Im Insolvenzrecht sind die Arbeitstage am längsten

Wer in einer Wirtschaftskanzlei arbeiten möchte, hat sich von der Illusion des 9-to-5-Jobs sicher verabschiedet. Und doch sind die Arbeitstage von Associates je nach fachlicher Ausrichtung unterschiedlich lang. Spitzenreiter bleibt das Insolvenzrecht. In einem anderen Rechtsgebiet sitzen Associates allerdings pro Woche durchschnittlich gut sechs Stunden kürzer am Schreibtisch.

Während die einen wirtschaftlich untergehen, versinken die anderen in Arbeit: Die anhaltende Krise der deutschen Wirtschaft beschert den Insolvenzrechtlern besonders lange Arbeitstage. Das zeigen die Daten der aktuellen azur-Umfrage, an der sich rund 3.500 Associates beteiligt haben. So beginnt der typische Arbeitstag eines Insolvenzrechtlers laut Angaben der Umfrageteilnehmer um 08:48 Uhr, Feierabend ist um 20:36 Uhr – Pausen eingerechnet. Zum Vergleich: Ein Associate im Vergaberecht beginnt typischerweise um 08:37 Uhr, der Arbeitstag endet um 19:10 Uhr.

War das Jahr 2022 noch von boomenden Private-Equity- und M&A-Geschäften geprägt, verlagert sich die Arbeitsbelastung seit drei Jahren in ein anderes Feld. Aktuell arbeiten Associates im Restrukturierungsbereich laut azur-Umfrage durchschnittlich 54,9 Stunden pro Woche – und damit fast drei Stunden länger als der Durchschnitt: Rund 52 Wochenstunden sind es über alle Praxisgruppen hinweg, wenn man nur die in Vollzeit tätigen Associates betrachtet.

Knapp hinter dem Spitzenreiter Insolvenzrecht folgen Private Equity/Venture Capital und Konfliktlösung. Während Private-Equity-Transaktionen für ihre engen Timelines und hohen Mandantenanforderungen bekannt sind, lassen sich die langen Arbeitszeiten von Associates in der Konfliktlösung auch mit dem „Litigation Boom“ der letzten Jahre erklären: Kriege, geopolitische Krisen und zunehmende Regulierung befeuern seit Längerem das Geschäft der Konfliktlösungspraxen. Große Streitigkeiten und Schiedsverfahren sind inzwischen ähnlich ressourcenintensiv wie komplexe Transaktionen.

Auch Fachbereiche wie Energie- oder Vergaberecht sind seit einigen Jahren extrem gefragt – nicht zuletzt, weil die Energiewende umgesetzt und das Geld aus dem gigantischen Sondervermögen in Infrastrukturprojekte investiert werden muss. Um derlei Großprojekte auf die Straße zu bringen, ist auch der persönliche Einsatz entsprechend qualifizierter Anwältinnen und Anwälte gefragt. Allerdings gelten beide Bereiche trotz der Arbeitsspitzen, die auch hier auftreten können, als vergleichsweise gut mit dem Privatleben vereinbar.

Unterm Strich bleibt die Erkenntnis: Zwischen dem arbeitsintensivsten Rechtsgebiet und jenem mit den kürzesten Arbeitszeiten liegen lediglich 6,3 Stunden pro Woche. Das entspricht etwas mehr als einer Stunde pro Arbeitstag. Wer sich für das Vergaberecht oder das Marken- und Wettbewerbsrecht statt für Private Equity oder Restrukturierung entscheidet, hat zwar eine niedrigere Arbeitsbelastung. Über die grundsätzliche Arbeitsintensität des Anwaltsberufs in Wirtschaftskanzleien entscheidet diese Wahl jedoch nicht. Arbeitszeiten jenseits der 50-Stunden-Marke sind in den meisten Praxisgruppen eher die Regel als die Ausnahme.


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