Die Anwaltsstation: Ein Blick ins Berufsleben

Für Referendare ist die Anwaltsstation eine gute Gelegenheit, einen unverfälschten Blick ins Arbeitsleben zu bekommen. Die Programme, die Kanzleien und Unternehmen dem juristischen Nachwuchs bieten, reichen vom bloßen Mitlaufen bis zu internen Akademien mit Kursen zur Examensvorbereitung. Auf bestimmte Standards sollten zukünftige Anwälte dabei nicht verzichten.

In einer Großkanzlei an Deals mitarbeiten, für eine spezialisierte Boutique Gerichtstermine wahrnehmen oder einen Einblick in die Rechtsgeschäfte eines internationalen Unternehmens gewinnen: die Möglichkeiten für Referendare bei der Anwaltsstation sind vielfältig. Mit je nach Bundesland neun bis zehn Monaten ist für die praktische Ausbildung als Anwalt die meiste Zeit im Referendariat vorgesehen. Bei der sogenannten Wahlstation am Ende des juristischen Vorbereitungsdienstes können Referendare die so gewonnenen Einblicke noch vertiefen.

Wer einen Wunscharbeitgeber hat, sollte sich rechtzeitig um einen Platz dort bemühen. „Ein halbes Jahr bis ein Jahr im Voraus sollte man dafür alles in die Wege leiten“, empfiehlt eine ehemalige Referendarin aus Nordrhein-Westfalen. Dazu gehört, dass angehende Juristen sich entscheiden, ob sie die Anwaltsstage aufteilen wollen, um etwa zur Hälfte in einer Kanzlei und zur anderen in einem Unternehmen zu arbeiten.

Der richtige Ort für die Anwaltsstation

Doch wie findet man den passenden Arbeitgeber fürs Referendariat? Wer vor dieser Entscheidung steht, muss sich seiner Prioritäten bewusst werden, denn jeder Arbeitgebertyp hat Vor- und Nachteile. So bieten Großkanzleien allein wegen ihrer Größe meist gute und umfangreiche Programme. Denn natürlich hat eine Kanzlei, die jährlich 100 Referendare einstellt, mehr Möglichkeiten als eine, bei der es nur 10 sind. Dafür lernen angehende Juristen in kleinen Einheiten häufig durch direkte Mitarbeit an Mandaten und den dazugehörigen Mandantenkontakt.

Auch die Arbeitsinhalte variieren teils erheblich. Wer die Anwaltsstation in einem internationalen Umfeld absolvieren und bei der Wahlstation vielleicht sogar in einem Auslandsbüro arbeiten möchte, sollte sich eher bei einer weltweit tätigen Einheit als bei einem deutschen Mittelständler bewerben. Die Kanzleien sind teils sehr großzügig und übernehmen die Organisation sowie die Kosten für Reise, Unterkunft und Visum. Zu beachten ist bei großen, internationalen Einheiten wiederum, dass es oftmals keine auf Deutschland zugeschnittene Referendarausbildung gibt, weil die Kanzleien weltweite Programme ausrollen. Nach Aspekten wie diesen können Referendare im Vorstellungsgespräch gezielt fragen.

Wer eine familiäre Atmosphäre mit viel Partnerkontakt sucht, wird eher bei einer kleinen Kanzlei glücklich. Das spiegelt sich auch in der azur-Bewerberumfrage wider. So berichtet ein Teilnehmer in einer kleineren Einheit von einer „intensiven Betreuung mit Respekt“, bei der „Partner jederzeit gesprächsbereit“ waren. Der ehemalige Referendar einer Großkanzlei berichtet hingegen von „wenig bis gar keinem Partnerkontakt“.

Goldstandard: Diese Arbeitgeber bieten Rechtsreferendaren ein besonders umfangreiches Programm. Genauere Informationen findest du in unseren Top-Arbeitgebern.

Schwer vorhersehbar ist meist die Arbeitsbelastung. Hier reichen die Kommentare der Befragten von „ich durfte fünf Monate tauchen und Kaiserklausuren schreiben“ bis „die Ausbildung kommt aufgrund der hohen Arbeitsbelastung zu kurz“. Das sogenannte Tauchen ist bei vielen Arbeitgebern üblich. Damit ist gemeint, dass die Referendare nur einen Teil der Anwaltsstation vor Ort arbeiten. Den Rest der Zeit lassen sie sich freistellen, um sich auf das zweite Staatsexamen vorzubereiten, das nach der Anwaltsstation ansteht.

Für die Rechtsabteilungen von Unternehmen entscheiden sich Referendare hingegen oft erst in der Wahlstation. Deshalb steht dort häufig die praktische Mitarbeit im Vordergrund und es gibt keine Weiterbildungsangebote zu juristischen Inhalten. Diese Erfahrung hat auch ein Teilnehmer der Bewerberumfrage gemacht: Bei seiner Station bei einer Bank fand er zwar kein theoretisches Programm vor, dafür eine „sehr individuelle Ausbildung und Einblicke in alle Verträge, Konferenzen, Calls etc.“. Gerade große Unternehmen bieten zudem häufig Soft-Skills-Schulungen für alle Mitarbeiter, an denen auch Referendare teilnehmen können.

Aufgaben im Rechtsreferendariat

Um im Arbeitsalltag zurechtzukommen, stellen viele Arbeitgeber ihren Referendaren Mentoren an die Seite. Das sind erfahrene Associates oder Partner, die den neuen Kollegen Fragen beantworten, Aufgaben zuteilen und Feedback geben. Welche Aufgaben die Referendare letztlich übernehmen, ist je nach Arbeitgeber und Einsatzbereich unterschiedlich. Meist nehmen sie an internen Besprechungen teil und begleiten die Anwälte zu Mandantenterminen. Im M&A können sie zum Beispiel an Due Diligences für Deals mitarbeiten.

Bei spezialisierten Boutiquen mit vielen Gerichtsterminen dürfen Referendare zudem in Verhandlungen gehen, wie ein Teilnehmer der azur-Umfrage berichtet: „Bereits nach sehr kurzer Zeit durfte ich vor Gericht auftreten und Schriftsätze verfassen, die auch übernommen wurden.“ Da­neben gehört die Bearbeitung von Akten und ­Dokumenten wie Klageerwiderungen oder Mandantenschreiben zu den Standardaufgaben für Referendare.

Bei der Einbindung der Referendare in den Arbeitsalltag offenbaren sich in der azur-Umfrage Licht und Schatten. Während ein Befragter vom „unverwechselbaren Eindruck vom Berufseinstieg als Associate in einer Großkanzlei“ schwärmt, hat sich ein anderer während des Referendariats als „Mädchen für alles gefühlt, das Aufgaben bekommt, ohne die Hintergründe zu erfahren“. Erfahrungen wie diese sind häufig team- oder partnerabhängig.

Examensvorbereitung in der Anwaltsstation

Zusätzlich zum praktischen ‚Training on the Job‘ bieten die meisten Arbeitgeber ihren Referendaren eine theoretische Ausbildung. In den letzten Jahren haben dafür auch kleinere Einheiten zunehmend interne ‚Akademien‘ eingeführt, an denen sie ihre Angebote zur fachlichen Weiterbildung und zur Schulung von Soft Skills bündeln. Als Reaktion auf die Corona-Pandemie haben viele ihr Programm digitalisiert.

Es umfasst häufig Inhouse-Seminare und Klausurenkurse in verschiedenen Rechtsgebieten zur Vorbereitung auf das Examen von Anbietern wie Alpmann, Hemmer oder Kaiser. Auch Sprachkurse haben viele Kanzleien in ihrem Repertoire, genau wie Seminare zur Schulung von Soft Skills wie beispielsweise Verhandlungsführung oder Präsentationstechnik. Um den Nachwuchs an das Thema Legal Tech heranzuführen, steht auch das bei manchen Arbeitgebern bereits auf dem Lehrplan.

Andere setzen auf Tutorien, in denen Associates oder Partner aktuelle Fälle mit den Referendaren besprechen. Hinzu kommen Kooperationen mit Externen, also etwa Richtern, die Aktenvorträge mit ihnen üben. Und damit bei all der Arbeit auch der Spaß nicht zu kurz kommt, organisieren viele Arbeitgeber – zumindest abseits von Pandemiezeiten – Veranstaltungen wie gemeinsame Ausflüge, Mittag- oder Abendessen.

Sprungbrett in den Anwaltsberuf

Insgesamt gilt: Nicht jede Kanzlei bietet ihren Referendaren ein maßgeschneidertes Programm, das keine Wünsche offenlässt. Trotzdem kann es sich auch in kleinen Einheiten lohnen, nach Angeboten wie individuellen Fortbildungen zu fragen, um aus der Zeit dort das meiste herauszuholen.

Denn den Arbeitgebern ist viel daran gelegen, einen guten Eindruck bei ihren Referendaren zu hinterlassen. Schließlich bieten die Anwalts- und Wahlstationen nicht nur für die angehenden Juristen gute Gelegenheiten, potenzielle Arbeitgeber kennenzulernen, sondern auch umgekehrt.

Im Kampf um neue Talente ist es für Kanzleien und Unternehmen hilfreich, wenn sie potenzielle Kollegen über das Vorstellungsgespräch hinaus bei der täglichen Arbeit erleben können. Wer seinen Arbeitgeber auswählt, sollte deshalb bereits den späteren Berufseinstieg im Blick haben und prüfen, ob der Arbeitgeber auch nach dem Referendariat als erste richtige Stelle infrage kommt. Häufig entwickelt sich aus der Referendariatszeit, die man als Student in einer Kanzlei oder in einem Unternehmen verbracht hat, auch eine langfristigere Zusammenarbeit: Bei einigen Arbeitgebern, die die Redaktion für die aktuelle azur100 recherchiert hat, sind weit mehr als die Hälfte der neu eingestellten Associates ehemalige Referendare.


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