Mind the Gap
Lange Wartezeiten vor dem Referendariat sind keine Seltenheit – bis zu 24 Monate sind in Großstädten möglich. Doch die Zeit lässt sich sinnvoll überbrücken.
Hier sind einige gute Ideen, wie du die Phase vor dem Vorbereitungsdienst strategisch nutzen kannst.
Geschafft! Wer das Erste Staatsexamen in der Tasche hat, kann erst einmal stolz auf sich sein. Doch um Volljurist zu werden, steht als nächstes noch der Vorbereitungsdienst an, für den man sich an einem der 24 deutschen OLG-Bezirke bewerben muss. Übergangslos geht das oft nicht, denn die Wartezeiten auf einen Referendariatsplatz sind – besonders in den Großstädten – elendig lang. Bis zu 24 Monate sind möglich. Es gibt auch deutlich entspanntere Flecken, und wer regional flexibel ist, kann sich dort bewerben, wo die Wartezeit kürzer ist. In Berlin oder Hamburg hingegen haben kurzfristige Bewerbungen wenig Chancen. Selbst wer in der Stadt studiert hat, braucht eine gute Note, um in der Warteliste nicht ganz unten zu stehen. Wenn es also länger dauert, bis das Referendariat beginnt, fragen sich viele: Wie überbrücke ich die Monate bis zum Start? Ein kleiner Hinweis zur Beruhigung: Bei aller Strategie ist nach der Ersten Staatsprüfung eine Auszeit erlaubt. Sie stößt sogar an einflussreicher Stelle auf Verständnis. Sofia Jung, Recruiting-Chefin bei Freshfields findet jedenfalls: „Man muss auch auf sich achten. Eine Auszeit nach dem sehr lernintensiven Examen ist völlig verständlich. Eine Pause, in der man einen Teil der Welt bereist, hilft ja auch, um gut gestärkt in das neue Kapitel Referendariat zu starten.“ Neben – oder nach – einer wohlverdienten Auszeit gibt es jedoch noch weitere Möglichkeiten, die Wartezeit sinnvoll zu nutzen. Wir stellen vier davon vor.
Für alle, die später international arbeiten wollen: Ein LL.M.-Studium
Ein Master of Laws (kurz: LL.M.) im Ausland gilt mittlerweile als Klassiker für alle, die sich vor allem eine Karriere in der internationalen Großkanzlei gut vorstellen können. So ging es auch Inga Weiberg, heute Associate im Immobilienrecht bei Jones Day in Düsseldorf. Als sie 2018 ihr Examen absolviert hatte, bewarb sich die Studentin aus Bonn am OLG Köln. Wartezeit: neun Monate. Im April desselben Jahres stieg sie in den Flieger nach Australien. Ziel: Die Bond University in der Nähe von Brisbane. Mehr als ein halbes Jahr vor ihrem Abschluss hatte sich Weiberg auf die Bewerbung vorbereitet, Motivationsschreiben verfasst und Empfehlungsschreiben eingeholt.

Als sie dann schließlich im Flieger saß, wurde ihr doch etwas bang: „Ich hab mich gefragt: ,Was mache ich hier eigentlich?‘“ Doch schnell erkannte Weiberg, welche Chancen der Schritt bot. Bessere Sprachpraxis, internationale Kontakte und: „Es war ein gutes Gefühl, meine Komfortzone verlassen zu haben.“ Für Kanzleien sei das ein starkes Signal, sagt sie rückblickend – besonders, wenn man später in einer internationalen Sozietät arbeiten möchte. Am Ende verhalf ihr der Auslandsaufenthalt dann sogar zu einem direkten Kontakt zum ersten Arbeitgeber. „Nach den zwei Trimestern an der Bond University gab es zum Abschluss eine Graduation Fair“, erzählt Weiberg. „Dort stellte sich auch Jones Day als Arbeitgeber vor.“
| Ideal für: Angehende Juristinnen mit internationalen Ambitionen. Besonders in Großkanzleien und/oder Einheiten, die international aufgestellt sind, gerne gesehen. + Internationale Erfahrung – Teuer (Finanzierung sorgfältig planen) Infos zu rund 100 LL.M.-Programmen im Ausland sowie zu deutschen Alternativen findest du unter: azur-online.de/ll-m-programme |
Kurz nach ihrer Rückkehr startete ihr Referendariat, die Wahlstation verbrachte sie dann schon bei Jones Day in München. Mittlerweile ist sie Associate und arbeitet in Düsseldorf. Den LL.M. würde sie immer wieder machen. „80 Prozent meiner Arbeit ist auf Englisch, da profitiere ich immer noch von der Zeit in Australien“, sagt die 34-Jährige.
Damals lebte sie nahe des Campus in einer Dreier-WG mit einem US-Amerikaner und einem Kanadier. „Die neun Monate haben mir aber nicht nur menschlich und sprachlich viel gebracht“, sagt Weiberg. „Die Uni dort war viel schulischer, insbesondere wurden auch Diskussionen und die Mitarbeit in den Kursen bewertet. Wir bekamen außerdem Verhandlungstraining und mussten regelmäßig Hausarbeiten verfassen, das Studium war sehr praktisch angelegt.“ Der andere Unterrichtsstil tat gut.
Für alle, die wissenschaftlich arbeiten möchten: Eine Promotion beginnen
Wer Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten hat und sich vorstellen kann, über Jahre ein Thema vertieft zu bearbeiten, sollte über eine Promotion nachdenken. Neben der inhaltlichen Vertiefung bringt ein Doktortitel häufig Vorteile bei der späteren Bezahlung, insbesondere in Großkanzleien, und stärkt Fähigkeiten wie selbstständiges und analytisches Arbeiten. Bei der Themenwahl können Professoren unterstützen, falls man nicht bereits während seines Studiums auf ein spannendes Thema gestoßen ist. Wichtig: Man sollte sich langfristig für dieses Thema begeistern können. Denn eine Promotion nimmt mindestens zwei Jahre in Anspruch.

Voraussetzung sind ein betreuender Professor und das Erste Staatsexamen; ein Prädikat erleichtert die Annahme, ist aber nicht zwingend. Starten lässt sich die Promotion nach dem Ersten Examen, wenn Motivation und Uni-Wissen noch frisch sind. Gerade dann bietet sie sich als Überbrückung langer Wartezeiten an. Allerdings sollte man realistisch planen: Die Promotionsdauer deckt sich so gut wie nie mit der tatsächlichen Wartezeit. Oft dauert eine Dissertation deutlich länger als die Monate bis zur Einstellung ins Referendariat. Wer direkt beginnt, sollte daher einkalkulieren, dass Forschungsprojekt und Referendariat sich zeitlich überschneiden können.
| Ideal für: Juristinnen und Juristen mit wissenschaftlicher Neigung, Interesse an Lehre oder Spezialisierung. + Hohes Renommee, höheres Einstiegsgehalt möglich – Zeitaufwand: Minimum zwei Jahre |
Dafür ist eine Promotion sowohl in Großkanzleien als auch bei mittelständischen Einheiten gern gesehen. Sie stärkt das juristische Profil und ist besonders wertvoll für alle, die später einen Expertenstatus in einem Fachbereich anstreben. „Uns zeigt es noch einmal besonders, dass man sich sehr vertieft und über längere Zeit mit einem Thema intensiv auseinandergesetzt hat“, sagt Sofia Jung von Freshfields. Und ebenso wie der LL.M. bedeutet auch eine Promotion beim Berufseinstieg oft mehr Gehalt. Finanzieren lässt sich die Dissertation über Teilzeitstellen als Wissenschaftliche Mitarbeitende, Kanzleijobs, Stipendien oder Kredite.
Für alle, die Praxiserfahrung sammeln möchten: Wissenschaftliche Mitarbeit
Praxis, Mandatsnähe, juristische Schreibpraxis: Wer das auch schon vor dem Start ins Referendariat üben möchte, sollte sich eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Kanzlei suchen. Das bringt nicht nur Praxis, sondern kann den späteren Berufseinstieg auch deutlich erleichtern. Rund 9 Prozent der Associates kennen die Kanzlei, in der sie in den Anwaltsberuf starten, laut aktueller azur-Umfrage schon als ehemalige WiMis, gut die Hälfte von ihnen war zugleich oder später auch Referendar.

Theresa Rohr ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Kanzlei Kapellmann und Partner im privaten Baurecht. Die 26-Jährige hat in Bonn studiert und sich im Winter 2025 an den OLG-Bezirken Köln und Düsseldorf beworben – vor November 2026 wird sie voraussichtlich keinen Platz erhalten. „Mir war wichtig, dass ich nach der langen Lernphase praktisch arbeiten kann“, sagt Rohr. Während einige ihrer Kommilitoninnen erst einmal das Weite suchten, sagt sie: „Ich hatte kein großes Bedürfnis nach dem Examen Abstand zu Jura zu gewinnen.“ Und natürlich biete die Tätigkeit auch den Vorteil, dass man Geld verdienen könne. Rohr arbeitet an drei Tagen die Woche bei Kapellmann in Düsseldorf – ihre erste Tätigkeit in einer Kanzlei, denn während des Studiums hat Rohr Praktika in Behörden und der Staatsanwaltschaft gemacht.
| Ideal für: Juristinnen und Juristen mit Interesse an praxisorientiertem Arbeiten. + Erste Praxiserfahrung, Bezahlung – Kanzlei hat keinen offiziellen Ausbildungsauftrag, Learning by Doing Infos: Was man als WiMi nach dem Examen verdient, kannst du hier nachlesen: azur-online.de/gehalt |
Bei ihrem Besuch auf Karrieremessen knüpfte sie den ersten Kontakt zu Kapellmann, und das Baurecht als Rechtsgebiet interessierte sie. Rohr beschreibt die Tätigkeit als idealen Mix aus fachlicher Tiefe und Einblick in die Arbeitsweisen einer Kanzlei: „Anfangs habe ich vor allem viel recherchiert, mittlerweile arbeite ich auch an juristischen Lösungen für rechtliche Probleme mit und darf Schriftsätze vorbereiten.“ Rohr hat dabei eine Associate als ,Buddy‘, die Partnerin ist ihr Mentor. Einige ihrer Kollegen erhalten die Wissenschaftliche Mitarbeit auch tageweise während des Referendariats aufrecht. „Ob ich mich auch dazu entscheide, wird sich noch zeigen“, meint Rohr.
Für Kanzleien sind Wissenschaftliche Mitarbeiter unverzichtbar, weil ein hohes Mandatsaufkommen ohne ihre Recherche und Zuarbeit kaum zu bewältigen wäre. Viele Kanzleien erwarten ein erkennbares Interesse für das jeweilige Rechtsgebiet, weil die wissenschaftliche Mitarbeit oft in fachlich klar zugeordneten Teams stattfindet. Doch auch unabhängig vom Rechtsgebiet können thematische Schwerpunkte hilfreich sein, auch außerhalb von Kanzleien. Ein Tipp von HR-Expertin Sofia Jung: „Wissenschaftliche Mitarbeiter werden auch in den zahlreichen Legal-Tech-Unternehmen gesucht. Sich mit dem Thema KI auseinanderzusetzen, ist immer von Vorteil.“
Für alle, die mit ihrer Note unzufrieden sind: Der Verbesserungsversuch
Wer noch Energie zum Lernen hat, kann die Wartezeit nutzen, um die Examensnote zu verbessern – gerade weil der Stoff noch frisch ist und man strukturiert nacharbeiten kann. Ein Verbesserungsversuch kann sich auszahlen, wenn die ursprüngliche Note knapp unter wichtigen Schwellenwerten liegt oder wenn bestimmte Karrierewege eine höhere Punktzahl verlangen. Gute Noten spielen auch bei der Bewerbung auf die Anwaltsstation in Kanzleien weiterhin eine große Rolle: In vielen Kanzleien gilt das Examen nach wie vor als wichtigstes Auswahlkriterium, und wer ehrgeizig ist, kann mit einem verbesserten Ergebnis tatsächlich Türen öffnen. „Die formalen Voraussetzungen, um ein Referendariat zu beginnen, haben sich jedenfalls nicht gelockert“, sagt Sofia Jung von Freshfields.
| Ideal für: Alle, die ambitionierte Karrierewege verfolgen und deren Note für die teils hohen Anforderungen der Kanzleien nicht reicht. + Verbesserung der Karrierechancen, kein Risiko (das bessere Examensergebnis zählt) – Psychische Belastung, Zeitaufwand |
Ein Verbesserungsversuch ist jedoch an verschiedene Bedingungen geknüpft: In vielen Bundesländern ist er nur möglich, wenn der Freischuss genutzt wurde, und der Antrag muss innerhalb eines relativ engen Zeitfensters gestellt werden. Zudem wird die gesamte Staatsprüfung erneut abgelegt. Einzelleistungen lassen sich nicht übertragen. Ein Vorteil besteht darin, dass das ursprüngliche Ergebnis bestehen bleibt, falls der zweite Anlauf schlechter ausfällt. Für manche erhöht gerade das die Motivation, es noch einmal zu versuchen: Die Abläufe sind bekannt, die Prüfungssituation weniger fremd, und viele gehen entspannter in den zweiten Durchgang.
Gleichzeitig sollte man den Aufwand nicht unterschätzen. Wer den Verbesserungsversuch anstrebt, muss sich erneut auf Monate intensiven Lernens einstellen, und das zu einer Zeit, in der man möglicherweise gedanklich schon im Referendariat ist. Deshalb lohnt es sich, ehrlich abzuwägen, ob die eigene Belastbarkeit und der potenzielle Nutzen in einem sinnvollen Verhältnis stehen.
Ob Auslandserfahrung, Promotion oder Praxiserfahrung: Wege zur Überbrückung der Wartezeit gibt es einige. Die Zeit ist eine Chance, sich beruflich auszurichten und erste Weichen zu stellen. Die Erfahrungen von Inga Weiberg, Tessa Rohr und die Einschätzungen von Sofia Jung zeigen: Es gibt keinen einzig richtigen Weg. Entscheidend ist, dass der gewählte Weg zum eigenen Profil und zu den eigenen Zielen passt.