Vollgas im Energierecht

Im Energiesektor steht alles Kopf, spätestens seit Ende Februar 2022 und gerade wieder durch die Gaspreisbremse, die viele neue rechtliche Fragen aufwirft. Nicht nur deswegen bietet das Energierecht in Kanzleien, Rechtsabteilungen oder auch Behörden weitreichende Karrieremöglichkeiten. Die akute Krisenbewältigung und die klimafreundliche Transformation sorgen für spannende Herausforderungen.

Turbulent geht es im Energiesektor zu. Wie in der Finanzkrise vor fast 15 Jahren systemrelevante Banken, rettet die Politik heute systemrelevante Energieunternehmen. Für Juristinnen und Juristen in Energieunternehmen, in Kanzleien und auch im Staatsdienst sind das die herausforderndsten, aber auch spannendsten Zeiten ihrer Karrieren. Geradezu wöchentlich entstehen seit Ende Februar 2022 jeweils mehrere hundert Seiten neue Gesetze, Verordnungen und Kommentierungen. „Wir sind es im Energierecht gewohnt, dass Normen sich ändern. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz 2017 zum Beispiel ist geändert worden, bevor es in Kraft getreten war. Aber die Normenflut, die wir gerade erleben, ist selbst für das Energierecht neu“, kommentiert Dr. Angelo Vallone, Partner bei Luther in Düsseldorf, die aktuelle Entwicklung in dem Sektor, in dem er schon seit 16 Jahren tätig ist.

Die Normenflut im Energierecht ist groß: Luther-Partner Angelo Vallone muss sich in Gesetze einarbeiten, die manchmal schon vor Inkrafttreten geändert werden. (Foto: Michael Lübke)

Vallone (46) ist mit Leib und Seele Rechtsberater im Energiesektor. Ein Jahr war er zu Beginn seiner Karriere bei RWE beschäftigt. Das hat ihn aber nicht gepackt: „Inhouse arbeitet man auch juristisch, aber normalerweise auf einer höheren Flughöhe“, betont er. „Man hat nicht die Zeit, sich den Themen so tief anzunähern, wie es von mir als Berater erwartet wird.“ Gerade das juristische Handwerk und die fachliche Arbeit sind aber der Grund, warum er als Berater im Energiesektor hängen geblieben ist.

Der Energiesektor bietet Juristinnen und Juristen abseits der aktuellen Krisendynamik zahlreiche und ganz unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten. Ein Beispiel ist das öffentliche Genehmigungsrecht, das für den Bau der Netze insbesondere für Gas und Strom relevant ist. Aber auch das Verständnis des geltenden, zunehmend durch das EU-Recht geprägten Regulierungssystems stellt eine wichtige Spezialisierung für Anwälte dar: Weil der Netzinfrastrukturbetreiber ein natürlicher Monopolist ist, regelt die Bundesnetzagentur unter anderem, wie hoch er sich die Dienstleistung des Energietransports vergüten lassen darf. Ein Thema, an dem sich immer wieder langwierige gerichtliche Auseinandersetzungen entzünden. Im Zuge der Digitalisierung des Sektors gewinnen zudem Rechtsgebiete wie IT und Datenschutz an Bedeutung für die Unternehmen und damit für deren Berater.

Relevante Rechtsgebiete im Energiesektor:

  • Öffentliches Genehmigungsrecht
  • Regulierung
  • IT
  • Datenschutz
  • M&A
  • Litigation
  • Compliance

Alle wollen in den Energiesektor

Die internationalen Großkanzleien konzentrieren sich vorwiegend auf große M&A-, Litigation- und Compliance-Projekte im Energiesektor. Dazu zählen breit aufge­stellte Einheiten wie etwa Baker McKenzie, CMS Hasche Sigle, Hengeler Mueller, Hogan Lovells, Freshfields Bruckhaus Deringer, Gleiss Lutz, Noerr oder auch White & Case. Einige Top-Sozietäten, die auf M&A-Transaktionen fokussiert sind, müssen zuweilen auf Boutiquen wie Leitfeld, Rosin Büdenbender und auch Posser Spieth Wolfers & Partners zurückgreifen, um die eigenen fehlenden fachlichen Spezialisierungen zu kompensieren. Ebenfalls breit aufgestellt sind Einheiten wie Becker Büttner Held, EY Law, Luther und PricewaterhouseCoopers Legal, die große Projekte im Energiesektor juristisch, aber auch multidisziplinär begleiten.

„Unser Geschäft unterscheidet sich von dem der großen internationalen Transaktionskanzleien, die vor allem projektbezogen, also im Energie-M&A beraten. Das machen wir ebenfalls, aber ich bin stärker im laufenden Tagesgeschäft für meine Mandanten da: Das macht Spaß und ist immer abwechslungsreich“, betont Luther-Partner Vallone. Vallone kümmert sich als Regulierungsspezialist um energieintensive Industrie­unter­nehmen, wie zum Beispiel Aurubis und Ferrero, sowie um die Beratung von Energieerzeugern wie E.on.

Auf Berufsanfänger wartet eine hohe Dynamik: Ursula Steinkemper ist mit CMS Deutschland mitten drin im Transformat­ions- und Sicherungsprozess der Energiebranche. (Foto: Florian Gerlach)

CMS Hasche Sigle ist im Energiesektor deutlich projektbezogener orientiert. Aktuell helfen sie dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sowie der Bundesnetzagentur dabei, die Zukunft der deutschen Öl- und Gasversorgung zu sichern. Dr. Ursula Steinkemper (49), Leiterin der Praxisgruppe Energiewirtschaft & Klimaschutz, ist Öffentlichrechtlerin und als solche vor allem mit komplexen Genehmigungs­lagen befasst. Sie betont den hohen Personalbedarf, den ihre Kanzlei aktuell im Energiesektor und den dazugehörigen Fachbereichen hat. „Wir freuen uns über talentierte Nachwuchskräfte und bieten ihnen die Möglichkeit, sich umfassend einzubringen – in allen Bereichen: Genehmigungsverfahren, klassische Regulierung, konventionelle Erzeugung, aber auch und vor allem im Bereich Erneuerbare Energien, E-Mobilität und weiteren neuen Themenbereichen wie Wasserstoff und LNG.“ Vor allem die Dynamik mit täglich neuen Veränderungen im Sektor bieten dem Nachwuchs beste Bedingungen sich zu entwickeln. Der Gasbereich zum Beispiel habe aktuell bei der energieinten­siven Industrie höchste Konjunktur, sagt Vallone. „Bislang war dort eher der Strombereich relevant. Die Strompreise waren hoch, aber für die Industrie gab es große Entlastungsmöglichkeiten, die auch die Berater beschäftigten. Nun sind die Gaspreise um den Faktor neun gestiegen, und die Unternehmen suchen nach Entlastung, etwa im Kontext von Preisanpassungen in den Verträgen.“ Neben solchen Marktveränderungen entstehen völlig neue Schnittstellen. Ein Beispiel: Die maritime Wirtschaft hatte bislang wenig mit Energie zu tun. „Auf einmal allerdings ist die Schnittstelle rund um LNG-Lieferungen im Energiesektor relevant“, sagt Steinkemper.

Ob eine solche Schnittstellenspezialisierung allerdings ausreicht, um eine Beraterkarriere im Energiesektor zu garantieren, da bleibt sie – wie auch Vallone – skeptisch. Eine neue Schnittstelle sei sicherlich ein Anfang. „Am Ende geht es aber darum, Spezialexpertise zu verzahnen und so Mandate für die Sozietät zu gewinnen.“

Im Energiesektor wurden dem Nachwuchs in der Vergangenheit vor allem mit Spezialisierungen Partnerchancen eröffnet, etwa im Bereich erneuerbare Energi­en und kürzlich wieder rund um die Thematik E-Mobilität und Ladesäulen. Ein nächstes Großthema dürfte dann die Wasserstoff-Infrastruktur sein.

Die neuen Themen zeigen, wie es zugeht im Energiesektor: „Es fehlt oft an Regelungen sowie an gefestigter Rechtsmeinung für aufkommende Probleme“, sagt Steinkemper, „entsprechend muss man auf Basis des Vorhandenen selbst denken und kreativ Lösungen entwickeln.“ Wer sich als Associate dieser Herausforderung stellen und auf Themen wie Wasserstoff spezialisieren will, dem bietet das Energierecht vielfältige Karrierechancen.


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