Marken statt Medien

Sie hatte sich schon eine Karriere im Medienrecht ausgemalt, doch dann kam alles anders: Karin Sandberg entdeckte ihre Leidenschaft für das Markenrecht. Denn was im IP gefragt ist, entspricht genau ihren Vorlieben: Kreativität, Internationalität und Genauigkeit.

Wenn Dr. Karin Sandberg im Supermarkt einkauft, geht sie mit einem anderen Blick durch die Gänge als die meisten Menschen, denn viele der Marken kennt sie nicht nur als Konsumentin. „Etliche Verpackungen oder Marken habe ich anwaltlich begleitet“, erzählt Sandberg. Die 57-Jährige ist Partnerin in der Hamburger Kanzlei Harmsen Utescher und dort seit mehr als 20 Jahren im Marken- und Wettbewerbsrecht tätig. Sie hat in dieser Zeit unter anderem erreicht, dass Mandantin Bell ihr Produkt als ,Schwarzwälder Schinken‘ bezeichnen darf, obwohl es nicht aus dem Schwarzwald stammt. Daneben zählen die Brauereigruppe Anheuser InBev, Japan Tobacco und neuerdings Nike zu ihren Mandantinnen. Meistens verteidigt sie in ihren Mandaten eines der wertvollsten Dinge, die ein Unternehmen besitzt: die eigene Marke. Sandberg findet: „Das Markenrecht hat einen konkreten Alltagsbezug und ist durch die verschiedenen Branchen, mit denen wir es zu tun haben, richtig abwechslungsreich.“

So leidenschaftlich Sandberg heute klingt, wenn sie über ihr Fachgebiet spricht: Ihr ursprünglicher beruflicher Plan war ein ganz anderer. Sandberg kommt aus einer Medienfamilie. Ihr Vater war Leiter der Druckerei beim Axel Springer Verlag, ihre Schwester ist Auslandskorrespondentin beim Spiegel, Sandberg selbst wollte sich eigentlich auf Medienrecht spezialisieren. Anfang der 1990er-Jahre ging sie nach ihrem Studium in Hamburg an die Universität Rostock und promovierte dort im Filmförderungsrecht. „Für das Referendariat ging ich dann zurück nach Hamburg und habe mir bewusst Stationen mit medienrechtlichem Schwerpunkt ausgesucht, für mich war der Weg vermeintlich klar“, erinnert sie sich. Zufall oder Schicksal: Alle drei Ausbilder, an die die Referendarin geriet, befassten sich neben dem Medien- auch mit dem Markenrecht. Sandberg begeisterte sich mehr und mehr, das Rechtsgebiet war genau ihr Fall. Das Abwechslungsreiche, das Internationale und die Gründlichkeit, die man als Anwältin in diesem Bereich braucht, sprachen sie sofort an. 1998 schickte sie eine Bewerbung an Harmsen Utescher, schon damals eine der traditionsreichsten Hamburger IP-Boutiquen. „Ich hatte, als ich dort anfing, schon eineinhalb Jahre markenrechtliche Erfahrungen gesammelt“, erzählt Sandberg, „und konnte deshalb direkt einsteigen.“ Genau das richtige für die lebhafte und vielseitig interessierte Anwältin, die von sich selbst sagt: „Ich lade meine Akkus durch Kontakte und gute Gespräche auf, ich bin das, was man eine ,people person‘ nennt.“

Einfach mal „Hallo“ sagen

Diese Charaktereigenschaft kam Sandberg auch zugute, als der damalige Kanzlei-Seniorpartner sie bereits nach knapp zwei Jahren auf eine große internationale Tagung mitnahm: Sandbergs erste INTA, der jährliche Kongress der ,International Trademark Association‘, bei der sich das weltweite Who-is-Who der IP-Anwaltsszene trifft. „Damals bin ich mit einem britischen Kollegen, den ich gut kannte und der in etwa so alt ist wie ich, über die INTA gegangen, und wir haben uns einfach überall gegenseitig vorgestellt“, sagt Sandberg. Das ist das Geschäftsmodell dieser Konferenz: Wer dort die richtigen Kontakte knüpft, wird bei der nächsten Gelegenheit vielleicht von einem der Kollegen ins Mandat geholt oder im Konfliktfall empfohlen.

Die INTA begleitet Sandberg seitdem nicht nur als Besucherin: Von 2014 bis 2016 gehörte sie als zweite deutsche Frau überhaupt dem Board of Directors an und ist aktuell Mitglied des INTA Design Committee. Außerdem ist sie bei der Deutschen Vereinigung für gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht (GRUR) Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses und des Gesamtvorstands sowie Chair des GRUR-EUIPO Link Committee. Das Netzwerken, das so wichtig ist in ihrem Beruf, geht Sandberg leicht von der Hand. „Wer eine Scheu davor hat, sollte früh alles dransetzen, diese abzubauen“, ist Sandbergs Rat an künftige Anwältinnen und Anwälte. Auch dass sie sich auf großen Konferenzen oder in vielen Mandaten auf Englisch verständigt, ist kein Thema. Sandberg hat vor dem Studium eineinhalb Jahre in New York gelebt, während des Studiums verbrachte sie eine längere Zeit in Italien. „Das Markenrecht hat viel mit Sprache zu tun“, sagt Sandberg, „und über 60 Prozent meiner Arbeit ist auf Englisch.“ IP-Beratung ist durch und durch international. So hat auch das EUIPO seinen Sitz in Alicante. Als Amt der Europäischen Union, das für die Eintragung der Unionsmarken und Gemeinschaftsgeschmacksmuster zuständig ist, ist es eine der wichtigsten Anlaufstellen für IP-Anwälte.

Bei Harmsen Utescher ist Sandberg seit ihrem Berufseinstieg geblieben. Für sie ist die Arbeit in einer spezialisierten Boutique genau das Richtige: „Hier konnte ich meinen Werdegang viel besser beeinflussen“, erzählt sie. „Der unmittelbare Kontakt zu Mandanten und die Möglichkeit, von Anfang an viel mehr Einfluss zu nehmen, gefallen mir.“ Sandberg mochte die unternehmerische Freiheit, 2003 wurde sie Partnerin und blieb lange Zeit die einzige Frau in diesem Kreis. Vor zehn Jahren kam eine weitere Kollegin hinzu. Dennoch empfindet Sandberg die gläserne Decke für Frauen im IP etwas weniger stark. Sie engagiert sich in diversen Frauennetzwerken, sowohl in Hamburg als auch international. „Wir sind sehr darauf bedacht, dass wir uns gegenseitig fördern“, sagt Sandberg.

Morgens um sechs geht’s aufs Wasser

Wenn die Hamburgerin sich nicht mit Marken- und Wettbewerbsrecht beschäftigt, trifft man sie in der Elbphilharmonie – und vor allem auf dem Wasser: Vor fünf Jahren hat Sandberg Rudern als Hobby für sich entdeckt, trainiert mehrmals die Woche, absolviert auch Wettkämpfe und ist im Urlaub mit dem Boot unterwegs. „Freitags rudere ich regelmäßig schon vor der Arbeit, morgens um sechs – im Sommer wie im Winter“, erzählt sie. Stress ließe sich dadurch am besten abbauen. Sie mag die Herausforderung von Wettkämpfen und das gleichzeitige Naturerlebnis. Das frühmorgendliche Rudern lasse sich außerdem sehr gut mit ihrem Beruf vereinbaren. Denn auch Sandbergs Zeit für private Unternehmungen ist knapp. Ihre Strategie, um nicht in Stress zu geraten: Zwei Abende die Woche hält sie sich als Puffer frei, um gegebenenfalls arbeiten zu können, wenn es erforderlich ist. „Es gibt zwar in der Regel kein Problem, sich zu verabreden“, sagt Sandberg, „aber natürlich gibt es auch immer wieder einmal Arbeitsspitzen.“ Das ficht Sandberg nicht an, weil sie liebt, was sie tut und sich voll mit dem Mandat identifiziert: „Man muss sich einfach immer wieder vorstellen, wie es wäre, wenn es ums eigene Unternehmen oder das der besten Freundin ginge.“ Das sei auch ihr Rat an ihre jungen Kolleginnen und Kollegen. Das Feedback, das sie von vielen Mandanten erhalte, verschafft Sandberg berufliche Glücksmomente. „Frau Sandberg“, sagen viele, „Sie gehen in unseren Fällen richtig auf!“


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