Energierechtler müssen die Branche verstehen

Wer Unternehmen im Energiesektor beraten will, sollte technisches Verständnis mitbringen. Manchmal ist sogar ein Zusatzstudium ratsam, um Verträge zu verstehen und optimal beraten zu können. Auch, wer sich für ESG interessiert, hat gute Karrierechancen in diesem Rechtsbereich. Umweltbewusste Associates sollten aber nicht erwarten, im Job täglich die Welt verbessern zu können.

Wo neue Gesetze entstehen, ist besonders viel Rechtsberatung nötig. In Zeiten von Energiekrise und Gaspreisbremse haben Anwältinnen und Anwälte im Energierecht daher aktuell besonders viel zu tun. Auch in Behörden und Rechtsabteilungen sind Nachwuchstalente gefragt – besonders wenn sie Expertenwissen mitbringen. Associates erhöhen den eigenen Marktwert, wenn sie sich auf neue Themen fokussieren. Neben den erneuerbaren Energien war zuletzt die E-Mobilität zentral, in nächster Zeit dürfte die Beratung zum Thema Wasserstoff weiter zunehmen.

Neue Themen wie Wasserstoff erfordern von den Rechtsberatenden kreative Lösungen und Pionierarbeit, denn es fehlen oft gefestigte Rechtsmeinungen. Michael Küper (44), Partner bei PricewaterhouseCoopers Legal, sagt seinen Associates häufig: „Leute, Ihr findet Lösungen für die Probleme unserer Man­danten nicht oder nur sehr selten in Kommentaren. Verschwen­det damit nicht eure Zeit. Macht lieber die Augen zu und denkt nach oder fangt an miteinander zu diskutieren.“

Technisches Verständnis erlernen

PricewaterhouseCoopers Legal-Partner Michael Küper kennt sich auch mit der Energietechnik aus: Bei dem ‚Schokobrunnen‘ handelt es sich um einen Isolator aus Keramik, der im Bereich der Mittelspannung eingesetzt wird.

Neben Kreativität und der Bereitschaft zu denken sieht Küper allerdings noch weitere wichtige Voraussetzungen für eine juristische Karriere im Energiesektor. Nach seiner Einschätzung müssen Juristinnen und Juristen nach dem Zweiten Staatsexamen nochmal ganz tief Luft zu holen. Denn einfach durchzustarten, ohne Branchenkenntnis, ist auf dem weiten Feld der Energiewirtschaft fast nicht möglich.

„Zu Beginn meiner Karriere lag ein Gasliefervertrag zur Prüfung auf meinem Schreibtisch“, so Küper. „Vieles in dem Vertrag habe ich beim besten Willen einfach nicht verstanden, woraufhin ich mich bei der RWTH Aachen für den Studiengang Energiewirtschaft angemeldet habe und das Studium auch nach knapp drei harten Jahren erfolgreich abschließen konnte.“ Der Nachwuchs muss nach seiner Überzeugung willens sein, die Technik zu verstehen, die den Sektor prägt: „Wer nicht versteht, wie ein Kraftwerk funktioniert oder was der Unterschied zwischen Mittel- und Hochdruck ist, spricht schlicht und ergreifend nicht die Sprache der Energiewirtschaft und wird es in der Folge auch schwer haben, Verträge rechtlich zu begutachten. Deswegen muss sich bei uns jeder in den ersten Berufsjahren die technischen Grundlagen und wirtschaftlichen Besonderheiten des Sektors aneignen.“

ESG im Energierecht

Aber auch kaufmännisches Verständnis muss dazu kommen sowie vor allem die Erkenntnis, dass die Arbeit im Energiesektor sehr eng mit dem „wahren Leben“ verknüpft ist, betont Küper. Damit meint er, dass die Beratungsinhalte regelmäßig in der Presse auftauchen und sogar in der Familie ein Thema sein können, weil Energiethemen insbesondere in Zeiten des Klimawandels und der Energiewende sehr nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen sind. Environmental, Social, Governance (ESG) lautet das Stichwort, mit anderen Worten: Verantwortung übernehmen. „Die Transformation im Energiesektor ist ein Kerngebiet von ESG“, sagt Küper. „Aber nicht jeder Beratungsmoment ist ein ESG-Moment“, zügelt er die Erwartungen des Beraternachwuchses, der sehr oft bei ihm anheuert, um die Welt positiv zu verändern.


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