„Technikaffinität ist heute Pflicht“
Sie haben beide Jura studiert, das Staatsexamen bestanden – und sich dann bewusst gegen den klassischen Anwaltsweg entschieden.
Pia Bollig (34) und Dr. Benedikt Quarch (33) gehören zu einer neuen Generation von Volljuristen, die an der Schnittstelle von Recht, Technologie und Unternehmertum arbeiten. Im Interview mit azur erklären die beiden Podcast-Hosts, warum Technikaffinität für den Nachwuchs unerlässlich ist, wo das Jurastudium hinterherhinkt – und mit welchen Skills junge Juristinnen und Juristen dem Markt einen Schritt voraus sein können.
azur: Staatsexamen, Kanzlei, Partnerschaft – so sieht für viele Absolventen der klassische Karriereweg aus. Sie beide haben sich allerdings dagegen entschieden – warum?
Pia Bollig: In meinem Fall war es das Referendariat, das mir die Augen geöffnet hat. Damals habe ich gemerkt, dass mich die juristische Materie zwar begeistert, die Arbeitswelt dahinter aber oft nicht. Vieles wirkte unflexibel, technisch rückständig und wenig offen für Veränderungen. Damals kam Legal Tech gerade auf, und ich habe mich gefragt: Wenn andere Branchen längst digital arbeiten, warum geht es in der Rechtsbranche vielerorts noch wie vor 30 Jahren zu? Am Ende hatte ich eine Liste potenzieller Jobs, die ich einen nach dem anderen durchgestrichen habe. Irgendwann war klar: Wenn ich meinen Traumjob will, muss ich ihn mir wahrscheinlich selbst kreieren.
Dr. Benedikt Quarch: Bei mir war es die Verknüpfung dreier Dinge: Jura, Unternehmertum und Technik. In der ganz klassischen Ausrichtung war und ist es mir zu wenig unternehmerisch. Dabei sind auch der Einzelanwalt oder die Partner einer Großkanzlei am Ende Unternehmer – das ist vielen gar nicht bewusst. Trotzdem funktioniert die Verknüpfung für mich auf dem nicht-klassischen Weg am besten.
Wohin hat es Sie dann letztlich verschlagen?

Bollig: Ich bin über Umwege erstmal in der Legal-Tech-Start-up-Szene gelandet und habe Produkte für juristische Zielgruppen mitentwickelt. Irgendwann wollte ich aber wieder generalistischer und juristischer arbeiten. Heute bin ich seit zwei Jahren im Vorstand der DIRO AG, einem internationalen Kanzleinetzwerk, und beschäftige mich dort mit Digitalthemen ebenso wie mit Personal- und Nachwuchsfragen. Außerdem bin ich eine von vier Hosts des Podcasts ‚Lawyers on Fire – The Next Generation‘.
Quarch: Ich bin nach der Promotion durch Zufälle in die juristische Start-up-Welt gekommen. Vor rund 10 Jahren habe ich mit zwei Co-Gründern ‚Geld für Flug‘ gegründet, aus dem sich dann über viele Jahre hinweg das Unternehmen RightNow entwickelt hat, das als erstes in Deutschland den Forderungskauf für Verbraucherforderungen flächendeckend etabliert hat. Inzwischen bin ich – neben verschiedenen weiteren unternehmerischen Projekten – beim German Legal Tech Hub aktiv. Wir organisieren Deutschlands größtes Legal Tech-Event, den German Legal Tech Summit, machen Roadshows durch die ganze Republik und dann ist da natürlich noch der Podcast.
Im Podcast ‚Lawyers on Fire – The Next Generation‘ geht es um die Zukunft der Anwaltschaft im KI-Zeitalter. Hat sich das Bild des idealen Berufseinsteigers verändert?
Bollig: Alle sind sich einig: Absolventinnen und Absolventen müssen mit einem ganz anderen Koffer in den Beruf einsteigen. Technikaffinität ist nicht mehr ‚nice to have‘, sondern obligatorisch. Aber es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, dass die Generation, die jetzt in den Beruf einsteigt, das einfach im Blut hat. Es gibt auch in dieser Generation Leute, die die Technologie scheuen oder schlicht keine Lust darauf haben.
Quarch: Wir stehen außerdem vor einem Riesenproblem. Vom Nachwuchs erwarten wir, dass er mit KI umgehen kann und automatisch ein paar Jahre später Senior Associate ist. Alles dazwischen – diese Phase existiert nicht mehr.

Bereitet das Jurastudium den Nachwuchs denn auf eine Arbeitswelt mit KI vor?
Quarch: Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Der Deutsche Juristentag beschäftigt sich aktuell mit der Zukunft der juristischen Ausbildung – und im entsprechenden Gutachten spielt das Thema KI keine wirkliche Rolle. Da geht es nur um Strukturen, um mehr oder weniger Klausuren. Ganz zu schweigen von der Frage, ob dieses von Bismarck eingeführte Examenssystem überhaupt noch richtig ist – da habe ich große Zweifel.
Bollig: Als ich nach meinem zweiten Staatsexamen als Dozentin wieder an der Uni war, war ich schockiert, dass die Studierenden genauso studieren wie ich vor acht Jahren – Block raus, Stift raus, von Digitalisierung keine Spur.
Wie müsste sich der Studienalltag verändern?
Quarch: Man muss KI viel stärker einbinden, auch in die Prüfungsformen: eine Klausur, die mit KI geschrieben werden muss, bei der man dokumentiert, wie man vorgegangen ist. Man braucht ein Pflichtfach zum Umgang mit KI – praktisch, aber auch: Wie funktioniert die Technologie, wie sind die ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen? Und dafür kann man dann meinetwegen an anderer Stelle etwas streichen.
Bollig: Und wenn wir das anpacken, müssen wir unbedingt die Chancengleichheit mitdenken. Es kann nicht sein, dass die Elite-Unis aufgerüstet werden und es am Ende am Geldbeutel der Eltern liegt, wer Zugang zu neuen Technologien bekommt.
Quarch: Das sehe ich genauso. Schon vor KI war Chancengleichheit nicht wirklich gegeben, jetzt verschärft es sich: Manche Studierende haben über die Kanzleien ihrer Eltern Zugang zu den Legoras, Harveys und Libras dieser Welt – andere nur zum 20-Euro-ChatGPT-Account oder zur Gratisversion. In der Klausur habe ich am Ende keinen Zugriff, aber in allen anderen Aspekten des Studiums schafft das massive Ungleichheit.
Manche winken ab: KI sei doch auch nur ein Werkzeug wie ein Taschenrechner oder Textverarbeitungsprogramm – ist das zu kurz gedacht?
Quarch: Das ist definitiv zu kurz gedacht. Die technologische Entwicklung wird dazu führen, dass KI nicht bloß ein Werkzeug ist, sondern Grundbestandteil jedes rechtsstaatlichen Prozesses und jedes rechtsstaatlichen Denkens. Und das bedeutet, dass man auch gut damit umgehen können muss. Ich will die KI überhaupt nicht vermenschlichen – aber diese viel engere Verzahnung von Jura und Technologie ist eben etwas anderes als eine neue Software.
Bollig: An dieser Stelle möchte ich allerdings eine Lanze für die Juristinnen und Juristen brechen. Zu meinen Studienzeiten hieß es: Ein guter Jurist muss nicht alles wissen, aber er muss wissen, wo es steht. Genau darauf ist das Jurastudium ausgelegt: mit Informationen umzugehen, sie abzuwägen, die richtige Quelle zu finden. Da liegt großes Potenzial, KI als neues Medium zu begreifen. Das dürfen wir den Juristen der Zukunft durchaus zutrauen.
Welche Fähigkeiten sollten Studierende heute unbedingt entwickeln – welche Soft Skills werden gerade aufgrund von KI noch wichtiger als bisher?
Bollig: Erstens, ganz unspektakulär: die klassische Subsumtion, der Umgang mit Fremdem und Unbekanntem – das ändert auch KI nicht. Zweitens: Neugier. Früher mussten Studierende lernen, mit Beck-Online oder Juris umzugehen, oder etwas in der Bibliothek zu finden. Ob digital oder analog, die Herausforderung bleibt dieselbe: zu wissen, wonach man sucht, und sich herzuleiten, wo man die gesuchte Information wohl findet. Und drittens: Empathie. Wir reden zwar darüber, dass KI immer empathischer wird. Aber wir dürfen nie unterschätzen, wie wichtig ein Face-to-Face-Gespräch ist, sich tatsächlich gemeinsam in einem Raum gegenüberzusitzen.
Quarch: Meine zwei Lieblingseigenschaften sind Mut und Demut – das mag altmodisch klingen, ist aber auch für Juristen sehr wichtig. Leute müssen mutiger sein, Neues ausprobieren, nicht an Vorstellungen festhängen, die es seit 150 Jahren gibt. Auch als Associate, der erst einen Tag da ist, sollte man den Mut haben, langgediente Prozesse zu hinterfragen und Innovation voranzutreiben. Und Demut meine ich im interdisziplinären Sinne. Juristen halten sich manchmal für sehr große Experten. Die meisten Probleme lassen sich aber nicht nur juristisch lösen, sondern auch empathisch, ökonomisch und künftig immer auch technologisch. Dafür brauche ich andere Experten – und die KI als weiteres Teammitglied. Wenn man das alles hat, ist man sehr gut aufgestellt. Aber auch ein kleiner Teil davon bringt einen schon weit.
Wenn Sie heute nochmal vor dem Berufseinstieg stünden, womit würden Sie die nächsten zwölf Monate verbringen, um dem Markt einen Schritt voraus zu sein?
Quarch: Ich würde mir ein Pro-Abo eines KI-Anbieters holen und mich den ganzen Tag da hineinvertiefen. Verstehen, wie ich selbst Sachen bauen kann, wie die Technologie funktioniert, was ich damit erreichen kann und was nicht. Vielleicht auch mal eigene Sachen bauen, etwa eine Datenbank mit Website, um wirklich zu verstehen, wo die Kraft und wo die Grenzen der Technologie liegen.
Bollig: Und für alle, die diese Worte abschrecken: Überlegt, was es rundherum noch gibt. Stichwort Legal Design – wie bereite ich ein juristisches Dokument so auf, dass es auch Laien verstehen? Damit verbessern wir Rechtsberatung ganz konkret. Die absoluten Top-Skills hat, wer KI wirklich beherrscht. Aber drumherum gibt es Bonusfelder: zum Beispiel Legal Design, die Verknüpfung mit Psychologie. Man kann seine Nische auch abseits des rein Technischen finden.
Woran erkennen Berufseinsteiger im Bewerbungsgespräch, ob eine Kanzlei oder Rechtsabteilung wirklich zukunftsfähig aufgestellt ist?
Bollig: Das sollte einem überhaupt erstmal wichtig sein. Ich habe bereits einige Bewerbungsgespräche geführt und bin immer wieder erstaunt, wie wenig ich als Arbeitgeberin zum Unternehmen gefragt werde. Daher mein Rat an alle Bewerberinnen und Bewerber: Bringt eigene Fragen mit. Erkundigt euch, wie ein Arbeitgeber digital aufgestellt ist. Wie laufen die Prozesse? Gibt es überhaupt Standardprozesse und wer kümmert sich darum? Ich würde lieber jemanden einstellen, der solche Fragen im Gepäck hat, als jemanden, der alles abnickt.