Die Evolution der Einstiegsgehälter

Wirtschaftskanzleien überbieten sich gegenseitig mit Spitzengehältern. Vor zehn Jahren galten 100.000 Euro noch als Schallmauer. Heute sind sechsstellige Antrittsgagen für Berufseinsteiger keine Seltenheit mehr – ein Blick auf eine bemerkenswerte Marktentwicklung.

Über Jahre hinweg befand sich der deutsche Markt für Großkanzlei-Gehälter in einem regelrechten Wettrüsten, um Top-Juristinnen und -Juristen für sich zu gewinnen. Spitzenreiter mit 180.000 Euro sind aktuell die US-Großkanzleien Skadden Arps Slater Meagher & Flom und Milbank. Doch viele weitere Kanzleien haben inzwischen nachgezogen, sodass Einstiegsgehälter über 100.000 Euro keine Seltenheit mehr sind.

Besonders kräftig schraubten die Kanzleien ihre Gehälter zwischen 2021 und 2025 nach oben. Allein in diesen vier Jahren legten ihre Fixgehälter um über 24.000 Euro zu. Bei namhaften Sozietäten waren Jahresgehälter von 140.000 Euro bereits 2022 Standard. Die US-Sozietät Willkie Farr & Gallagher erhöhte die Bezüge in Deutschland Anfang 2022 auf 175.000 Euro, wodurch sich das Spitzengehalt binnen weniger Jahre nahezu verdoppelte.

Die Schere geht auseinander

Während die Teilnehmer der azur-Associateumfrage in Kanzleien 2016 im Schnitt noch 101.600 Euro Jahresfixgehalt einstrichen, sind es 2025 bereits 137.300 Euro – ein Plus von rund 35 Prozent in zehn Jahren. Inhouse-Juristinnen und -Juristen hingegen kletterten im selben Zeitraum lediglich von 85.400 auf 101.800 Euro – ein Zuwachs von knapp 19 Prozent. Der Gehaltsabstand hat sich mehr als verdoppelt. Lagen 2016 noch 16.200 Euro zwischen den beiden Karrierewegen, sind es 2025 satte 35.500 Euro.

Trendwende beim Bonus

Wer allerdings nur auf das Festgehalt schaut, übersieht die halbe Wahrheit. Ein bemerkenswerter Trend der letzten Jahre ist die zunehmende Bedeutung variabler Vergütung schon im ersten Berufsjahr. Im Markt spielen variable Vergütungskomponenten auch für Berufseinsteiger eine zunehmende Rolle. Inhouse-Positionen punkten mit Boni und Nebenleistungen wie Dienstwagen, betrieblicher Altersvorsorge oder Versicherungen. Rechnet man diese Komponenten ein, schrumpft der Vorsprung der Kanzleien spürbar. 2024 kam ein Kanzlei-Associate auf eine Gesamtvergütung von rund 156.000 Euro, während Inhouse-Juristen auf 137.500 Euro inklusive Nebenleistungen kamen. Der Unterschied beträgt nur noch 18.500 Euro oder etwa 13 Prozent. Im Jahr 2022 war der Abstand mit lediglich 14.800 Euro sogar so klein wie nie zuvor in der Dekade.

Über Jahre galt: In Kanzleien gibt es die größeren Bonuszahlungen. Doch 2022 hat sich das Bild gewandelt. In diesem Jahr überholte der durchschnittliche Inhouse-Bonus von 20.100 Euro erstmals den Kanzlei-Bonus (17.800 Euro). 2024 setzte sich dieser Trend fort. Unternehmensrechtsabteilungen zahlten dem juristischen Nachwuchs im Schnitt 23.300 Euro an zusätzlichem Bonus, Kanzlei-Anwälte kamen dagegen lediglich auf 22.400 Euro. Während die Kanzlei-Boni in zehn Jahren nur moderat von 16.900 auf 22.400 Euro stiegen, haben sich die Inhouse-Boni von 12.800 auf 23.300 Euro nahezu verdoppelt. Ein deutliches Indiz dafür, dass Unternehmen im Wettbewerb um juristische Top-Talente aufrüsten.

Wer auf das maximale Bruttogehalt zielt, ist in der Großkanzlei nach wie vor besser aufgehoben und der Abstand wird tendenziell größer. Wer aber Wert auf eine ausgewogene Gesamtvergütung mit attraktivem Bonus, Nebenleistungen und meist planbareren Arbeitszeiten legt, findet in Unternehmensrechtsabteilungen zunehmend konkurrenzfähige Pakete.

Gehaltsplateau erreicht

Bei aller Dynamik der vergangenen Jahre fällt 2025 ein Detail ins Auge: Die Fixgehälter in Kanzleien sind zwar im Durchschnitt erneut von 133.600 auf 137.300 Euro gestiegen, doch das Plus von rund 2,8 Prozent ist deutlich moderater als die Sprünge der Vorjahre. Denn zwischen 2021 und 2022 hatten die Kanzleien ihre Gehälter noch um über 10 Prozent nach oben geschraubt, auch 2023 und 2024 lagen die Zuwächse jeweils bei rund 4 Prozent.

Vieles spricht dafür, dass inzwischen ein Plateau erreicht ist. Der Grund dürfte im gedrehten Arbeitsmarkt liegen. Die Personalsituation hat sich aus Sicht der Kanzleien entspannt und der Druck, den Nachwuchs mit immer höheren Einstiegsgehältern zu locken, lässt enstaprechend nach. Hinzu kommt, dass die Einstellungszahlen vielerorts zurückgehen. Mehrere Großkanzleien haben ihre Planzahlen reduziert. Damit könnte sich die jahrelange Aufwärtsspirale bei den Fixgehältern zumindest vorerst abflachen. Ob die Kanzleien dauerhaft bei diesem Niveau bleiben oder ob nach einer Konsolidierungsphase die nächste Runde folgt, dürfte stark davon abhängen, wie sich die Wirtschaftslage und der Einsatz von Legal-Tech- und KI-Tools entwickeln.

Die Auswertung beruht auf  den azur100-Recherchen der Jahre 2016 bis 2025. Bonus und Nebenleistungen beziehen sich in den Umfragen immer auf das Vorjahr und werden rückwirkend eingetragen. Gehaltsangaben findest du stets aktualisiert auf azur-online.de.


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