Zum Secondment nach Tokio oder Düsseldorf

Secondments bringen wertvolle Erfahrungen – ob in einem Auslandsbüro oder inhouse in der Rechtsabteilung eines Unternehmens. Sie stärken Mandantenbindungen und schaffen Netzwerke, die über Jahre tragen. Für interessierte Associates lohnt sich Eigeninitiative bei der Organisation.

Als Franziska Lange-Schlüter (32) im Sommer 2024 vor japanischen Kartellrechtlern und Unternehmensvertretern steht und über die europäische Fusionskontrolle referiert, ist das für sie selbst vielleicht die größte Überraschung. Zuvor hatte bei Commeo, einem Spin-off der internationalen Großkanzlei Baker McKenzie aus dem Jahr 2010, noch niemand je ein Secondment gemacht. Lange-Schlüter hat das geändert – mit einem Pitch im jährlichen Feedbackgespräch.

„Das war komplett meine eigene Initiative“, sagt die Kartellrechtlerin. Nach einem Auslandsaufenthalt in Brüssel und einem LL.M. in den USA war für sie klar, dass sie auch noch einmal im Ausland arbeiten wollte. Aber nicht wieder in den Westen: „Ich wollte einen anderen Kulturkreis kennenlernen und eine andere Arbeitsweise.“ Die Wahl fiel auf die japanische Kanzlei Atsumi & Sakai, zu der bereits Mandatsbeziehungen und persönliche Kontakte der Commeo-Partnerinnen bestanden. „Wir hatten bereits Berührungspunkte mit Atsumi & Sakai aus früheren Mandaten. Außerdem gibt es persönliche Kontakte über ein Frankfurter Büro und das Netzwerk AISA.“


Eigeninitiative: Franziska Lange-Schlüter überzeugte die Partnerinnen von Commeo im jährlichen Feedbackgespräch und ging ein Jahr später für drei Monate nach Tokio zu einer japanischen Kanzlei.

Beim Office Secondment arbeiten Associates für einige Monate in einem ausländischen Büro der eigenen Kanzlei – oder, wie im Fall von Lange-Schlüter, bei einer befreundeten Partnerkanzlei. In meist drei bis sechs Monaten können sie internationale Beziehungen knüpfen, ihr Netzwerk ausbauen und die Kommunikation zwischen den Standorten verbessern.

Drei Monate lang arbeitete Lange-Schlüter in Tokio vor allem zu europäischem Kartellrecht und besonders im Vertriebskartellrecht, gab interne Seminare zum deutschen und europäischen Kartellrecht und unterstützte überall dort, wo Fragen mit europäischem Bezug auftauchten.

Die kulturellen Unterschiede im Arbeitsalltag waren deutlich spürbar. „Es ist schon eher partnerzentriert“, beschreibt sie die Zusammenarbeit. Hierarchien spielten eine deutlich größere Rolle als in deutschen Kanzleien – sowohl fachlich als auch im täglichen Umgang, bis hin zur Sitzordnung. Für den Umgang mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen kann die Erfahrung in einem ausländischen Büro sehr hilfreich sein. „Es war eine unglaubliche Erfahrung, drei Monate in Tokio zu leben“, sagt sie. Langfristig will sie den Japan-Bezug weiter ausbauen – und das Interesse an ihrem Weg ist groß: Viele Kolleginnen und Kollegen sprechen sie gezielt darauf an, wie sie das Secondment organisiert hat.

Der Seitenwechsel

Lange-Schlüters Geschichte zeigt, was ein Secondment für Associates sein kann: eine Chance, die eigene Perspektive grundlegend zu erweitern. Das ist auch beim Client Secondment der Fall.  Im Gegensatz zum Office Secondment wechseln Associates hier vorübergehend in die Rechtsabteilung eines Mandanten. Damit verlassen sie nicht nur ihr Büro, sondern wechseln auch die Rolle – von der externen Beraterin zum internen Kollegen. Die oder der Secondee lernt die Bedürfnisse des Mandanten besser kennen und kann die Mandatsbeziehung zur Kanzlei vertiefen.

Im sechsten Berufsjahr zum Mandanten: Senior Associate Marie-Luise Heuer von Blomstein pendelte aus Berlin zur Mandantin Vodafone nach Düsseldorf.

Marie-Luise Heuer (34), Senior Associate bei der Berliner Boutique Blomstein, erlebte das 2025 über mehrere Monate bei Vodafone in Düsseldorf. Zwei bis drei Tage pro Woche pendelte sie dafür aus Berlin nach Nordrhein-Westfalen. Das Secondment knüpfte an eine bestehende Mandatsbeziehung an. „Wir haben Vodafone schon vorher viel beraten“, sagt Heuer. „Dann bietet es sich natürlich an, diese Beziehung zu vertiefen.“ Eingesetzt war sie nicht in der Rechtsabteilung, sondern im interdisziplinären Team Public & Policy & External Affairs, das neben Juristinnen auch mit Fachleuten aus anderen Bereichen besetzt ist. Dort arbeitete sie überwiegend im Kartell- und Regulierungsrecht.

Im Kanzleialltag stehen Anwältinnen und Anwälte mit der Rechtsabteilung der Mandanten in Austausch. Für Secondees kommen die Anfragen jedoch oft direkt aus dem operativen Geschäft. „Es ist ganz anders, direkt mit dem Business zu reden anstatt mit der Rechtsabteilung“, sagt Blomstein-Anwältin Heuer. In der Rolle einer Legal Counsel musste sie rechtliche Themen verständlicher und weniger aufwendig aufbereiten.

Die Arbeit bei Vodafone war thematisch breit gefächert – denn zum Konzern gehören nicht nur Mobilfunk, sondern auch Festnetz, Kabel, Internet und Streaming. „Ich fand es total spannend, zu sehen, wie die ganzen Zahnräder in so einem riesigen Konzern ineinandergreifen“, sagt Heuer. Zurück in der Kanzlei hat sich ihr Beratungsansatz verändert: „Man denkt mehr aus Mandantensicht und weniger nur aus der beratenden Perspektive.“ Sie achte jetzt stärker auf Reporting-Lines, konzerninterne Abstimmungsprozesse und die Frage, wer auf Mandantenseite noch involviert werden muss.

Arnd Haller, Senior Legal Director bei Google, ist ebenfalls ein großer Freund von Secondments.  Bei Google erhalten Secondees Zugang zu internen Systemen, E-Mails und Dokumenten. „Der große Unterschied ist, dass man mit den Secondees anders arbeiten kann“, sagt Haller. Sie arbeiten dort nicht mehr nur mit anderen Juristen zusammen, sondern auch mit Technikern und Ingenieuren, kommunizieren auf Englisch und nutzen kollaboratives Arbeiten an Shared Documents. Gleichzeitig bekommen Secondees im Unternehmen auch mit, wie intern über externe Berater gesprochen wird – etwa wenn ein Gutachten als „zu wenig praktisch und zu wissenschaftlich“ empfunden wird, wie Haller berichtet. Eine lehrreiche Erfahrung, welche die Beratung verbessern kann.

Die Wiege des Kartellrechts

Gerade wenn es im Ausland stattfindet, muss ein Secondment auch zu den Lebensumständen passen. Für jüngere Associates ist eine Zeit im Ausland organisatorisch oft leichter umzusetzen. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Dr. Ulrich Pfeffer (43). Als der Kartellrechtler und Counsel von Clifford Chance Ende März 2025 seine Koffer für Washington packte, reiste er nicht allein: Mit dabei waren seine kleine Tochter und seine Frau, die gerade in Elternzeit war. „Sonst hätte ich es vielleicht gar nicht machen können“, sagt er.

Mit Familie nach Washington: Ulrich Pfeffer, Kartellrechtler bei Clifford Chance, verbrachte fünf Monate in den USA.

Washington war dabei kein zufälliges Ziel: „Das ist die Wiege des Kartellrechts.“ Fünf Monate lang arbeitete Pfeffer eng im US-Team von Clifford mit – und der Austausch lief in beide Richtungen: „Gerade bei EU-Themen gibt es auch in den USA Einiges, was man einbringen kann.“ Im Mittelpunkt stand für Pfeffer weniger die fachliche Spezialisierung als der Perspektivwechsel. „Es geht darum, die Arbeitsabläufe besser zu verstehen, Einblicke in die jeweilige Arbeits- und Denkweise zu erhalten – und zugleich die teils erheblichen Unterschiede zwischen den Rechtssystemen hautnah zu erleben und zu verstehen.“ Seit seiner Rückkehr ist er deutlich enger in internationale Mandate eingebunden und auch die Teamdynamik profitiert davon.

Netzwerke knüpfen – kurz oder lang

Dass der größte Mehrwert eines Secondments oft weniger im Fachlichen als im persönlichen Netzwerk liegt, bestätigt auch Niklas Germayer (37), Senior Associate bei A&O Shearman. Er verbrachte 2024 dreieinhalb Monate im New Yorker Büro – kurz nachdem die britische Kanzlei Allen & Overy mit der US-Kanzlei Shearman & Sterling fusionierte. Neben seiner Arbeit im Bankaufsichtsrecht brachte er sich in die globale Markets Innovation Group ein und unterstützte die US-Kollegen im Rahmen des Einsatzes von KI. „Das ist vor allem eine Netzwerkgeschichte“, fasst er zusammen. Wer die richtigen Ansprechpartner persönlich kennt, arbeite danach schlicht effizienter, weil er besser vernetzt sei. Sein Aufenthalt zeigt zugleich, dass Office Secondments auch strategische Funktionen erfüllen können: Germayers Entsendung fiel in die Phase, in der die beiden Teile der fusionierten Kanzleien zusammenwuchsen, die zuvor in getrennten Strukturen gearbeitet hatten.

Networking im Ausland: Niklas Germayer, Associate bei A&O Shearman, arbeitete 2024 im New Yorker Büro mit.

Doch ein Secondment muss nicht monatelang dauern, um einen Netzwerkeffekt zu erzielen. Maya Mertling (29), M&A-Associate von A&O Shearman, verbrachte im Frühjahr 2026 gut zwei Wochen in Madrid – ein sogenanntes Flash-Secondment, das bei A&O Shearman typischerweise an einem europäischen Standort stattfindet. „Das Flash-Secondment ist vor allem dafür da, vor Ort zu netzwerken und die Kollegen kennenzulernen“, sagt sie. Fachlich blieb sie in ihr deutsches Team eingebunden und arbeitete parallel an laufenden Transaktionen weiter. Welches Büro am meisten Sinn ergibt, entschied sie gemeinsam mit ihrem betreuenden Partner – die Wahl fiel auf Madrid, weil sie zuvor intensiv mit dem dortigen Team zusammengearbeitet hatte.

Die kurze Version: Maya Mertling ging für ein Flash-Secondment für zwei Wochen nach Madrid.

Vor Ort traf sie Kolleginnen und Kollegen, die sie bisher nur von Videocalls kannte. „Es war einfach, mal ins andere Büro zu laufen und Dinge persönlich zu besprechen.“ Neben dem Networking nahm sie auch ein Gespür für unterschiedliche Arbeitsrhythmen mit. Und stellte zum Beispiel fest, dass die Siesta, also die Mittagsruhe von 14 bis 16 Uhr, den spanischen Kollegen tatsächlich heilig ist.  Sie ist mit der Madrid-Erfahrung zufrieden: „Man kommt aus seiner Komfortzone raus – und es hat einfach super viel Spaß gemacht. Für zukünftige Transaktionen wird es super hilfreich sein, jetzt auch viele persönliche Kontakte vor Ort zu haben.“

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Secondments gehören bei vielen Großkanzleien inzwischen zum erklärten Ausbildungsangebot. Manche haben formalisierte Programme aufgebaut, andere ermöglichen Entsendungen von Fall zu Fall. 42 von 162 Kanzleien gaben in der azur-Top-Arbeitgeber-Umfrage 2025 an, ihren Associates Secondments zu ermöglichen. Doch zwischen Versprechen und Realität klafft bisweilen eine Lücke. In der aktuellen azur-Associate-Umfrage taucht das Thema Secondments nur vereinzelt auf – doch wenn, dann mit klarer Tendenz: Die meisten Stimmen wünschen sich mehr. Manche fordern, Secondments „noch aktiver anzubieten“ oder sie „auch bei jungen Anwältinnen und Anwälten“ zu ermöglichen.  Ein Associate einer Großkanzlei mit weltweitem Netzwerk wird deutlich: Das Potenzial für Internationalität werde „grob fahrlässig liegen gelassen“ – trotz Büros auf mehreren Kontinenten finde auf Associate-Ebene kaum Austausch statt. Ein weiterer Associate thematisiert die Bedeutung des Standorts Deutschland: „Leider sind Secondments eher die Ausnahme“, schreibt ein Associate einer internationalen Kanzlei und ergänzt, dass es den britischen Kollegen deutlich einfacher gemacht werde, entsprechende Angebote wahrzunehmen.

Win-win-win

Den Eindruck, dass deutsche Kanzleien sich noch zurückhalten, hat auch Arnd Haller. Der Google-Syndikusanwalt kennt beide Seiten wie kaum ein anderer: 2003 kam er selbst als Secondee von Taylor Wessing zu Google – „zu einer Zeit, in der Google noch ein Start-up war und Secondments noch nicht so verbreitet waren.“ 2005 wechselte er ins Unternehmen und baute die Rechtsabteilung mit auf.

Secondees willkommen: Arnd Haller, Senior Legal Director von Google, sieht den Mehrwert der Secondments auf allen Seiten, Unternehmen, Kanzleien und Personen profitieren gleichermaßen.

Heute empfängt Google regelmäßig Secondees aus verschiedenen Kanzleien. Die Modelle sind sehr flexibel: von einzelnen Tagen bis hin zur Vollzeitentsendung für 3 Monate oder der Überbrückung einer Elternzeit. „Es gibt eine ganze Reihe von Secondees, die mit großer Freude immer wieder zurückkommen, um inhouse bei uns zu arbeiten“, sagt er. Das stärke die Beziehung zu den jeweiligen Kanzleien besonders.

Für Google liegt der Mehrwert auf der Hand – die Secondees arbeiten eng im Team mit und können besser auf das Unternehmen eingehen. Aber auch für die Secondees selbst sei der Perspektivwechsel enorm wertvoll. „Sie profitieren enorm von dem Branchenverständnis“, sagt Haller. Während Kanzleianwälte oft sehr spezialisiert arbeiten, erleben sie inhouse die gesamte Bandbreite – von der Tech-Community bis zu Wettbewerbern. Für Kanzleien sieht Haller ebenfalls klare Vorteile: „Secondees helfen Kanzleien häufig bei der späteren Akquise von Folgegeschäft.“

Die verbreitete Sorge vor Abwerbung hält er für unbegründet: „Die Leute, die in eine Rechtsabteilung wechseln wollen, werden das sowieso tun.“ Selbst wenn jemand nach dem Secondment dauerhaft ins Unternehmen wechsle, müsse das kein Verlust sein: „Wenn man sich im Guten trennt, führt das gewöhnlich zu einer stabilen Mandatierungsoption für die Kanzlei.“ Gleichzeitig helfe die Erfahrung anderen, sich bewusst für die Kanzlei zu entscheiden. Heuer bestätigt: Dass ein Secondment beim Mandanten automatisch den Wunsch wecke, die Seite zu wechseln, habe sich bei ihr nicht bewahrheitet. „Ich bin gerne Anwältin“, sagt sie – auch wenn der Blick hinter die Kulissen eines Konzerns ihren Arbeitsalltag nachhaltig geprägt hat.

Im internationalen Vergleich sieht Haller Deutschland im Rückstand. In Großbritannien seien Secondments längst Standard, britische Kanzleien betrachteten sie als Ausbildungsinvestition. Hierzulande scheitere es oft an wirtschaftlichen Überlegungen. Sein Appell an die Kanzleien ist deutlich: Sie sollten offensiver mit Secondments werben, das sei ein stärkeres Argument für Berufseinsteigende als nur ein hohes Gehalt.

Mehr als ein Karrierebaustein

Ob ein paar Monate in Asien oder den USA, zwei Wochen in Madrid oder ein halbes Jahr beim Mandanten – die Erfahrungen zeigen: Secondments sind weit mehr als ein netter Zusatz im Lebenslauf. Sie verändern, wie Associates arbeiten, denken und beraten. Mandatsbeziehungen werden intensiviert und innerhalb der Kanzleien sorgt der Austausch für bessere Stimmung, ein engeres Netzwerk – und letztlich auch für mehr Bindung der Associates an die Kanzlei. Ulrich Pfeffer beobachtet bei seinen Kolleginnen und Kollegen: „Sie kommen alle sehr begeistert zurück und sind anschließend noch enger in das globale Team eingebunden.“

Dass der Weg zum Secondment nicht immer vorgezeichnet sein muss, zeigt der Blick zurück auf Franziska Lange-Schlüter: kein Programm, keine Vorlage, kein Präzedenzfall – nur ein guter Pitch im richtigen Gespräch. Wer Interesse hat, sollte aktiv nachfragen: bei Partnerinnen, bei der Personalentwicklung, beim Mandanten.


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