damals, Anfang der 2000er Jahre, war der Bedarf an filmrechtlicher Beratung in Deutschland groß“, sagt sie. Place to be: Berlin. Dorthin ging die Anwältin 2001 und heuerte in der damaligen Kanzlei Hogan Hartson Raue an. „Schon in dieser Zeit habe ich begonnen, mir mein Netzwerk aufzubauen.“ Sie baute ihre Beziehungen zur deutschen Filmförderungsszene auf und flog oft in die USA, um die Verantwortlichen in den Produktionsfirmen zu treffen. „Um Mandanten gut und dauerhaft zu beraten ist es wichtig, neben Rechtskenntnissen auch ein profundes Verständnis für die Branche, kommerzielle Parameter und mit Blick auf die Digitalisierung und neue Nutzungsformen ein technisches Verständnis zu haben“, sagt sie. Inzwischen gehört die Fach­anwältin für Urheber- und Medienrecht, die bei ­Morrison & Foerster die weltweite Praxisgruppe Film & Entertainment leitet, zu den Trusted Advisors vieler Produktionsfirmen.

Dass das zum einen ein großes Kompliment, zum anderen aber auch eine riesige Verantwortung bedeutet, verdeutlicht am besten eine Anekdote, der sie einer ihrer großen beruflichen Erfolge zu verdanken hat: Stützle gelang es, die Produktion einer Staffel der US-Erfolgsserie ‚Homeland‘ nach Berlin zu holen. Die Produzenten und die Hauptdarstellerin der Serie fanden Berlin so schön „authentisch“, etwas abgerockt und wollten gern die fünfte Staffel in der deutschen Hauptstadt und Umgebung drehen. „Ich bekam eine Einladung vom Chef der Fox 21, der nur sagte: ‚We put a lot of trust in you and hope you never disappoint us‘.“ Tat Stützle auch nicht – die fünfte ‚Homeland‘-Staffel wurde komplett in Berlin gedreht, Stützle hatte die rechtlichen Vorarbeiten dazu geleistet.

Kunst in allen Formen

Wäre sie insgeheim auch lieber Produzentin, Regisseurin, Schauspielerin geworden? „Nein“, sagt Stützle und lächelt. „Das Kreative, von Verträgen mal abgesehen, überlasse ich anderen. Ich mag die Unterhaltungs­industrie sehr, aber meine Stärke ist ganz eindeutig, strukturiert und vorausschauend zu denken.“ Viele ihrer heutigen Mandanten sitzen in den USA, und die Zeitverschiebung kommt Stützle eindeutig entgegen. So hat sie den Tag über Zeit, die eingegangenen Fragen von Mandanten zu bearbeiten, ihre Mails liest man in L.A. sowieso nicht vor 18.30 Uhr. Auch in andere Himmelsrichtungen ist die Anwältin immer häufiger unterwegs: Stützle, die bereits als rechtliche Beraterin für Medienunternehmen in Abu Dhabi und Dubai arbeitet, hat sich kürzlich auf einer internationalen Medien­konferenz in dem Areal ‚Neom‘ in Saudi Arabien über die dortigen Zukunftspläne informiert.

Doch sie hat auch noch einen anderen Schwerpunkt – privat und im Berufsleben: die Kunst. Ihr Mann ist der Kunsthändler und -sammler René Scharf, sie hat also viele Kontakte in die Kunstszene. Und auch fachlich beschäftigen sie urheberrechtliche Fälle, die sich außerhalb der Filmproduktionswelt abspielen. So erreichte Stützle unter anderem für ihren Mandanten, den Künstler Martin Eder, im vergangenen Jahr ein wegweisendes Urteil. Seitdem ist die Technik des Nachahmens einer Idee oder eines künstlerischen Stils – „Pastiche“ genannt – geschützt. Sowohl in der Kunst als auch im Film spielt in Stützles Arbeit regelmäßig die fortschreitende Digitalisierung eine Rolle. „Man muss dafür auch technisches Interesse mitbringen“, sagt Stützle, die an der Schnittstelle von Technologie und Recht, von der Entwicklung, Produktion und dem Vertrieb von Inhalten und bei der digitalen Transformation berät.

Neben ihrer Arbeit als Anwältin engagiert sie sich auch immer wieder in der Fachöffentlichkeit, etwa wenn es darum geht, rund um Filmfestivals wie der Berlinale aktuelle Diskussionsrunden zu organisieren. Vor wenigen Wochen, während der Berlinale 2023, hatte Stützle ein hochkarätig besetztes Panel zum Thema Diversität im Film organisiert. Gastgeber war die US-Botschaft, als Überraschungsgast betrat plötzlich kein geringerer als Steven Spielberg den Raum. Erkannt hat sie den weltberühmten Regisseur übrigens sofort.


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