Müssen Associates im Urlaub erreichbar sein?

Mails und Calls auch im Urlaub, das kennen viele Associates. Viele wünschen sich mehr Rücksichtnahme während des Jahresurlaubs, das zeigt eine Auswertung der Associate-Umfrage. Eine Londoner Kanzlei will ihre jungen Anwälte im Urlaub künftig in Ruhe lassen.

Im wohlverdienten Urlaub von seinem Arbeitgeber in Ruhe gelassen zu werden, hört sich im ersten Augenblick selbstverständlich an. Die Realität in Wirtschaftskanzleien sieht nur leider anders aus. Darauf hat kürzlich etwa das Londoner Büro von Mayer Brown reagiert: Partnern und Partnerinnen der US-Kanzlei ist es nun offiziell untersagt, Mitarbeitende während des Urlaubs zu kontaktieren.

Laut einem Bericht des britischen Branchenblattes ‚The Lawyer‘ gab der Londoner Managing-Partner Dominic Griffiths die Vorgabe aus, diese standortweite Regelung nur im äußersten Notfall zu brechen.

Das Thema Erreichbarkeit im Urlaub spielt auch im deutschen Markt eine erhebliche Rolle, wie zuletzt die Ergebnisse der azur-Associate-Umfrage bestätigten. Darin beklagen sich Associates häufig über eine fehlende Rücksichtnahme auf ihre Freizeit, insbesondere während des Jahresurlaubs. „Genommenen Urlaub und Elternzeit respektieren und nicht ständige Erreichbarkeit im Urlaub fordern“, wünscht sich ein Associate einer Magic-Circle-Kanzlei für die Verbesserung der Work-Life-Balance. Doch das Thema zieht sich durch die gesamte Branche, unabhängig vom Kanzleityp.

Urlaubsvertretung statt Strandoffice

Dabei geht es nicht nur um die ständige Erreichbarkeit, sondern auch darum, dass manchen ihr Urlaub gar nicht erst gewährt wird. „Den Urlaub muss man auch tatsächlich nehmen können“, so ein Associate aus einer US-Kanzlei. „Arbeitszuteilung im Urlaub vermeiden, mehr Homeoffice ermöglichen, kritische Blicke vermeiden, wenn man um 20 Uhr das Büro verlässt“, kritisiert ein anderer, ebenfalls in einer US-Kanzlei tätiger Nachwuchsjurist. Zahlreiche Teilnehmende bemängeln zudem, dass Strukturen für eine Vertretung fehlten. In deutschen Kanzleien sieht es nicht viel besser aus: „Unnötige E-Mails während des Urlaubs, auf Urlaubszeiten wird kaum Rücksicht genommen“, sagt einer der Teilnehmenden. „Erreichbarkeit im Urlaub sollte von Associates nicht erwartet werden.“

Nur langsam steigt hierzulande das Bewusstsein dafür, nicht jederzeit auf Mitarbeitende zugreifen zu können. Bei Mayer Brown in Deutschland herrscht zwar keine vergleichbare strikte Regelung wie in ihrem Londoner Büro. Dennoch zeige die Praxis, dass sich das Verständnis bezüglich der Erreichbarkeit im Urlaub in den vergangenen Jahren gewandelt habe, hieß es aus der Kanzlei. Dafür ist die Organisation von Urlaubsvertretungen und die Übergabe von Verantwortlichkeiten zwingend notwendig. Für Partner und Partnerinnen gelten jedoch nach wie vor andere Maßstäbe. Nach JUVE-Informationen wird ihre Abrufbereitschaft jederzeit erwartet, auch im Urlaub.

Funkstille in den Ferien

Der größte Kanzlei-Arbeitgeber für Berufsträger in Deutschland, CMS Hasche Sigle, beruft sich hierbei auf ihre Nachhaltigkeitscharta. Demnach will die Kanzlei ein „positives, inspirierendes und gesundes Arbeitsumfeld für alle Mitarbeitenden“ schaffen. Daher seien auch hier alle Partner und Partnerinnen zumindest dazu angehalten, berufsbedingte Kontaktaufnahmen zu Mitarbeitenden im Urlaub unbedingt zu vermeiden. Zusätzlich sollen Anrufe oder Mails im absoluten Notfall auf ein Minimum begrenzt werden.

Auch die US-Klägerkanzlei Hausfeld wirbt neuerdings mit ihrer Nicht-Stören-Haltung explizit Bewerbende in Deutschland an. Neben einem erhöhten Einstiegsgehalt von 120.000 Euro im ersten Berufsjahr setzt sie verstärkt auch auf weiche Faktoren. So erhöht die Kanzlei etwa die Anzahl der Urlaubstage von 30 auf künftig 35 im Jahr – verbunden mit dem klar formulierten Versprechen, dass währenddessen absolute Funkstille gilt.


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