Kanzleigründerinnen und IT-Girls

Weibliche Vorbilder im Technologierecht sind selten. Zwei Schulfreundinnen beweisen, dass sie nicht nur auf juristischem Gebiet durchsetzungsfähig sind. Heute führen sie neben ihrer erfolgreichen Tech-Kanzlei noch zwei Unternehmen.

Zwei Freundinnen fahren gemeinsam auf ein Wellnesswochenende. Ein nettes Hotel, abends in die Sauna, einmal abschalten, das Handy beiseitelegen und die Gedanken schweifen lassen. Kathrin Schürmann und Simone Rosenthal nennen ein solches Wochenende „Strategie Wellness“. Am liebsten nehmen sie sich vier Mal im Jahr eine solche Auszeit. So machen sie es heute, als Namenspartnerinnen ihrer Tech-Boutique Schürmann Rosenthal Dreyer, aber so haben sie es auch früher schon gehalten, denn sie hatten eine Vision, die sie mit großem Eifer verfolgt haben.

Alles begann an einem Abend im Jahr 2007, als sich die beiden Schulfreundinnen aus Ostwestfalen in Berlin verabredeten. Bei einem Glas Wein saßen sie zusammen in einem Restaurant am Helmholtzplatz. Sie waren Anfang 30, das zweite Staatsexamen hatten sie noch nicht allzu lang in der Tasche. Ihre ersten Jobs erfüllten nicht ihre Vorstellungen vom Anwaltsberuf, so wie sie ihn ausüben wollten. Und dann kam die Idee der eigenen Kanzlei mit dem Schwerpunkt auf IT- und IP-Recht auf den Tisch. „Kurzerhand sagten wir beide ‚Komm, lass uns das zusammen machen‘“, erinnert sich Schürmann.

Für einen solchen Schritt ist selbst heute, in Zeiten, in denen IT-Recht ein boomendes Beratungsfeld ist und hohe Datenschutzbußgelder auch die Honorare der Anwälte durch die Decke schießen lassen, eine Portion Mut nötig. Umso bemerkenswerter war es, das Vorhaben Mitte der Nullerjahre zu wagen, noch dazu als junge Frauen. Damals sprach man noch von EDV-Recht, in Wirtschaftskanzleien war dieser Bereich kaum vertreten. Selbst Anfang der Zehnerjahre entschlossen sich noch einige Großkanzleien dazu, diese Praxisgruppen zu schließen. Begründung: nicht lukrativ genug.

Traum erfüllt: Kathrin Schürmann (li.) und Simone Rosenthal machten sich mit einer Tech-Boutique selbstständig. Foto: Uwe Tölle

Doch Schürmann und Rosenthal hatten ihre Vision von einer fokussierten Kanzleiboutique, die Wirtschaftsberatung auf hohem Niveau anbietet und gleichzeitig eine familiäre Arbeitsatmosphäre schafft: „Wir hatten das Gefühl, zusammen können wir etwas ‚Großes‘ schaffen. Eine Kanzlei, wie wir sie uns vorstellten“, sagt Schürmann. „Wir wollten es anders und besser machen, anders führen, sowohl in Mandaten als auch innerhalb der Kanzlei anders mit Kollegen um­gehen, als man es kennt.“

Die heute 44-jährige Kathrin Schürmann hatte damals eine Referendarstation beim Konsulat in Kapstadt hinter sich. Allerdings hatte sie auf Dauer keine Lust, häufig umzuziehen, weswegen sie ihren ursprüng­lichen Traum vom Job im Auswärtigen Amt beerdigte. Ihr erster Job nach dem Examen brachte sie zu Gleiss Lutz in Berlin. Dort fand sie recht schnell heraus, dass eine Karriere in einer Großkanzlei für sie nicht der passende Weg war. Den Job schon gekündigt, blieb sie in ihrer Lieblingsstadt Berlin und arbeitete an ihrer Promotion.

Simone Rosenthal, die heute 48 Jahre alt ist, arbeitete damals noch in der Rechtsabteilung von Bertelsmann in Gütersloh. Ihr erster Job nach dem Examen bot ihr bereits vieles: Eine große Konzernrechtsabteilung mit vielfältigen Aufgaben. Damals war sie im Wettbewerbsrecht und in der Prozessführung aktiv. „Trotzdem hatte ich mir meinen Beruf anders vorgestellt, etwas aufregender vielleicht“, erinnert sich ­Rosenthal.

Nach dem Entschluss zur Selbstständigkeit dauerte es nicht lange, bis sie die ersten Büroräume in Berlin bezogen wurden. Ende 2009 nahmen Schürmann und Rosenthal mit Axel Dreyer einen weiteren Partner in die Sozietät auf. Der Markenrechtsspezialist agiert mit seinem Düsseldorfer Team innerhalb der Kanzlei relativ autark. Inzwischen zählt Schürmann ­Rosenthal Dreyer insgesamt 23 Anwältinnen und ­Anwälte und nennt große Namen wie Zalando, die Charité oder das Robert-Koch-Institut ihre Mandanten. Die Promotion von Schürmann liegt übrigens noch heute unvollendet in der Schublade – kein Wunder, gab es doch seitdem laufend andere große Projekte, die ihre Aufmerksamkeit benötigten.

Wie vernetzen sich Frauen?

Was es wirklich bedeutet, eine eigene Kanzlei zu gründen, merkten die beiden schnell. „Eine der größten Herausforderungen war es, aus dem Stand heraus Mandanten aufzubauen“, erinnert sich Schürmann. Viele Kanzleigründer verbringen vorher einige Jahre ihres Berufslebens in einer etablierten Sozietät. Gerade bei Großkanzleien ist es keine Seltenheit, dass Senior Associates kündigen und als Spin-off unter eigener Flagge starten. Dadurch bringen sie erste Mandanten mit oder zumindest Kontakte in ihrem Spezialgebiet.

Diese Sicherheit hatten die beiden nicht. „Wir investierten viel Zeit darein, Netzwerke zu bauen, auf die wir bis heute zählen können“, sagt Schürmann. Vorbilder von Frauen mit Karriere im Technologierecht gab es kaum, und wenn, dann arbeiteten diese in den wenigen Großkanzleien, die sich damals noch in diesem Bereich tummelten. „Inzwischen ist das Frauen­thema kein Problem mehr, auch wenn der Technologiebereich immer noch eine eher männliche Domäne ist, hat sich da über die Jahre viel getan. Am Ende zählt gute Arbeit und Zusammenarbeit mit den Mandanten, und dort wurde verstanden, dass dabei das Geschlecht nicht entscheidend ist“, so Schürmann. Doch das war nicht immer so, wie die beiden gerade in ihren Anfangszeiten feststellen mussten.

„Wir mussten viel Zeit in den Aufbau von Netzwerken investieren.“

Eine zentrale Frage war, wie junge Frauen Mandantenkontakte knüpfen. „Es klingt so selbstverständlich, aber das ist es nicht. Unter Männern ist das einfach anders, die gehen in lockerer Atmosphäre ein Bier trinken“, sagt Rosenthal. In der Aufbauphase hielten die beiden zahlreiche Vorträge, besuchten Fachtagungen und nutzten jede Gelegenheit, um ihre Namen bekannt zu machen. „Wir haben beide großes Glück. Unsere Partner haben uns zuhause immer alle Freiheiten gegeben und uns unterstützt“, so Rosenthal. Familie und Kanzlei gehörten zusammen, so ist es auch fast selbstverständlich, dass die Tochter von Rosenthal von Beginn an mit in der Kanzlei war. „Sie ist quasi Teil des Teams“, sagt auch Schürmann.

Der Wendepunkt

Am bis heute größten Standort in Berlin nahm die junge Kanzlei zu Beginn viele kleinere Mandate an, sie war vor allem für Künstler und Ausstellungen tätig. Eine der ersten größeren Sachen war ein urheberrechtliches Gutachten bei der Sanierung der East Side Gallery, auf der Gegenseite: die wohl bekannteste Urheberrechtskanzlei in der Hauptstadt Raue. „Viele Anfragen für Mandate liefen zu Beginn nicht auf unserem eigens gesetzten Schwerpunkt im IT- und IP-Recht“, sagt Schürmann. Doch sie erinnert sich gut an einen inzwischen großen Mandanten, der damals ebenfalls noch in den Kinderschuhen steckte: Zalando. Die Anwältinnen bearbeiteten für das junge Unternehmen erste Datenschutzthemen im Umfeld von Datawarehouse. „Dabei haben wir zum ersten Mal entdeckt, was im Thema IT- und Datenschutzrecht alles drinstecken kann“, sagt Schürmann. Fasziniert von dessen Potenzial und von der Zukunfts­fähigkeit überzeugt, entschlossen sich die beiden Freundinnen im Jahr 2014, ihre Kanzlei gänzlich auf den Technologiebereich zu fokussieren. Rückblickend empfinden beide dies als Wendepunkt in der Kanzleigeschichte.

Doch auch das war nicht ab Tag eins so. Mit dem Entschluss war zwar klar, wohin die Reise geht, es machte es aber nicht nur einfacher. „Als junge Kanzlei Mandate und damit Umsatz abzulehnen, weil sie nicht in den selbst gesetzten Schwerpunkt fielen, das war wirklich nicht einfach“, sagt Rosenthal. Doch die beiden Frauen verfolgten von dem Zeitpunkt an mit voller Überzeugung ihr Konzept von einer Boutique, die ganz tief in den technologischen Themen von Mandanten arbeiten kann. „Wir wollten nicht der klassische distanzierte Anwalt sein, sondern wirklich die Projekte und Technologien beim Mandanten verstehen und begleiten, um Lösungen zu entwickeln, die unsere Mandanten weiterbringen“, so Rosenthal.

Ein Meilenstein auch in der Wahrnehmung im Markt war dafür die datenschutzrechtliche Beratung der Corona-Warn-App, an der die Kanzlei maßgeblich beteiligt war. Die App entstand unter hohem politischem und gesellschaftlichem Druck. Es musste schnell eine Lösung her, die Teil der Pandemiebekämpfung sein konnte. Gerade Gesundheitsdaten zählen zu den besonders sensiblen Daten, also waren Anwälte gefragt, die einen sicheren Umgang damit gewährleisten konnten. Eigentlich ist ein solches Produkt genau das, was Schürmann Rosenthal Dreyer tagtäglich macht: Sich in ein Projekt einarbeiten, die Technologie verstehen und, in diesem Fall, die Folgen für den Datenschutz zuverlässig bewerten.

Auch das Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering setzte bei der Schul-Cloud auf das datenschutzrechtliche und technologische Know-how der Berliner. Inzwischen ist nicht nur die Kanzlei erfolgreich. Die beiden Juristinnen haben zwei Unternehmen gegründet und zum Erfolgsmodell entwickelt. Mit der Weiterbildungsplattform Law Pilots und der Privacy-Software Caralegal verantworten Kathrin Schürmann und Simone Rosenthal eine kleine Unternehmensgruppe, die insgesamt 120 Mitarbeiter zählt – Tendenz steigend – und einen zweistelligen Millionenumsatz macht. Sie haben in ihrem Duo genau die richtige Mischung auch für diese unternehmerische Verantwortung gefunden: „Wir sind beide Visionäre und besitzen einen großen Ehrgeiz. Mal geht Kathrin Dinge pragmatischer an als ich und manchmal ist es auch genau umgekehrt. Diese Rollen ergänzen sich immer wieder, und es ist für uns der perfekte Ausgleich“, sagt Rosenthal. Mit diesem Wissen gelingt auch das nächste „Strategie Wellness“-Wochenende.


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