Die große Angst bleibt aus
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeit in Kanzleien rasant. Eine Auswertung der azur-Associate-Umfrage 2026 zeigt, wie Associates die Folgen für sich selbst bewerten.
Die Ergebnisse zeigen, dass immerhin jeder fünfte Associate den eigenen Job für gefährdet hält. Gemessen daran, wie intensiv gerade junge Anwältinnen und Anwälte mit der Technologie arbeiten, ist das wenig. Verbreiteter als die Sorge um die eigene Stelle sind Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen.
Fast 80 Prozent der befragten Associates widersprechen der Aussage, KI bedrohe ihren Job. Rund 20 Prozent stimmen ihr zu. Dieses Fünftel ist keine zu vernachlässigende Größe. Dahinter stehen junge Juristinnen und Juristen, die trotz Prädikatsexamina und Promotion damit rechnen, dass ihre Qualifikation an Wert verliert. Bemerkenswerter ist allerdings, wie klein die Gruppe ausfällt. Denn Associates arbeiten nahezu flächendeckend mit KI, und ihre typischen Einstiegstätigkeiten wie Dokumentenrecherchen und Vertragsanalysen gelten in weiten Teilen als automatisierbar. Wer in den ersten Berufsjahren steht, erledigt somit viel Arbeit, die Maschinen zunehmend übernehmen. Vor diesem Hintergrund fällt die Antwort der Associates auffällig gelassen aus.
Die Zweifel gelten dem Nutzen, nicht dem Risiko
Auch beim Geschäftsmodell überwiegt der Optimismus: Knapp 70 Prozent erwarten, dass KI das Geschäftsmodell ihrer Kanzlei verbessert. Knapp 80 Prozent halten es für unzutreffend, dass die Technologie der Kanzlei schadet, gut 20 Prozent sehen das anders.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Minderheiten. Die größte Zurückhaltung zeigt sich nicht bei der Frage nach den Risiken, sondern nach dem Nutzen. Rund 30 Prozent bezweifeln, dass KI das Geschäftsmodell ihrer Kanzlei verbessert. Damit liegt dieser Wert rund zehn Prozentpunkte über den beiden anderen: über den gut 20 Prozent, die einen negativen Effekt erwarten, und über den gut 20 Prozent, die ihren Arbeitsplatz gefährdet sehen. Die häufigste Form der Skepsis richtet sich also nicht gegen die Technologie selbst, sondern gegen die Erwartung, sie werde das Geschäftsmodell der Kanzleien spürbar voranbringen.
Das Stimmungsbild ist vielschichtiger, als die Mehrheitsverhältnisse zunächst nahelegen. Man kann es als Urteil derjenigen lesen, die täglich mit der Technologie arbeiten. Wer im Mandat erlebt, was KI leisten kann und wo sie an Grenzen stößt, weiß auch, dass am Ende jemand entscheiden und haften muss. Die Gelassenheit der Mehrheit dürfte deshalb weniger Sorglosigkeit sein als eine nüchterne Einschätzung aus der Praxis.
Dieselbe Nähe zur Anwendung verleiht aber auch den Zweifeln Gewicht. Fast ein Drittel derjenigen, die KI nutzen, erkennt darin keinen Gewinn für das Geschäftsmodell. Zwischen Anwendung und Ertrag klafft aus ihrer Sicht eine Lücke. Eine mögliche Erklärung liegt in der Abrechnungslogik. Wo nach Stunden abgerechnet wird, führt schnelleres Arbeiten nicht von selbst zu höheren Umsätzen. Der wirtschaftliche Effekt entsteht dann erst an anderer Stelle, und zwar wenn dieselbe Mannschaft mehr Mandate bearbeitet, wenn Arbeit ins Haus geholt wird, für die zuvor die Kapazität fehlte, oder wenn Leistungen zum Festpreis angeboten werden und die Zeitersparnis als Marge in der Kanzlei bleibt. Vergütungs- und Mandatsstrukturen halten mit der veränderten Arbeitsweise also nicht überall Schritt. Das zu ändern liegt aber nicht in der Hand der Associates.
Der juristische Arbeitsmarkt verändert sich bereits. Große Einheiten bauen ihre Associate-Pyramiden nicht mehr im gewohnten Tempo aus, und der Bedarf an Berufseinsteigern wird berechenbarer. Zugleich wandern genau jene Aufgaben an Software ab, an denen junge Juristinnen und Juristen bislang ihr Handwerk gelernt haben. Für Berufseinsteiger wird die Ausbildung zu einem wichtigen Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Im Vorstellungsgespräch lohnt sich die Nachfrage, ob und wie die Kanzlei den Einstieg neu definiert hat.