Karrierewege bestimmen Bewerberwünsche
Was ist wirklich entscheidend bei der Wahl des künftigen Arbeitgebers? Die azur-Bewerberumfrage zeigt deutlich: Wer in einem Unternehmen, in der Justiz oder einer Behörde arbeiten will, hat andere Prioritäten als angehende Kanzleianwälte.
Welche Erwartungen angehende Juristinnen und Juristen an ihren ersten Arbeitgeber haben, hängt stark davon ab, welchen Karriereweg sie einschlagen möchten. Das zeigt die azur-Bewerberumfrage 2025: Über 1800 Nachwuchsjuristinnen und -juristen beantworteten die Frage, was bei der Arbeitgeberwahl für sie entscheidend ist, nur eine Nennung war möglich. Die Antworten unterscheiden sich stark, je nachdem, ob die Bewerber vorhaben, in einer Kanzlei, einem Unternehmen oder im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Sie verraten viel darüber, wie der Nachwuchs diese Arbeitswelten sieht.
Kultur vor Vergütung in Kanzleien
Bei der Wahl einer Kanzlei als Arbeitgeber ist das Betriebsklima für die meisten Befragten am wichtigsten: 30,6 Prozent der Befragten nennen den Umgang im Team als entscheidendes Kriterium – der höchste Wert unter allen Arbeitgebertypen. Das ist kein Zufall. In einem Berufsalltag, der häufig von Arbeitswochen mit über 50 Stunden geprägt ist, gewinnen der Ton zwischen Partnern und Associates, die kollegiale Unterstützung sowie die Wertschätzung erbrachter Leistungen maßgeblich an Bedeutung. Dass angehende Associates stärker darauf achten als etwa angehende Syndizi, bedeutet jedoch nicht, dass Kanzleien eine bessere Teamdynamik bieten. Vielmehr drücken die Zahlen aus, dass Associates stärker auf die Stimmung achten als Syndizi, da ihnen bewusst ist, dass der Umgangston in Kanzleien mitunter rauer sein und das Stresslevel höher liegen kann.
Das Gehalt folgt mit 19,7 Prozent auf Platz zwei – und ist damit deutlich wichtiger als in anderen Bewerbergruppen. Die hohe Arbeitsbelastung soll sich auszahlen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt mit 18,7 Prozent dagegen eine kleinere Rolle als in Unternehmen oder der Justiz. Bewerber, die sich für Kanzleien entscheiden, rechnen realistisch mit intensiven Anfangsjahren. Das Renommee des Arbeitgebers ist Kanzleibewerbern hingegen wichtiger als Bewerbern anderer Gruppen, da für sie der Name der Sozietäten im Lebenslauf zählt.
Was Inhouse-Bewerber erwarten
Bewerber, die in die Wirtschaft wollen, setzen andere Prioritäten. Mit 29,9 Prozent steht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an erster Stelle. Das spiegelt eine andere Arbeitsrealität wider: Unternehmensjuristen haben oft geregeltere Arbeitszeiten, klarere Zuständigkeiten und weniger mandatsgetriebene Spitzenbelastungen. Wer Kinder plant oder Hobbys pflegen möchte, findet hier eher Raum dafür und genau das erwarten auch die Bewerber.
Das Betriebsklima folgt mit 25,2 Prozent auf Platz zwei und ist damit zwar wichtig, jedoch weniger dominant als in Kanzleien. Auch das Gehalt spielt bei der Arbeitgeberwahl eine etwas geringere Rolle als in Kanzleien. Dafür sind Aufstiegschancen (17,8 Prozent) und Fortbildungsangebote (6,5 Prozent) wichtiger als für angehende Kanzleianwälte. Die Bewerber wissen: Hierarchische Strukturen und Fortbildungsangebote unterscheiden sich in Rechtsabteilungen erheblich. Wer in der Rechtsabteilung eines Unternehmens startet, sollte daher genau auf diese Aspekte achten.
Sicherheit vor Prestige im öffentlichen Dienst
Wer Gericht, Staatsanwaltschaft oder Behörde als Ziel angibt, hat klare Prioritäten. Fast die Hälfte (48,2 Prozent) nennt die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als entscheidend – ein Wert, der alle anderen Gruppen weit übertrifft. Das Betriebsklima folgt mit 19,4 Prozent, der Abstand ist jedoch deutlich. Bewerber für den öffentlichen Dienst suchen verlässliche Arbeitszeiten, planbare Urlaubstage und langfristige Sicherheit.
Bei der Interpretation der Zahlen ist auch die Geschlechterverteilung aufschlussreich: 70 Prozent der Umfrageteilnehmer, die eine Karriere in der Justiz oder der Verwaltung planen, sind weiblich. Unter denjenigen, die in einer Inhouse-Abteilung arbeiten wollen, sind 60 Prozent Frauen, während das Geschlechterverhältnis unter angehenden Associates ausgeglichen ist. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt für Frauen also weiterhin eine größere Rolle.
Die Auswertung der Umfrage zeigt: Es gibt nicht den einen Bewerberwunsch. Die Wahl des Arbeitgebertyps ist auch eine Entscheidung über den eigenen Lebensentwurf. Wer seine Prioritäten kennt – sei es Teamkultur, Flexibilität oder Sicherheit –, findet den passenden Weg.