Harte Schule im Rechtsreferendariat in Bayern

In Bayern ist mal wieder alles anders. Die Ausbildung, die Referendare auf ihr Examen vorbereitet, ist intensiv und verschult. Außerdem gehörten zum zweiten Staatsexamen bisher elf Klausuren, so viele wie in keinem anderen Bundesland. In Zukunft ­können sich Referendare jedoch auf Erleichterungen freuen.

Dem Examen in Bayern eilt ein Ruf voraus: „Die ­Stoff­fülle und Schwierigkeit sind unfassbar, da sind Klausuren aus anderen Ländern ein Witz dagegen“, schreibt ein Teilnehmer in einem Onlineforum. ­Auch Charlotte Plück kannte solche Erfahrungsberichte, als sie sich für das ­bayerische Referendariat entschied. Doch nach dem Jurastudium im beschaulichen Freiburg wollte sie nochmal Münchner Großstadtluft schnuppern. „Rückblickend war das vielleicht ein bisschen blauäugig“, sagt die 29-Jährige, die heute als Associate in der Immobilienpraxis der Münchener Wirtschaftskanzlei Zirngibl tätig ist. „Bayern mutet Referendaren viel zu.“

Genau wie Plück treten jährlich zahlreiche Referen­dare den juristischen Vorbereitungsdienst in einem der drei Oberlandesgerichtsbezirke des Freistaats an, zuletzt waren es mehr als 2.700. Sie können zweimal im Jahr einsteigen, jeweils im April und Oktober. Ihre Noten aus dem ersten Staatsexamen spielen dabei keine Rolle: „Wir stellen jeden Bewerber ein und es gibt derzeit keine Wartezeit“, sagt Christine Haumer (54). Neben ihrer ­Tätigkeit als Richterin am Senat für Baurecht des ­Oberlandesgerichts (OLG) München ist sie dort auch Referentin für die Referendarausbildung.

Tapetenwechsel: Charlotte Plück verließ für das Referendariat in Bayern ihren Studienort Freiburg. Foto: Eva Kubinska

Nicht alle Wünsche erfüllbar

München ist neben Bamberg und Nürnberg einer der OLG-Bezirke in Bayern, in denen sich Jurastudierende für das Referendariat bewerben können, sobald sie ihr erstes Staatsexamen in der Tasche haben. Zusätzlich zu dem Nachweis über die bestandene Prüfung müssen angehende Referendare, wie in anderen Bundesländern auch, Unterlagen wie ein Führungszeugnis oder ihren Lebenslauf einreichen.

Zudem müssen sie drei Präferenzen angeben, an welchem der 21 bayerischen Ausbildungsgerichte sie die zivilrechtliche Ausbildung absolvieren möchten. Die Wünsche der Bewerber können jedoch nicht immer berücksichtigt werden: „Mir war nicht bewusst, wie schwer es ist, in München einen Platz zu bekommen“, sagt Charlotte Plück.

Der Unterricht in den Arbeitsgemeinschaften flankiert die praktische Ausbildung bei den Stationen. Die Abfolge ist dabei nicht variabel. Quelle der Grafik: Bayerisches Staatsministerium der Justiz

Die begehrten Plätze an den Landgerichten München I und II sind Referendaren vorbehalten, die seit mehreren Jahren in München leben oder anderweitig an die Stadt gebunden sind, etwa weil sie Kinder haben oder im Nebenjob an der Universität tätig sind.

Pendeln in die Provinz

Diese Voraussetzungen erfüllte Plück nicht und landete deshalb stattdessen am Landgericht Traunstein, mehr als 100 Kilometer vom Münchner Zentrum entfernt: „Ich habe nachgeschaut, welche Distanz noch akzeptabel zum Pendeln ist.“ Genau wie Ingolstadt sei Traunstein ein typischer Pendlerbezirk und auf Referendare ausgerichtet, die in München wohnen.

Die Arbeitsgemeinschaft (AG) für die Verwaltungsstation finden in München statt und auch die Probeklausuren können die Referendare in München schreiben. Zudem sei die Atmosphäre an ihrem Ausbildungsgericht angenehm gewesen: „Das Umfeld in Traunstein war sehr familiär. Das ist an größeren Gerichten wie in München anders.“

Pendeln hin oder her, das Leben in München ist teuer. Wer sich zusätzlich zu der Unterhaltsbeihilfe in Höhe von derzeit rund 1.452 Euro etwas dazuverdienen möchte, darf maximal zehn Stunden in der Woche im Rahmen einer Nebentätigkeit arbeiten. Den Job muss das OLG zuvor genehmigen. „Bei denjenigen, die im ersten Examen keine guten Noten haben, wird da etwas genauer hingeschaut, da dann die Ausbildung im Vordergrund stehen sollte“, sagt Haumer.

Zudem zahlen die Arbeitgeber der Rechtsanwalts- oder Wahlstagen zum Teil Zusatzvergütungen. Bei der Top-Zahlerin Milbank beläuft sich diese laut azur100-Recherche auf bis zu 7.500 Euro monatlich. Die Summe ist jedoch eher hypothetisch. Was finanziell geht, muss zwischen Referendar, Ausbildungsstelle und Besoldungsamt genau abgestimmt werden.

Verschulte Ausbildung

Behält den Überblick: Als Fachfrau für die Referendarausbildung am OLG München kennt Christine Haumer die bayerischen Besonderheiten. Foto: Eva Kubinska

Neben der Praxis bei den fünf unterschiedlichen Stationen (siehe Grafik) gehört zum Referendariat in Bayern ein intensiver theoretischer Teil: „Die Ausbildung ist sehr verschult. Für viele ist das erstmal eine Umstellung, wenn sie von der Uni kommen“, sagt Haumer. Zu Beginn jeder Stage steht ein zwei- bis dreiwöchiger Einführungslehrgang. Anschließend treffen sich die Referendare zweimal wöchentlich zur AG. Auch dabei gibt es eine regionale Besonderheit: „Bayern ist das einzige Bundesland, in dem es hauptberufliche Arbeitsgruppenleiter gibt, also Richter, die in die Ausbildung abgeordnet sind“, berichtet Haumer. Entsprechend hätten die Leiter mehr Zeit, sich mit der AG zu befassen als in anderen Bundesländern. Haumer spricht aus eigener Erfahrung. Sie selbst hat acht Jahre lang AGs geleitet.

Pandemiebedingt wurde der Unterricht zuletzt zeitweise digital abgehalten, so Haumer: „Das hat technisch und organisatorisch sehr gut funktioniert. Nur der persönliche Austausch bleibt mitunter auf der Strecke.“ Das Wissen aus dem Unterricht in den Arbeitsgruppen müssen die angehenden Juristen in mehr als 30 verpflichtenden Übungsklausuren unter Beweis stellen. Die Noten daraus sowie für die mündliche Beteiligung fließen in das Zeugnis der jeweiligen Station ein. Hinzu kommt ein freiwilliger Kurs mit einer weiteren Klausur wöchentlich. „Der Kurs wird sehr gut angenommen, und ich kann ihn als zusätzliche Vorbereitung auf das Examen jedem nur empfehlen“, sagt Haumer. Charlotte Plück fand die intensive Theorie in den AGs hilfreich: „Dadurch, dass wir viele Klausuren schreiben mussten, konnte ich mich nicht vor dem Stoff drücken, sondern war gezwungen, kontinuierlich zu lernen.“

Das Wissen anwenden

Viel gelernt hat Plück auch bei den praktischen Stationen ihres Referendariats. Am besten gefallen hat es ihr beim Zivilgericht, in ihrem Fall das Amtsgericht Rosenheim: „Dort habe ich ein neues Gefühl für den Richterberuf bekommen. Richter müssen emotional sehr klug agieren. Zum Beispiel, wenn sich zwei Parteien streiten und sie deeskalierend eingreifen müssen.“ Als Teil ihrer Ausbildung dort bekam Plück etwa von dem ihr zugewiesenen Richter Akten, zu denen sie ein Urteil schreiben musste, das sie anschließend mit ihm besprach.

Zum Alltag der sich daran anschließenden Strafrechtsstation bei der Staatsanwaltschaft Traunstein ­gehörten auch die von vielen gefürchteten Sitzungsdienste. Dabei übernehmen Referendare die Aufgaben des Amtsanwalts in Verfahren, in denen es etwa um Diebstahls- und Betrugsdelikte geht. „Damit habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Ich konnte immer alles mit dem Staatsanwalt durchsprechen und die Richter haben beachtet, dass wir noch Anfänger sind“, erinnert sich Plück.

Die Strafrechtsstation leisten Referendare in Bayern bei der für ihren Landgerichtsbezirk zuständigen Staatsanwaltschaft ab. Wenn die Kapazitäten dort nicht ausreichen, können sie auch einem Straf- oder Amtsgericht zugewiesen werden.

Für die Verwaltungsstage konnte Plück aus mehreren Optionen wählen und entschied sich für das Landratsamt Ebersberg. Danach bekam sie in der britischen Kanzlei Eversheds Sutherland in München den ersten Eindruck vom Anwaltsberuf, im Team für Gewerblichen Rechtsschutz. „Die Kanzlei habe ich auf einer Karrieremesse kennengelernt und mich dann dort beworben“, berichtet Plück.

Die Prüfungen im Blick

Die Anwaltsstation können bayerische Referendare aufteilen und beispielsweise bei zwei verschiedenen Kanzleien verbringen. „Die meisten bleiben allerdings bei einem Arbeitgeber, weil sie sich parallel auf das
Examen vorbereiten müssen“, erklärt Haumer.

Der schriftliche Teil des Examens steht im letzten Monat der Anwaltsstation an. In Bayern sind jährlich zwei Termine, im Mai beziehungsweise Juni und im November oder Dezember, vorgesehen. Voraussichtlich ab 2023 soll es in Bayern die Option eines Teilzeitreferendariats geben. Geplant ist, dass sich das Referendariat auf 30 Monate verlängert und auch die zweite juristische Prüfung entsprechend später abgelegt werden kann. Bisher umfasste die schriftliche Prüfung elf Klausuren im Zivil-, Straf- und Öffentlichen Recht. Dabei zählte zu Letzterem eine Klausur im Steuerrecht, auch das ist eine bayerische Besonderheit. Mit diesem Pensum lag der Freistaat deutlich über dem in den anderen Bundesländern, wo für Referendare entweder acht oder sieben ­Klausuren vorgeschrieben sind.

Zwei Klausuren weniger

Um das bayerische Examen an den Rest des Landes anzupassen, wurde zuletzt die Ausbildungs- und ­Prüfungsordnung für Juristen (JAPO) geändert: Ab dem nächsten Klausurdurchgang im Juni umfasst das Examen nur noch neun Klausuren. Die Rechtsgebiete bleiben gleich, auch im Steuerrecht werden Referen­dare weiterhin geprüft.

Dafür fällt die mündliche Prüfung, die nach dem Pflichtwahlpraktikum – in anderen Bundesländern auch Wahlstation genannt – ansteht, stärker als bisher ins Gewicht. Sie macht künftig circa ein Drittel der ­Gesamtnote aus. Diese Regelung hätte wohl auch Plück begrüßt. Als sie im Juni 2020 ihr schriftliches Examen ablegte, zählte der schriftliche Teil noch 75 Prozent: „Ich hatte im Examen dieselben Noten wie eine ­Freundin aus Berlin. Aber wegen der unter­schied­lichen Gewichtung ist ihre Endnote besser“, berichtet sie.

Erschwerend kommt in Bayern hinzu, dass die mündliche Prüfung keinen Aktenvortrag enthält, mit dem Referendare in anderen Bundesländern oftmals ihren Schnitt verbessern können. Auch nach der JAPO-Anpassung wird sich das nicht ändern. „Angehende Referendare sollten das im Hinterkopf behalten, wenn sie überlegen, nach Bayern zu wechseln“, ­empfiehlt Plück.

Und auch Haumer hat einen Tipp für alle, die ihr erstes Staatsexamen in der Tasche haben: „Sie sollten nicht zu lange mit dem Einstieg ins Referendariat ­warten. Denn das Wissen aus dem Studium ist die ­Voraussetzung für einen guten Start.“


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