Kaum Migrationshintergrund in Partnerschaften

Nur wenige Juristinnen und Juristen in Wirtschaftskanzleien haben einen Migrationshintergrund. Die Auswertung der größten Anwaltsstudie Deutschlands belegt dies mit konkreten Zahlen. Denn gemeinsam mit der London School of Economics hat JUVE Antworten von rund 3.000 Anwältinnen und Anwälten ausgewertet.

Rund 20 Prozent der Associates haben mindestens einen ausländischen Elternteil oder sind selbst im Ausland geboren. Doch wie schon beim Frauenanteil zeigt sich auch in diesem Punkt der Studie: Die Partnerschaft ist die am wenigsten diverse Gruppe hinsichtlich des Migrationshintergrunds. Der Anteil schrumpft auf rund 10 Prozent. Für die Studie hat die JUVE Redaktion zusammen mit der London School of Economics (LSE) Anwältinnen und Anwälte aus den 100 umsatzstärksten Kanzleien befragt. Rund 3.000 Anwältinnen und Anwälte haben geantwortet. (siehe Methodik).

Die Ergebnisse decken sich mit der Wahrnehmung vieler Studienteilnehmer, mit denen die Redaktion am Rande der Studie gesprochen hat. Immer wieder geben sie auf die Frage nach dem „typischen Anwalt“ die Antwort: „Migrationshintergrund ist selten anzutreffen, jedenfalls keiner außerhalb der Grenzen Europas.“ Zur Einordnung: Das Statistische Bundesamt hat für die Gesamtbevölkerung ermittelt, dass 26 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben. Ebenso wie die Behörde, weist auch unsere Studie nicht aus, aus welchen Ländern die Befragten oder deren Eltern eingewandert sind.

Polierte Quote für das Mandat?

Mandanten fragen vor einer Mandatierung immer häufiger ab, wie divers ein Anwaltsteam ist. Denn auch Forschungsergebnisse legen in geradezu überwältigender Deutlichkeit nahe, dass diverse Teams bessere Arbeitsergebnisse erbringen. Anwälte, die selbst Migranten sind, berichten JUVE gegenüber hingegen von zwiespältigen Eindrücken des deutschen Rechtsmarkts: „Ein Partner setzte meinen Namen mal auf die Liste für einen Pitch, für ein diverseres Team“, erzählt eine Anwältin im Gespräch mit JUVE. „Nachdem wir das Mandat bekommen hatten, war ich plötzlich nicht mehr Teil des Teams. Es gab Zweifel, ob ich gut genug deutsch spreche“, erzählt sie in akzentfreiem Deutsch.

Ein anderer berichtet, seine Bewerbungen hätten eine ganze Weile wenig Erfolg gehabt. „Erst als meine gute Examensnote feststand, wurde es besser.“ Andere machen den geringen Anteil an Anwälten mit Migrationshintergrund auch daran fest, dass für derlei Bewerber die Vorbilder in den Kanzleien fehlten und es sich einige schlichtweg nicht zutrauten. Nicht selten gibt es noch ein gute gemeintes, aber schlecht gemachtes Kompliment gratis dazu: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“

Ist der deutsche Rechtsmarkt besonders konservativ?

Olga Balandina-Luke kam nach dem Abitur in Russland nach Deutschland. Heute ist sie Partnerin bei der auf Venture Capital spezialisierten Berliner Kanzlei Vogel Heerma Waitz.

„Als ich als Referendarin in Großbritannien war, war es jedenfalls viel alltäglicher, dass es Anwälte mit Migrationshintergrund gab. Man muss sich hierzulande schon ein dickes Fell zulegen. Ich hatte viele Jahre den Eindruck, dass, wenn man den Mund aufmacht und ein osteuropäischer Akzent daraus sprudelt, man zunächst in eine Schublade gesteckt wird, egal, ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Oft geschieht es unbewusst. Doch das Schöne ist: Die Gesellschaft ist in Bewegung. Ich erlebe in Berlin, dass es hier mittlerweile deutlich diverser zugeht – schon wegen der vielen internationalen Start-ups, die sich in der Stadt ansiedeln. Kanzleien werden sich für mehr Diversität öffnen müssen: Allein schon, um ihre derzeitigen Nachwuchsprobleme lösen zu können.“

Warum sehen Partnerschaften oft so gleich aus?

Dr. Murad Daghles wuchs im Münsterland auf. Er ist M&A-Partner bei White & Case. Daghles hat arabische Wurzeln und spricht fließend arabisch. Für seine Mandanten im arabischsprachigen Ausland bleibt er allerdings ‚The German‘.

„Meine persönliche Erfahrung ist, dass viele meiner Kommilitonen, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben, sich bestimmte Karriereschritte unberechtigterweise nicht zugetraut haben. Ich habe mich nicht abhalten oder bremsen lassen. Ich bin in einem sehr deutschen Umfeld aufgewachsen, sodass ich schon früh gelernt habe, mit Vorurteilen und Herausforderungen umzugehen. Für andere ist es womöglich nicht so einfach. In der Partnerschaft von Kanzleien in Deutschland jedenfalls sitzen immer noch überwiegend ‚weiße Männer‘ und unterbewusst werden zunächst diejenigen gefördert, die dem Förderer besonders ähnlich sind. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen.“

Fühlen Sie sich als Vorbild?

Dr. Mesut Korkmaz ist Principal Associate bei Freshfields Bruckhaus Deringer und spezialisiert auf Gesellschaftsrecht und M&A. Er kam mit neun Jahren nach Deutschland.

„Es gibt immer wieder Bewerber, die sagen: ‚Ich habe Dich auf der Webseite gesehen, das hat mir Mut gemacht‘. Wenn ich bei Freshfields Principal Associate geworden bin, dann kann das schon ein Vorbild für andere sein und dabei helfen, Barrieren abzubauen. Meiner Meinung nach wären zudem anonymisierte Bewerbungen wie in den USA eine Option, den ‚unconscious bias‘, den einige möglichweise haben, zu umgehen. Das dürfte zugleich Bewerber stärker motivieren, ihre Bewerbung überhaupt abzusenden, da durch die anony­misierte Bewerbung die Qualifikationen im Vordergrund stehen.“

Ist die Kanzleiwelt bereit für mehr Diversität?

Dr. Mina Aryobsei arbeitet als Senior Manager in der Rechts­abteilung von PricewaterhouseCoopers. In ihrem zehnten Lebensjahr flüchtete Aryobsei mit ihrer Familie aus Kabul.

„Ja, das denke ich schon. In den letzten Jahren hat sich hier sehr viel Positives entwickelt und das Thema ist heute in Kanzleien und Unternehmen präsent. Trotzdem ist ein gutes Examen für Juristen mit diversem Background auch heute noch kein Garant für Erfolg. Wichtig ist es, akzentfrei deutsch zu sprechen und Vorbilder zu haben, die zeigen, wie man sich mit seiner ‚Andersartigkeit‘ als Jurist etablieren kann. Am wichtigsten ist es aber, dass man mit seinem Background selbstbewusst umgeht und ihn als Stärke sieht. Und mittlerweile finden viele Entscheider diverse Teams auch ganz cool.“

Methodik: So entstand die größte Anwaltsstudie Deutschlands

Die folgende Auswertung basiert auf der bislang größten Anwaltsstudie Deutschlands, die JUVE in Zusammenarbeit mit der London School of Economics and Political Science (LSE) gestartet hat. Über 3.000 Personen haben an der Studie teilgenommen. Die Umfrage war zwischen dem 30. November und 31. Dezember 2021 verfügbar und steht unter der Leitung von Asif Butt, PhD Candidate, Department of Sociology, LSE, und Prof. Sam Friedman, Department of Sociology, LSE.

■ Die Umfrage wurde über zwei Wege geteilt: Erstens über personalisierte E-Mails, die an alle Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (RA) gingen, die in den JUVE Top 100 (2020/21) der umsatzstärksten Kanzleien arbeiten, sofern ihre E-Mail-Adressen öffentlich verfügbar waren. Dies entspricht etwa 13.000 Kontakten. Die E-Mail-Adressen dieser Kontakte wurden öffentlich einsehbaren Quellen entnommen, wie den Webseiten der Kanzleien und dem Bundesweiten Amtlichen Anwaltsverzeichnis der Bundesrechts­anwaltskammer. Zweitens wurde ein Umfragelink über die Webseiten des JUVE Verlags und dessen Social-Media-Kanäle (Twitter, LinkedIn) geteilt.

■ Zur Vergleichbarkeit wurden für die Auswertung ausschließlich Antworten einbezogen, die der Kanzleienstichprobe zugeordnet werden können. Antworten von RA, die nicht den Top 100 Kanzleien gehören, wurden für diese Auswertung entfernt, da sie auch aufgrund der geringen Fallzahl und hohen Heterogenität eine geringe Vergleichbarkeit aufweisen.

■ Es verbleibt eine Stichprobe von n = 2.989. Das entspricht einer Antwortrate von rund 23 Prozent.


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