Der letzte Schliff

Vom komplexen M&A-Deal bis zum Ehevertrag: Sie legen die letzte Hand an. Notarinnen und Notare gibt es in verschiedenen Ausprägungen, ihnen wird hohe Wertschätzung entgegengebracht. Denn sie alle vollbringen ein Kunststück: ein öffentliches Amt auszuüben und sich trotzdem über ihren Service zu definieren.

Die ganze Nacht durcharbeiten. Oder das ganze Wochenende. Anwälte aus dem In- und Ausland sind eingeflogen, warten im Besprechungsraum. Dokumente und Diskussionen in englischer Sprache. Ein sehr geringer zeitlicher Vorlauf, um hunderte Dinge zu regeln und vor allem tausende Seiten zu lesen, Fehler zu finden und zu korrigieren.

So arbeiten Notarinnen und Notare? Ja, wenn es sein muss. Bei M&A-Transaktionen nach internationalen Gepflogenheiten sind die Vertragsregelungen beispielsweise komplex. Finanzierungsrunden, etwa bei Venture-Capital-Beteiligungen, gesellschaftsrechtliche Umwandlungen und Fonds-Strukturierungen finden in der Regel unter enorm hohem Zeitdruck statt. Wird dafür eine Beurkundung fällig, schlägt die Stunde von Notarinnen wie Lilly Fiedler. Die 44-jährige Berlinerin hatte schon etliche Jahre als Kartellrechtlerin bei Freshfields hinter sich gebracht, bevor sie den Weg in Richtung Notariat einschlug.

Beurkundungen unter Zeitdruck: Lilly Fiedler ist bisher die einzige Notarin im Berliner Büro der Kanzlei Ypog. Foto: Ypog

Obligatorische Prüfung für Anwälte

Anders als bei hauptberuflichen Notaren wird von Anwälten seit 2010 eine spezielle Prüfung verlangt, die von vielen Juristen als „drittes Staatsexamen“ bezeichnet wird – nicht ohne Grund. „Die Notarprüfung mit Klausuren und Aktenvortrag erinnert sehr an das Zweite Staatsexamen. Wenn man Beruf und Familie mit der Prüfungsvorbereitung unter einen Hut kriegen muss, ist das durchaus herausfordernd,“ erzählt Fiedler.

Anstatt ihr Notariat bei Freshfields anzusiedeln, entschied sie sich 2021 zu Ypog zu wechseln, einer damals noch jungen Kanzlei. Diese kommt nach wenigen Aufbaujahren schon auf rund 50 Anwälte und hat sich bei den Themen Venture-Capital-Transaktionen oder Fondsstrukturierung an der Marktspitze etabliert. „Ich habe zeitnah nach der Notarprüfung beschlossen, dass ich mich voll und ganz auf das Notariat konzentrieren möchte, um als Notarin die bestmögliche Arbeit und Qualität anbieten zu können“, so Fiedler. „Bei Ypog war der Aufbau eines Notariats schon länger geplant und hier kann ich mich auf höchstem Niveau mit meinen Partnern auch zu komplexen rechtlichen Spezialfragen austauschen.“ Perspektivisch soll das Notariat in der Kanzlei weiter ausgebaut werden.

Drei Jahre lang Notarassessor

Nicht alle Notarinnen und Notare sind gleichzeitig auch in Anwaltskanzleien tätig. Ein gutes Viertel von ihnen sind es hauptberuflich, nachdem sie beide juristischen Staatsexamen und eine dreijährige Notarassessorenzeit absolviert haben. Diese ‚Nur-Notare‘ amtieren ohne Anwaltszulassung und übrigens auch ohne die erwähnte Notarprüfung abgelegt zu haben.

Unter den Notarassessoren sind viele, die erste Berufserfahrung als Associate, Staatsanwalt oder auch als Unternehmensjurist gesammelt haben. Es gibt zahlreiche Beispiele von ehemaligen Großkanzlei-Associates, die ins hauptberufliche Notariat gewechselt sind. Dr. Eva Frankenberger (42), Anfang 2024 von der Rheinischen Post als „Düsseldorfs jüngste Notarin“ vorgestellt, hat an der Bucerius Law School studiert und promoviert. Sie arbeitete von 2012 bis 2016 für Hengeler Mueller in Düsseldorf, bevor sie zur Notarassessorin ernannt wurde. 2023 trat sie die Nachfolge eines Düsseldorfer Notars an und wirkt jetzt im Stadtteil Niederkassel.

Immer weniger Notare

Die Zahl der Notarinnen und Notare geht zurück. Zum Jahresbeginn 2024 zählt die Bundesnotarkammer 6.534 Amtsträger, rund 7 Prozent weniger als vor fünf Jahren. Drei Viertel der Notare sind sogenannte Anwaltsnotare, also gleichzeitig als Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt zugelassen. Dies ist in 12 der 21 regionalen Notarkammern möglich – vor allem in Nordwestdeutschland (aber nicht in Hamburg) plus Hessen und Berlin.

Der Fünfjahresrückgang geht ausschließlich zulasten des Anwaltsnotariats, während die Zahl der hauptberuflichen Notare unverändert blieb. In der größten regionalen Notarkammer, in Westfalen, ist dieser Rückgang greifbar: Um 12,5 Prozent ging die Zahl der Anwaltsnotare seit 2019 zurück, jetzt sind es noch 1.236.

Vielseitig: Der baden-württembergische Notarassessor Milan Bayram repräsentiert die Bundesnotarkammer als Pressesprecher. Foto: Bundesnotarkammer

Auch der aktuelle Pressesprecher der Bundesnotarkammer, Notarassessor Dr. Milan Bayram (33), hat schon Kanzleiluft geschnuppert. „Ich habe zunächst erste Erfahrungen in einer Großkanzlei gesammelt und die dortige Ausprägung und die Spezialisierungen des Anwaltsnotariats im Gesellschaftsrecht kennengelernt. Aber mir schien es interessanter zu sein, als hauptberuflicher Notar fachübergreifend zu arbeiten und für ganz vielseitige Themen der Ansprechpartner zu sein.“ Bayram wird nach Abschluss seiner Assessorenzeit in Baden-Württemberg als Notar tätig sein.

Keine langen Wartezeiten

Der Start in Richtung Nur-Notariat ist auch ohne Umwege direkt nach dem Zweiten Staatsexamen möglich. Der Anwärterdienst für hauptberufliche Notare verläuft ähnlich wie das Referendariat: Nur-Notare absolvieren mehrmonatige Stationen bei Notaren. Maßgeblich für die Aufnahme in den Anwärterdienst sind vor allem gute Examensnoten, aber auch die persönliche Eignung zählt, zum Beispiel soziale Kompetenz, Unparteilichkeit und Redlichkeit. Nach drei Jahren können sich Notarassessoren auf freie Stellen bewerben.

Ewig lange Wartezeiten müssen Bewerber nicht befürchten, denn grundsätzlich nimmt die Kammer nur so viele Bewerber in den Anwärterdienst auf, wie voraussichtlich zum Notar bestellt werden können. Dafür wertet die Kammer die Zahl der Urkunden aus, die in den Jahren zuvor ausgefertigt wurden. „Auch die hauptberuflichen Notare sind wie Rechtsanwälte als Freiberufler und letztendlich als selbstständige Unternehmer tätig“, erläutert Kammer-Pressesprecher Bayram. „Aber gleichzeitig sind sie ein Teil der Justiz und unabhängige Träger eines öffentlichen Amtes. Mit der ihnen zugewiesenen Beurkundungszuständigkeit erfüllen sie den Urkundsgewährungsanspruch für jeden Bürger. Das heißt, man muss sich um die rechtlichen Belange der Bevölkerung kümmern.“

Das gilt für alle 6.500 deutschen Notariate gleichermaßen, wie auch Ypog-Partnerin Lilly Fiedler berichten kann: „Selbstverständlich fallen auch etwas weniger komplexe Beurkundungen im Tagesablauf an. Aus dem Netzwerk werden immer wieder Themen wie Eheverträge, Vorsorgevollmachten oder private Immobilienkäufe an mich herangetragen, und natürlich stehe ich als Notarin für diese Dinge gern zur Verfügung.“

Notare gesucht – und Mitarbeiter erst recht

  • Zum Wintersemester bietet die SRH Hochschule Heidelberg in Kooperation mit der Bundesnotarkammer erstmals den Studiengang ‚Recht im Notariat‘ an. Er richtet sich an Notar- oder Rechtsanwaltsfachangestellte. Die Rolle der Mitarbeiter soll aufgewertet werden – nicht nur, weil sie im Notariatsalltag viele notwendige Arbeitsschritte eigenständig erledigen, sondern auch, weil sie auf dem kleinen Dienstweg den Kontakt etwa zu den Registergerichten pflegen. Aber es gibt zu wenige von ihnen.
  • Zur Personalknappheit passt, dass einige notarielle Dienstleistungen heute online beurkundet werden können. Dazu gehören einstimmige Gesellschafterbeschlüsse wie Satzungsänderungen oder Kapitalmaßnahmen bei einer GmbH sowie Vereinsregisteranmeldungen. Bereits seit 2022 können GmbHs und UGs online vor einer Notarin oder einem Notar gegründet werden. Auch Anmeldungen im Handels-, Partnerschafts- und Genossenschaftsregister sind so möglich.

Service und Spezialisierung

Trotzdem ist es üblich, dass Notarinnen und Notare über die Jahre einen gewissen Grad an Spezialisierung erlangen. Beides muss stimmen, Service und Knowhow. „Zum erfolgreichen Notariat gehört auf jeden Fall eine sehr gute Dienstleistung, also eine kurze Reaktionszeit bei guter Qualität, schnelle Terminvereinbarung und zuverlässige Abwicklung“, so Fiedler. „Außerdem zählt die Erfahrung mit den speziellen Vertragswerken etwa bei M&A-Deals, Umwandlungen oder Finanzierungsrunden. Unter den vielen Beteiligten spricht es sich früher oder später herum, wer auf bestimmte, mitunter komplexe Konstellationen spezialisiert ist.“

Neu im Amt: Christopher Behne, Anwalt und Notar bei Aulinger, lernte die Notaraufgaben als Notarvertreter kennen. Foto: Michael Lübke

Als Notar Geschäft aufzubauen ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Denn anders als ein Anwalt kann ein Notar nicht offensiv an die Mandantenakquise herangehen. Notare unterliegen als Träger eines öffentlichen Amtes sehr restriktiven Bestimmungen. Das betrifft zum Beispiel die Eigenwerbung, worüber die Kammern streng wachen. Aulinger-Partner Christopher Behne (39), Anwalt in Bochum und seit Anfang 2023 auch Notar, hat jahrelang als Notarvertreter in der Kanzlei Erfahrung gesammelt. Viele der Beurkundungen dort gehen auf eine langjährige Mandantenbindung und -zufriedenheit zurück. „Im notariellen Standardgeschäft steht sicherlich der Service an erster Stelle“, meint er. „Dazu gehören Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit, fehlerfreie Arbeit und oft auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit beteiligten Behörden. Bei sehr großen Urkunden geht es darüber hinaus stärker um das Know-how für die jeweiligen Vertragskonstellationen.“

Der Servicegedanke steht an erster Stelle.

Anwälte mit dem Ziel Notariat müssen einige Jahre Berufserfahrung vorweisen. Am Ende entscheiden hier die Note aus der Fachprüfung und die Punktzahl aus dem zweiten Examen darüber, wer Notar wird. Die Besten eines Prüfungsdurchgangs haben die besten Chancen, rasch für das Amt bestellt zu werden. Für die Notariate in Großstädten finden sich meistens genug Bewerber. Doch gerade in den eher ländlichen Regionen der flächenmäßig großen Bundesländer gibt es nicht immer genug Kandidaten, die die hohen Anforderungen erfüllen. Die Bundesnotarkammer hat darauf reagiert und eine Talent-Managerin eingestellt, die Karrierefragen beantwortet, Veranstaltungen organisiert und auch regionale Kammern bei der Interessenten-Ansprache unterstützt.

Wegen des Anspruchs auf überdurchschnittliche Noten fischen Wirtschaftskanzleien und Notarkammern bei der Nachwuchswerbung im selben Teich – wobei das Notariat nicht automatisch das Nachsehen hat. Ein gut laufendes Notarbüro bringt gerade mit wirtschaftlich bedeutenden Beurkundungen viel Geld ein. Und über mangelnden Mandantenkontakt, den Berufsanfänger in Großkanzleien oft kritisieren, können sich Notare keinesfalls beklagen, meint Bayram: „Das Notariat ist sehr vielseitig. Es ist vergleichbar mit einer Arztpraxis – es kommen unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Fragen. An einem einzigen Tag befassen sich Notarinnen und Notare mit Beglaubigungen, Schenkungen, Immobilienkäufen oder Testamenten, und müssen auf alle rechtssuchenden Bürgerinnen und Bürger mit der gleichen Empathie zugehen.“

Know-how für den Mittelstand

Wer die familien- und erbrechtlichen Themen belächelt, übersieht deren Bedeutung vor allem in der Beratung des Mittelstandes. Für eine mittelständische, rund 50 Anwälte zählende Kanzlei wie Aulinger mit Standorten in Bochum und Essen ist auch familienrechtliche Expertise wichtig, um Unternehmer ganzheitlich zu beraten – Stichwort Unternehmensnachfolge, ein Dauerbrenner. Aber in erster Linie wirkt das Gesellschaftsrecht als Treiber. Dr. Julius Busold, seit 2023 Notar und Partner bei Aulinger, erklärt: „Anwaltlich berate ich Unternehmen und deren Gesellschafter fast ausschließlich im Bereich M&A sowie im klassischen Gesellschaftsrecht. So bekommt man tiefe Einblicke in die rechtliche sowie wirtschaftliche Situation der Gesellschaft, aber häufig auch in die persönlichen und familiären Strukturen dahinter. Hierdurch entsteht oftmals ein besonderes Vertrauensverhältnis. Dieses Vertrauen wird mir dann in der Regel auch hinsichtlich meiner notariellen Tätigkeit entgegengebracht.“

Anwalt und Notar: Aulinger-Partner Julius Busold verbringt rund die Hälfte seiner Arbeitszeit mit notariellen Aufgaben. Foto: Michael Lübke

Der 38-Jährige hat sich gezielt für diese Kanzlei mit starkem, traditionsreichem Notariat entschieden. „Dass Aulinger auch wegen der dort tätigen Notare einen sehr guten Ruf hat, war mir bewusst und ganz sicher ein wichtiges Argument für mich, hier einzusteigen. Mittlerweile teile ich meine Zeit zwischen anwaltlicher Arbeit und notarieller Tätigkeit ungefähr zu gleichen Teilen auf.“ Die Kanzlei kann heute zwölf Notare mit einer gemischten Altersstruktur aufbieten – auch, weil es 2023 gelang, mit Busold und Christopher Behne gleich zwei jüngere Anwälte ins Amt zu bringen. Behne, für den das Notariat zum Berufsstart 2016 noch kein großes Thema war, lernte diese Tätigkeit als Notarvertreter kennen. Er findet seine doppelte Rolle sinnvoll: „Ein Nutzen für die Beteiligten liegt in der Kombination der Erfahrungen aus anwaltlicher Beratung und dem Notariat. Bei beiden geht es darum, Interessen herauszuarbeiten und zu berücksichtigen – wenn auch auf unterschiedlichen Wegen.“


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