Zweites Staatsexamen: 96 Prozent tauschen Stift gegen Laptop
Sieben bis neun Klausuren gehören neben einer mündlichen Prüfung zum Zweiten Staatsexamen. Bis vor ein paar Jahren schrieben Prüflinge die mehrstündigen Klausuren noch mit der Hand. Mittlerweile ist die Digitalisierung in den meisten Bundesländern angekommen. Wie beliebt das E-Examen bei den Juristinnen und Juristen ist, zeigen unter anderem Zahlen aus Hessen.
Nach Sachsen-Anhalt (bereits 2019 Vorreiter bei E-Klausuren), Rheinland-Pfalz, Sachsen, Thüringen, dem Saarland, Berlin und Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein sowie Bayern und Baden-Württemberg zog Hessen erst Anfang 2025 nach.
Nur ein Jahr später zog Justizminister Christian Heinz eine positive Bilanz: „Das E-Examen wird in Hessen hervorragend angenommen. Im Jahr 2025 gab es insgesamt sechs Durchläufe mit jeweils rund 200 Kandidatinnen und Kandidaten, die weitestgehend reibungsfrei verliefen.“ Mehr als 96 Prozent der Prüflinge entschieden sich laut Heinz für die digitale Klausur, ein Wechsel zurück zur Handschriftlichkeit, der ebenfalls möglich ist, sei nur vereinzelt erfolgt.
Für die meisten Prüflinge bedeutet das Schreiben am Laptop eine große Erleichterung, sieht man von möglichen technischen Ausfällen einmal ab. In Hessen wie auch in anderen Bundesländern können die Anwärter sich auf einem Übungsportal mit der elektronischen Prüfungsumgebung vertraut machen und Probeklausuren schreiben. Wer vor den Prüfungen steht, findet auf den Seiten des jeweiligen Landesjustizprüfungsamtes Informationen zum Ablauf der Prüfungen sowie zu technischen Details, etwa ob externe Tastaturen angeschlossen werden können.
Das Zweite Staatsexamen folgt auf das zweijährige Rechtsreferendariat, das seinerseits auf ein erfolgreich abgeschlossenes Jurastudium aufsetzt. Wer besteht, erhält die Befähigung zum Richteramt und darf später als Richterin, Staatsanwalt, Rechtsanwältin oder als Jurist im höheren Verwaltungsdienst arbeiten. Viele Generationen von Juristinnen und Juristen schrieben alle Prüfungsklausuren mit der Hand – jeweils bis zu 20 oder sogar 30 Seiten Text. 2021 schuf eine Gesetzesänderung des Deutschen Richtergesetzes (DRiG) die bundesweite Rechtsgrundlage für die Länder, juristische Staatsexamina auch digital durchzuführen.
E-Examen geht durch die Decke
Seitdem haben die Länder nach und nach die Möglichkeit eingeführt, das Zweite Staatsexamen elektronisch abzulegen – mit zwei Ausnahmen. So startet es in Mecklenburg-Vorpommern noch diesen Monat, in Niedersachsen ist die Umsetzung noch für 2026 geplant.
Die gute Resonanz in anderen Bundesländern zeigt jedoch, wie überfällig die Digitalisierung der Justiz in diesem Bereich war. In Sachsen‑Anhalt, das bereits früh auf elektronische Klausuren gesetzt hat, schrieben in den Jahren 2022 und 2023 alle Prüfungsteilnehmerinnen und ‑teilnehmer die Aufsichtsarbeiten digital. Auch Sachsen weist eine vollständige Nutzung aus: Im Prüfungsdurchgang Juni 2024 entschieden sich sämtliche Kandidatinnen und Kandidaten für das elektronische Format. In Schleswig-Holstein wählten im April 2024 rund 80 Prozent der Prüflinge die digitale Variante der Klausuren. Die handschriftliche Klausur wird zur Seltenheit.
Auch die erste Prüfung digital
Auch das Erste Staatsexamen kann in vielen Bundesländern seit 2024 oder 2025 bereits am Laptop geschrieben werden. Zu den digitalen Vorreitern gehören Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Andere Bundesländer bereiten die digitale Pflichtfachprüfung aktuell vor. So soll es laut den Landesjustizprüfungsämtern in Bayern und Baden-Württemberg noch im Herbst 2026 möglich sein, den schriftlichen Teil der Ersten Staatsprüfung in elektronischer Form abzulegen. In Mecklenburg-Vorpommern soll die E-Prüfung ab April 2027 eingeführt werden. In Berlin, Brandenburg, Bremen, Schleswig‑Holstein und Hessen stehen dagegen bisher keine konkreten Pläne fest.
Effizienterer Prüfungsprozess
Das Schreiben am Laptop nimmt den Prüflingen einen wesentlichen Teil der körperlichen Belastung der mehrstündigen Klausuren. Jedoch ist die Digitalisierung nicht nur als Erleichterung für die angehenden Richterinnen und Anwälte gedacht. Auch der Korrekturaufwand kann damit künftig verringert werden.
Das Justizprüfungsamt Hessen pilotiert derzeit eine elektronische Korrektur der Klausuren zum Zweiten Staatsexamen und erhofft sich damit, zusätzliche Prüferinnen und Prüfer für die Staatsprüfungen zu gewinnen. Vielerorts werden die Klausuren aktuell noch ausgedruckt und in Papierform an die Korrektoren gesendet. Doch das Ziel ist es, den gesamten Prüfungsprozess, von der Meldung zum Examen bis hin zur Korrektur, zu digitalisieren. So kann die E-Prüfung in den Staatsexamina ein wichtiger Baustein für effizientere Abläufe in der Justiz werden.