Zwischen Baden und Württemberg

Baden-Württemberg bietet mit seinen elf Millionen Einwohnern eine bunte Vielfalt. Jede Himmelsrichtung hat dabei ihre ganz eigenen Besonderheiten – auch für Juristen.

„Nett hier. Aber waren Sie schonmal in Baden-Württemberg?“ Was Anfang der 2000er-Jahre als Werbekampagne für das Land startete, ist Jahrzehnte später noch immer präsent. Mittlerweile sind die sozialen Medien voll von Fotos der kultigen Sticker. Egal ob auf der New Yorker Brooklyn Bridge oder sogar dem Mount Everest: Kein Ort ist sicher vor dem berühmten Slogan.

Dabei ist es zwischen den Landesteilen Baden und Württemberg gar nicht so weit her mit der Nettigkeit. Man hat Vorurteile: Das bedenkenlose Savoirvivre der Badener steht gegen den etwas spaßbefreiten Ehrgeiz (oder auch einfach nur Geiz) der Württemberger. Trotz der unterschiedlichen Ansichten, ob es nun hier oder dort besser ist, sind sich alle hier folgenden sechs Protagonistinnen und Protagonisten einig: Das Ländle ist viel mehr als nur nett. Für Wirtschaftsrechtler ist es hoch attraktiv. Es steht für Kreativität und Fleiß, und es hat beinahe unendlich viele hochkarätige Mandate zu bieten.

Rhein-Neckar-Gebiet

Heidelberg liegt ganz in der Nähe des Länderdreiecks von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen. „Hier sind die Menschen gesellig und sehr aufgeschlossen“, beschreibt es Christin Krämer, Partnerin der Kanzlei Tiefenbacher. Auch wenn es vielleicht nicht ganz so pulsierend sei wie auf der anderen Neckarseite im benachbarten Mannheim. Die Gesellschaftsrechtlerin betreut bei der Heidelberger Mittelstandskanzlei ihre Mandanten von Gründungen über Umstrukturierungen bis hin zu Transaktionen. Die Unternehmen stammen nicht nur aus der Region, unter ihnen sind auch bundesweit und international aktive Konzerne.

Willkommenskultur: Die Heidelberger Anwältin Christin Krämer schätzt an der Mittelstandskanzlei Tiefenbacher das kollegiale Miteinander. Foto: Tiefenbacher

Gebürtig stammt Krämer aus einem kleinen Dorf in Thüringen an der bayerischen Grenze. Nach der Schule bewarb sie sich deutschlandweit an verschiedenen Hochschulen und landete schließlich an der Universität Mannheim, wo sie ihr Jurastudium begann. Seither ist sie geblieben. Nicht zuletzt wegen der beschriebenen Willkommenskultur, die sich auch innerhalb der Sozietät widerspiegelt. Krämer schätzt besonders das kollegiale und vertrauensvolle Miteinander. Da gehört auch mal ein Feierabendbier oder ein zwangloser Besuch auf dem Weihnachtsmarkt dazu. Vom steifen und konservativen Klischee des Anwaltsberufs keine Spur, dafür herrscht aber Freiheit bei der eigenen Entscheidung. „Trotz aller vollwertiger Meinungsaustausche trägt letztlich der oder die federführende Partner beziehungsweise Partnerin die Verantwortung“, sagt die 35-Jährige. Junge Menschen zu finden, die Verantwortung übernehmen wollen, sei in der eher ländlich geprägten Umgebung nicht ganz so leicht wie etwa in den Metropolen. Daher legt Tiefenbacher viel Wert auf eine individuelle Betreuung und kurzfristige Karrieremöglichkeiten zur Übernahme von Verantwortung. „Man muss den Leuten Chancen bieten, auch abseits der Partnerschaft“, findet Krämer.

Hauptstadt des Schwarzwaldes

Ganz im Süden Baden-Württembergs – aber immer noch im badischen Teil – liegt Freiburg im Breisgau am Dreiländereck zu Frankreich und der Schweiz. Vor Ort zählt Friedrich Graf von Westphalen & Partner (FGvW) zu den marktführenden Kanzleien. Für die Full-Service-Einheit sind am Freiburger Standort rund 50 Berufsträger tätig. Eine von ihnen ist die erst kürzlich ernannte Partnerin Stephanie Mayer. Obwohl die Arbeitsrechtlerin in Freiburg aufwuchs und sie auch eines ihrer ersten Praktika bei FGvW absolvierte, verschlug es Mayer zum Zweiten Staatsexamen nach Düsseldorf. Damals durchlief sie verschiedene Stationen, etwa im CorporateTeam der Düsseldorfer Kanzlei Glade Michel Wirtz oder bei WilmerHale in London in der Konfliktlösungspraxis. „Doch im Gesellschaftsrecht hat mir ein Stück weit der menschliche Faktor gefehlt“, erklärt die 42-Jährige. Eine zufällige Begegnung mit einem ehemaligen Kollegen führte sie schließlich zum Berufseinstieg wieder in die Heimat zurück und so fand sie dort zu FGvW.

Zurück zu den Wurzeln: Stephanie Mayer hat in Düsseldorf und London gearbeitet. In ihrer Heimat Freiburg ist die Arbeitsrechtlerin heute Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen Foto: Friedrich Graf von Westphalen

Im Bezug auf die fachliche Tätigkeit und Professionalität merkt Mayer zwar keinen Unterschied, aber die Mentalität sei schon teilweise eine andere. „In sehr vielen Situationen geht es im Vergleich zum schicken Düsseldorf um ein wenig mehr Bodenständigkeit“, meint sie. Dabei ist FGvW am Freiburger Standort sehr international aufgestellt. Die Arbeitszeiten sind aber trotzdem viel moderater als in einer klassischen Großkanzlei. „Auch als Partnerin gehören meine Wochenenden der Familie“, sagt die zweifache Mutter. Im Arbeitsrecht hat die Juristin überwiegend mit baden-württembergischen Unternehmen zu tun, darunter kleinere Betriebe und Start-ups, aber auch größere Konzerne aus dem Automotive- oder Medizintechniksektor. Zudem ist sie oftmals mit arbeitsrechtlichem Input an großen Deals beteiligt.

Residenz des Rechts

Karlsruhe lebt von den vielen Gerichten, die hier ansässig sind“, findet Dr. Janina Dezenter. „Es ist jedes Mal besonders, mit dem Fahrrad am Bundesverfassungsgericht vorbeizufahren, wo die großen Entscheidungen fallen.“ Sie stammt ursprünglich aus Ulm, studierte in Heidelberg und arbeitet mittlerweile bei der auf Verfassungs- sowie Wirtschaftsverwaltungsrecht spezialisierten Kanzlei Deubner & Kirchberg in Karlsruhe. Schon früh bereitete ihr das Öffentliche Recht besonders viel Freude. „Auch in der Examensvorbereitung fiel mir diese Disziplin am leichtesten“, erinnert sich die 31-Jährige zurück. Das Referendariat führte sie damals nach Karlsruhe, wenn auch aus persönlichen Gründen. Lange Zeit spielte sie mit dem Gedanken, in die Justiz zu gehen. „Im Studium konnte ich mir unter dem Anwaltsberuf noch gar nichts vorstellen“, sagt sie.

Die Macht der Karlsruher Gerichte: Die
Öffentlichrechtlerin Janina Dezenter spürt bei ihrer Kanzlei Deubner & Kirchberg den Pulsschlag es aktuellen Geschehens. Foto: Deubner & Kirchberg

Nachdem Dezenter allerdings sowohl die Anwalts- als auch die Wahlstation bei ihrem jetzigen Arbeitgeber absolviert hatte, war sie von der Handlungsfreiheit und Abwechslung begeistert. So entschied sich die Verfassungsrechtlerin bei Deubner & Kirchberg als Rechtsanwältin einzusteigen und berufsbegleitend ihre Promotion an der Universität Heidelberg abzulegen. Pandemiebedingt verbrachte sie die meiste Zeit in Karlsruhe, wo Dezenter problemlos auf die Literatur der bestens ausgestatteten BGH-Bibliothek zugreifen konnte. Bei ihrer vielseitigen Tätigkeit im Bereich des Öffentlichen Rechts sowie des Verfassungs- und Verwaltungsrechts betreut sie überwiegend Kommunen, aber auch mittelständische und größere Unternehmen etwa im Umweltrecht oder zahlreiche Bauunternehmen im privaten Baurecht. Erst kürzlich reichte sie zum ersten Mal persönlich eine Verfassungsbeschwere am Bundesverfassungsgericht ein. „Durch die örtliche Nähe hat man das Gefühl, immer am Puls der aktuellen Politik zu sein“, meint Dezenter.

Doppelte Präsenz

Der Karlsruher Standort ist nicht nur für Öffentlichrechtler interessant. 2016 drängte die multidisziplinäre Einheit RSM Ebner Stolz in den dortigen Beratungsmarkt vor, obwohl sie bereits der Landeshauptstadt Stuttgart ein großes und angesehenes Büro besitzt. Den alten und den neuen Standort trennt die kulturelle Grenze zwischen Baden und Württemberg. Durch die Vielzahl an mittelständischen Mandanten sah Ebner Stolz aber großes Potential in der badischen Region. „Im Wesentlichen unterscheiden sich die beiden Standorte aber gar nicht stark voneinander“, sagt Andreas Rupp, „ganz im Gegenteil: Die beiden Teams arbeiten Hand in Hand, alle wirtschaften in einen gemeinsamen Topf und auch die Vergütung weicht grundsätzlich nicht ab.“

Andreas Rupp eröffnete 2016 das Karlsruher Büro für die multidisziplinäre Einheit RSM Ebner Stolz. Quelle: RSM Ebner Stolz

Rupp baute vor acht Jahren das Karlsruher Büro mit auf, zuvor arbeitete er einige Jahre bei einer Big-Four-Gesellschaft. Die Idee in Karlsruhe zu eröffnen, entstand nicht zuletzt aus personellen Gründen. „Den Nachwuchs treibt es heutzutage nicht mehr so häufig in die großen Tower der Großstädte, sondern es zieht ihn oftmals in die Nähe der Heimat“, stellt der 56-jährige Aktien- und Kapitalmarktrechtler fest. Da die Work-Life-Balance immer mehr an Bedeutung gewinne, werde auch das Pendeln unter den jungen Anwälten immer negativer bewertet. Das Ebner-Stolz-Konzept ist aufgegangen: Mittlerweile ist Karlsruhe einer der am schnellsten wachsenden Niederlassungen.

Mitten im Ländle

Voelker & Partner, multidisziplinär aufgestellt wie RSM Ebner Stolz, ist gleich dreimal in Baden-Württemberg präsent: in Reutlingen, Stuttgart und Balingen. Wobei sich der Stammsitz in Reutlingen befindet – einer eher kleinen Großstadt. 37 Juristen und Juristinnen sind dort tätig, 9 von ihnen als Vollpartner. Einer von ihnen ist Dr. Jan-David Jansing. Der gebürtige Wuppertaler gilt unter den waschechten Schwaben als ‚Neigschmeckter‘ – was so viel wie Zugezogener heißt. Wegen des Studiums landete er in Reutlingens Nachbarstadt Tübingen. „Das Vorurteil, dass Zugezogene in der Region erst ab der dritten Generation ernstgenommen werden, kann ich so aber nicht bestätigen“, fügt Jansing lachend hinzu. Der Bank- und Kapitalmarktrechtler berät fast ausschließlich die ansässigen Sparkassen und Volksbanken.

Hidden Champions und mehr: Jan-David Jansing berät bei Voelker & Partner in Reutlingen überwiegend die Finanzinstitute aus der Region. Foto: Voelker & Partner

Insgesamt verfügt die schwäbische Alb über zahlreiche mittelständische Unternehmen. „Das liegt an der Schaffer-Mentalität, darunter sind echte Hidden Champions“, erklärt der 48-Jährige. Auch viele  Hightech-Schmieden haben sich rund um die Universität Tübingen angesiedelt. Die Mandanten legen durchweg sehr viel Wert auf eine vertrauenswürdige und langfristige Zusammenarbeit. Trotzdem hat Voelker irgendwann auch ein Büro in der Landeshauptstadt eröffnet. Das sechsköpfige Stuttgarter Team besitzt insbesondere Kompetenzen im Vergaberecht sowie im internationalen Handelsrecht. In der Metropolregion kommt ihnen zugute, dass diverse Entscheidungsträger vor Ort sind. „Trotz der unterschiedlichen Standorte ist es wichtig, als Team zusammenzubleiben und die persönliche Bindung zwischen den Kollegen und Kolleginnen zu stärken“, meint Jansing.

Stuttgarter Kessel

Dr. Anselm Christiansen, der im Umland von Stuttgart aufwuchs, kehrte nach ungewöhnlichen Stationen im Ausland in die Heimat zurück. „Ich bin ein überzeugter Württemberger und familiär verwurzelt“, sagt Christiansen. Württemberger definiert er mit einem Augenzwinkern als „ordentlich, clever und ein kleines bisschen konservativ“. Nachdem er in Tübingen studiert hatte, zog es ihn allerdings erst einmal ins Ausland. Zunächst unterstützte er 2012 das Automotive-Team der Rechtsabteilung von Bosch in Bangkok. Dort wurde Christiansen auf das japanische Stipendium von Bosch für die Wahlstation im Referendariat aufmerksam.

Von Stuttgart in die Welt: Anselm Christiansen verbindet bei Gleiss Lutz in Stuttgart M&A mit dem Asiengeschäft. Foto: Gleiss Lutz

„Zum Berufseinstieg war ich dann auf der Suche nach einer Tätigkeit in Stuttgart, bei der ich M&A mit dem Asiengeschäft verbinden konnte“, erklärt der Transaktionsanwalt. Die Wahl zwischen der Rechtsabteilung der Mercedes-Benz Group und dem grenzüberschreitendem M&A-Team von Gleiss Lutz fiel zugunsten der Großkanzlei aus. Überzeugt hat ihn im Endeffekt sein Bauchgefühl: „Der wichtigste Faktor sind die Leute, die rechts und links von mir sitzen“, verrät er, „ich muss reinpassen und mit ihnen gerne täglich zum Mittagessen gehen.“ Oder nach Feierabend zum Palast der Republik, dem Stuttgarter Hotspot mit Bierausschank. Im Januar 2023 ist der 37-Jährige in die Partnerschaft aufgestiegen. Seine überwiegend chinesische und südkoreanische Stammmandantschaft begleitet er vor allem bei Investitionen in Deutschland.


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