Wirtschaftsjuristen und Litigator in der Rechtsberatung

Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen brauchen zwar noch Jura, aber auch immer häufiger kaufmännisches und Programmier-­Know-how. Auch Massenklageverfahren erfordern einen neuen Typ Anwalt. All das eröffnet Chancen für neue ­Karrieren in Wirtschaftskanzleien – auch für Juristinnen und Juristen ohne die klassische Staatsexamenslaufbahn.

Im Anwaltsmarkt machte sich vor einigen Jahren die Befürchtung breit, der Anwaltsroboter könnte Juristinnen und Juristen aus Fleisch und Blut über kurz oder lang den Rang ablaufen. Die anfängliche Hysterie rund um das Thema Digitalisierung und Legal Tech hat sich mittlerweile gelegt. Heute haben die meisten Wirtschaftskanzleien erkannt, dass es vor allem um ein Nebeneinander von anwaltlichem Spezial-Know-how und Technologie geht und Roboter natürlich keine Anwälte ersetzen. Trotzdem: Die Relevanz von Daten hat in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Entsprechend große Datenmengen müssen auch in der Mandatsarbeit durchforstet werden. „Das lässt sich auf herkömmliche Weise gar nicht mehr abwickeln“, sagt der Partner einer internationalen Großkanzlei. Wer Jura studiert, aber keine klassische Anwaltslaufbahn einschlagen möchte, dem bieten sich hier nun echte Chancen.

Viele Kanzleien haben das bereits erkannt und ihre Strategien und Geschäftsmodelle entsprechend ausgerichtet. „Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass auch Anwälte lernen müssen, ihr Allwissenheitsmonopol aufzugeben“, sagt der Partner einer internationalen Top-Kanzlei, der die Strategie seines Hauses wesentlich mitgestaltet. Das heißt auch, andere Spezialistinnen und Spezialisten in die Mandate einzubeziehen: Dazu zählen Ingenieurinnen, Softwareentwickler oder Mathematikerinnen, die an der Entwicklung neuer ­Legal-Tech-­­Tools mitarbeiten. Und auch Wirtschaftsjuristen ohne klassische Staatsexamenslaufbahn sind in den vergangenen fünf Jahren gesuchter denn je. Sie spielen insbesondere in umfangreichen Projekten und Klageverfahren eine zunehmend wichtige Rolle. Inzwischen arbeiten sie bei nahezu allen großen Kanzleien. Neben Freshfields Bruckhaus Deringer, Baker McKenzie, Hogan Lovells oder Allen & Overy beschäftigen auch die deutschen Kanzleien wie CMS Hasche Sigle, Noerr oder Gleiss Lutz zunehmend Wirtschaftsjuristinnen und -juristen mit verschiedenen Schwerpunkten.

Viele freie Stellen

Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Die azur100-Redaktion hat durch ihre jährlichen Befragungen ermittelt, dass der Bedarf an Wirtschaftsjuristinnen und -juristen in Kanzleien deutlich gestiegen ist. Zwischen 2019 und 2023 hat sich der Bedarf mehr als verdoppelt. Einen konstant hohen Bedarf haben Großkanzleien wie Baker McKenzie oder CMS Hasche Sigle. Aber auch die Rechtsarme der Big-Four-Gesellschaften von EY Law und PricewaterhouseCoopers Legal stellen – abgesehen von einer Corona-Delle – Jahr für Jahr sehr viele Wirtschaftsjuristen ein.

Insbesondere in umfangreichen Gerichtsverfahren, die auch Teams in etlichen Großkanzleien beschäftigen, bieten sich viele Möglichkeiten. Große Sozietäten wie Freshfields Bruckhaus Deringer, Allen & Overy oder Hogan Lovells haben schon längst weitere Rechtsgebiete ausgemacht, in die sie Wirtschaftsjuristinnen und -juristen einbinden.

Steigende Gehälter

Dabei sind die Einsatzmöglichkeiten vielfältig. Im deutschen Rechtsmarkt gibt es kein eindeutig definiertes Anforderungsprofil für Wirtschaftsjuristen und damit auch keine einheitliche Ausbildung. Viele haben einen Bachelor oder Master in Rechtswissenschaften, andere haben nur das Erste Staatsexamen absolviert, und wieder andere haben einen betriebswirtschaftlichen Background und aufgrund vorheriger Jobs zumindest eine juristische Grundahnung. Anders als bei der klassischen juristischen Ausbildung liegt der Fokus aber nicht auf der gerichtlichen Tätigkeit und anwaltlicher Beratung, sondern auf dem Zusammenhang von Recht und Wirtschaft. Außerdem spielen internationale Aspekte eine größere Rolle als es häufig im universitären Kontext und erst recht im Referendariat der Fall ist.

Weil die Qualifikationen von Wirtschaftsjuristinnen und -juristen sehr unterschiedlich sind, schwankt auch ihre Vergütung. Doch es zeigt sich dieselbe Tendenz, die auch die Gehälter von Associates betrifft: Die durchschnittlichen Gehälter für Wirtschaftsjuristen in Kanzleien steigen. In den vergangenen fünf Jahren ist das durchschnittliche minimale Einstiegsgehalt nach Recherchen von azur100 um fast 20 Prozent auf 56.222 Euro gestiegen. Einzelne Kanzleien wie Oppenhoff & Partner oder DLA Piper zahlen mit mindestens 65.000 Euro im ersten Berufsjahr deutlich mehr, bei einigen Kanzleien sind schon im ersten Berufsjahr bis zu 90.000 Euro drin.

Diese Arbeitgeber zahlen am meisten. (Quelle: azur100-Top-Arbeitgeber-Recherche 2023. Nicht alle Kanzleien haben im Bogen Anmerkungen zu den Gehältern für Wirtschaftsjuristen gemacht.)

Auch wenn die Gehälter dennoch immer unter denen von Associates liegen: Statt Assistenztätigkeiten und stiller Zuarbeit im Backoffice spielen Wirtschaftsjuristen mittlerweile auch tragende Rollen in Mandaten. Freshfields etwa beschäftigt rund 130 Transaction Lawyers. Diese arbeiten an unterschiedlichen Standorten an großen, teils grenzüberschreitenden Mandaten wie Transaktionen, Kartellprüfungen oder umfangreichen Finanzierungen mit. Dabei arbeiten sie sowohl mit den Anwaltsteams als auch mit dem ‚Lab‘ zusammen, der Legal-Tech-Einheit von Freshfields. Ihre Aufgaben unterscheiden sich je nach Praxisgruppe und reichen von Entwurf und Bearbeitung von Transaktionsdokumenten über Recherchetätig­keiten bis zur Bedienung der entsprechenden ­Legal-Tech-Tools. Sie gehören nicht zu einer ­bestimmten Praxisgruppe, sondern werden je nach Bedarf und individuellen Fähigkeiten in unterschiedlichen Rechtsgebieten und Projekten ein­gesetzt.

Auch bei der britischen Top-Kanzlei Allen & Overy arbeiten Wirtschaftsjuristinnen und -juristen unter anderem als sogenannte Transaction Officers. Ihre Aufgaben sind ähnlich wie bei Freshfields an der Schnittstelle zwischen Legal Tech und Rechtsberatung angesiedelt. Zusätzlich zählt zu ihrem Jobprofil auch das Projektmanagement. Laut der Kanzlei liegt ihre Kernaufgabe darin „Prozesse zu identifizieren, zu bewerten und mit Hilfe von Legal-Tech-Lösungen und Projektmanagement zu verbessern.“

Wirtschaftsjuristen im Unternehmen

In Unternehmen gehören Wirtschaftsjuristinnen und -juristen schon deutlich länger zum Team als in Kanzleien. Doch durch die zunehmende Digitalisierung ist ihre Beliebtheit auch hier noch einmal gestiegen. Insbesondere größere Unternehmen treiben ihre Legal Operations-Aktivitäten voran und schaffen so neue berufliche Möglichkeiten. Konzerne wie Merck, Deutsche Post oder Grünenthal bauen seit einigen Jahren interdisziplinär zusammengesetzte Legal-Operations-Teams auf. Sie sollen die Abläufe in der Rechtsabteilung optimieren und professionalisieren. Dafür setzen die Teams – genau wie Kanzleien – auf technische Hilfsmittel und Projektmanagement-Methoden. Dabei sind nicht nur rechtliche, sondern auch organisatorische und kommunikative Fähigkeiten gefragt.

Ein ganz anderes Beispiel ist das Start-up Flight­right: Das Fluggastrechteportal kümmert sich um eine Erstattung für Passagiere, wenn sich deren Flug erheblich verspätet hat oder ganz ausgefallen ist. Dafür treten Fluggäste ihre Ansprüche an Flightright ab, damit das Unternehmen sie bei der Fluggesellschaft durchsetzen kann. Wirtschaftsjuristinnen und -juristen arbeiten dort in der ‚Operations‘-Abteilung. Sie übernehmen die Kommunikation mit den externen Anwältinnen und Anwälten, die die Prozesse für Flightright führen, analysieren aktuelle Urteile und arbeiten an neuen Strategien zur Fallbearbeitung mit. Auch der Kontakt zu den Passagieren zählt zu ihrem Aufgabengebiet.

Projekte im Blick

Egal ob in einer Kanzlei oder einem Unternehmen: Zweiter großer Einsatzbereich von Wirtschaftsjuristinnen und -juristen ist das Projektmanagement, das in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. Kein Wunder: Insbesondere für Kanzleien reicht juristische Brillanz heute nicht mehr aus, um einen Mandanten von sich zu überzeugen. Vielmehr fordern sie zusätzliche Serviceleistungen und eine effiziente Bearbeitung des Mandats ein. Bei all dem kann das Projektmanagement helfen. Deshalb bieten alle großen, aber mittlerweile auch mittelständischen Kanzleien Projektmanagementkompetenz.

Als ,Legal Project Manager‘ stellen Wirtschaftsjuristen die Teams für Mandate zusammen, steuern den Einsatz von Tools und haben die Kommunikation und das Budget eines Projekts stets im Blick. Geeignet ist das Legal Project Management vor allem für komplexe und großvolumige Mandate. Als Paradebeispiel gelten die zahlreichen Verfahren rund um den Abgas-Skandal bei Volkswagen. Seitdem haben Kanzleien diese Grundidee weiterentwickelt und auf zahlreiche andere Projekte und Mandate übertragen.

Massenklagen: Profis in der Robe

Der sogenannte Dieselskandal hat aber nicht nur dafür gesorgt, dass Kanzleien intensiv über die Art und Weise nachgedacht haben, wie sie ihre Mandate steuern und bearbeiten wollen. Darüber ­hinaus hat sich ein neues Jobprofil im Rahmen der Massenklagen-Komplexe entwickelt. So ging Freshfields 2022 mit einer neuen Einheit an den Start, die sich bislang an den Standorten Hannover, Münster und Nürnberg auf die Bearbeitung einer Vielzahl von Gerichtsverfahren fokussiert. Die jungen Juristinnen und Juristen, die dort in aller Regel direkt nach dem Referendariat einsteigen, nennen sich Litigator. Sie nehmen in großen Massenverfahrenskomplexen die örtlichen Gerichtstermine wahr. In aller Regel werden die Verfahren vor den jeweiligen Landgerichten verhandelt, so auch bei den Dieselstreitigkeiten.

Freshfields-Litigator sind Volljuristen mit befriedigenden Examensergebnissen. Wer diesen Job antritt, sollte sich für Konfliktlösung interessieren und wird dann auch im Handumdrehen zum Profi im Gerichtssaal. Denn dort treten die Litigator eigenständig und ohne Partner oder Associates auf. Durch eine ausgeklügelte Teamstruktur und Anbindung an die im Mandat verantwortlichen Partner sind die Verfahrensstrategien und Argumente vorgegeben und werden laufend gemeinsam erweitert. Zusätzliche technische Unterstützung durch Legal-Tech-Tools sichert Steuerung und Kontrolle aller parallel laufenden Verfahren aus einem Massenverfahrenskomplex. Gerade an Standorten abseits von Kanzleihochburgen wie Frankfurt, München oder Düsseldorf ist dies für beide Seiten, Bewerbende und Kanzlei, ein attraktives Modell. In der Universitätsstadt Münster beispielsweise ist der Wirtschaftskanzleimarkt überschaubar. Nach dem Studium direkt nach Düsseldorf oder Hamburg umzuziehen, ist für viele keine Option. Als Litigator kann in einem zunächst auf zwei Jahre befristeten Modell viel praktische Erfahrung direkt nach dem Berufseinstieg gesammelt werden. Zugleich ist es eine Chance, eine Großkanzlei abseits der eingetretenen Pfade in einem auch für sie neuen Projekt kennenzulernen. Einige nutzen den Job auch als Übergangsphase zur Orientierung oder während sie beispielsweise an einer Promotion arbeiten. Noch dazu ist das Gehalt für die Litigator im lokalen Bewerbermarkt konkurrenzlos, dem Vernehmen nach soll es bei 100.000 Euro im Jahr liegen.

Perspektiven für Litigator

Den Juristinnen und Juristen bei Freshfields stehen nach zweijähriger Litigator-Tätigkeit alle Wege offen. Aufgrund ihres Volljuristen-Status können sie jederzeit in eine andere Kanzlei, in ein Unternehmen oder die Justiz wechseln. Auch Wirtschaftsjuristen haben neben ihrer Arbeit als Transaction Lawyer oder Projektmanager in Kanzleien vielfältige Möglichkeiten. Doch mit der wachsenden Bedeutung dieser Berufsgruppe steigt auch in Kanzleien der Druck, ihnen eine Perspektive zu bieten, um sie und insbesondere ihr Know-how langfristig zu binden. Denn der klassische Weg in die Partnerschaft steht ihnen nicht offen. Bei vielen Arbeitgebern ist das noch ‚Work in Progress‘: Bei Freshfields etwa gibt es derzeit zwei Karrierestufen, Transaction Lawyer und Senior Transaction Lawyer. Bei Interesse können sie zusätzlich Verantwortung für Bereiche wie internes Engagement oder Weiterbildung übernehmen oder sich fachlich weiterentwickeln. Auch Hogan Lovells arbeitet gerade an einem Modell, das Wirtschaftsjuristen den internen Aufstieg ermöglichen soll.

Karrierewege für Wirtschaftsjuristen

Schon recht ausgereift ist der Karriereweg für Wirtschaftsjuristinnen und -juristen bei Gleiss Lutz. Wenn sie bestimmte Leistungs- und Qualifikationsziele erreichen, können sie dort vom ,Project Associate‘ über den ,Senior Project Associate‘ bis zum ,Managing Project Associate‘ aufsteigen. Bei Baker McKenzie ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, wer Wirtschaftsjuristin oder -jurist ist, denn auch sie tragen den Jobtitel Associate. Aufsteigen können sie bis zum Counsel und in dieser Rolle mehr Verantwortung übernehmen.

CMS Hasche Sigle hat erst kürzlich einen neuen Karrierepfad für Wirtschaftsjuristinnen und -juristen eingeführt. In mehreren Schritten, die in der Regel nach zwei bis drei Jahren erfolgen, können sie dort die Position des ,Senior Legal Manager‘ erreichen. Als solcher leiten sie Mitarbeitende fachlich an und tragen zusätzlich Verantwortung für Projektteilbereiche oder eigene Projekte. Zur Weiterbildung steht ihnen – genau wie Associates oder Referendarinnen und Referendaren – das Programm der kanzleieigenen Akademien offen. Ein spezifisches Programm für den Karriereweg der Wirtschaftsjuristen ist bei CMS bereits in der Planung. Interessierten Berufseinsteigern stehen die Türen also weit offen.


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