Über Umwege ins Vergaberecht

An der Universität wenig präsent, dafür in der Praxis umso wichtiger: Vergaberecht ist dynamisch, politisch relevant und enorm vielseitig. Viele Anwälte sind eher durch Zufall dort gelandet – alle sind geblieben.

Das Vergaberecht ist die Schnittstelle zwischen Staat und Markt. Es regelt, den Einkauf der öffentlichen Hand. Es umfasst sämtliche Bereiche von der IT-Infrastruktur über Autobahnbrücken bis hin zu Impfstoffen und Rüstungsgütern. Im Gegensatz zu vielen klassischen Rechtsgebieten ist es stark europarechtlich geprägt und zugleich tief in nationalen Verwaltungsstrukturen verankert. Diese Mischung macht den Reiz aus: „Vergaberecht ist Politik, Wirtschaft und Europa in einem“, so beschreibt Alexander Csaki, Partner bei der internationalen Großkanzlei Bird & Bird, das Feld. Ursprünglich geschaffen, um Wettbewerb und Gleichbehandlung im Binnenmarkt zu sichern, reagiert es bis heute unmittelbar auf politische Entwicklungen. Aktuelle Herausforderungen wie die Digitalisierung der Verwaltung oder die ‚Zeitenwende‘ in der Verteidigungspolitik bieten erheblichen Spielraum, um Strukturen zu entwickeln und rechtssicher umzusetzen.

Florian Wolf, heute Partner bei der Berliner Boutique Blomstein, wollte ursprünglich Journalist werden. Geprägt von den politischen Umbrüchen der frühen 2000er-Jahre begann er ein Studium mit starkem Fokus auf internationale Themen, darunter Islamwissenschaften. Jura war zunächst kein Thema.

Zufall, Teamgeist und große Verfahren

Das änderte sich, als er spontan eine Strafrechtsvorlesung in Münster besuchte: „Ich fand das unfassbar spannend“, erinnert er sich, und wechselte kurzerhand das Fach. Auch der Einstieg ins Vergaberecht erfolgte eher pragmatisch: Nach dem ersten Examen zog es ihn nach Berlin, wo er während seiner Promotion eine Nebentätigkeit suchte. Seine Wunschstation im Gesellschaftsrecht war gerade nicht verfügbar, stattdessen wurde ihm eine Stelle bei der internationalen Großkanzlei Freshfields im Vergaberecht angeboten. „Dann mache ich halt Vergaberecht“, dachte sich der heute 41-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass er damit seine berufliche Richtung gefunden hatte. Bei Freshfields arbeitete er von Beginn an in komplexen Mandaten und mit namhaften Vergaberechtlern zusammen. Früh erlebte er so die Dynamik der Praxis.

Die Mischung macht’s: Alexander Csaki schätzt die Verbindung aus Wirtschaft, Politik und europäischen Aspekten im Vergaberecht. Er ist Partner bei Bird & Bird in München. Foto: Bird & Bird

Der entscheidende Karriereschritt folgte 2016, als er gemeinsam mit seinem Team aus der Großkanzlei in die neu gegründete Spezialkanzlei Blomstein wechselte. Für den damaligen Associate war das weniger eine strategische Karriereentscheidung als vielmehr eine Teamentscheidung. In der Boutique lernte er von Beginn an die gesamte Bandbreite anwaltlicher Tätigkeit kennen, von der Mandatsakquise bis zur strategischen Beratung. Anders als in der Großkanzlei, in der viele Prozesse stärker arbeitsteilig organisiert sind, bedeutete das auch früh mehr Eigenverantwortung. Nach rund sechs Jahren in der Kanzlei wurde Wolf 2022 schließlich selbst Partner. Am stärksten in Erinnerung sind ihm große Vergabestreits wie der für die Falck-Gruppe bei der Vergabe von Rettungsdienstleistungen oder für Fastned zum Ausbau der Schnellladeinfrastruktur an deutschen Autobahnen. In beiden Fällen mündete das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Auslegung des EU-Rechts.

Wer im Vergaberecht arbeitet, muss sich in kürzester Zeit in technische und wirtschaftliche Sachverhalte einarbeiten können. Heute geht es um IT-Infrastruktur, morgen um den Bau einer Autobahnbrücke. Hinzu kommt ein stark strategischer Einschlag: Es reicht nicht aus, die Rechtslage zu kennen – entscheidend ist, welches Vorgehen dem Mandanten tatsächlich zum Erfolg verhilft. Wolf beschreibt diesen Aspekt als ständiges Austarieren zwischen juristischer Argumentation und wirtschaftlicher Zielsetzung. Gleichzeitig spielt, insbesondere bei größeren Mandaten, politisches Gespür eine wichtige Rolle. Wer versteht, wie Behörden funktionieren und welche Interessen im Hintergrund wirken, kann besser beraten. „Wer etwa im Bereich Verteidigungsbeschaffung tätig ist, muss nicht nur die Rechtslage kennen, sondern auch verstehen, wie Ministerien, Beschaffungsämter und politische Entscheidungsträger zusammenwirken“, sagt der Vergaberechtler.

Die Rollen im Vergabeverfahren

Planänderung: Florian Wolf, Partner bei der Spezialkanzlei Blomstein aus Berlin, wollte ursprünglich mal Journalist werden. Doch dann hörte er eine Juravorlesung. Foto: Blomstein

In der Praxis zeigt sich das Vergaberecht in zwei sehr unterschiedlichen Rollen: der Beratung von Auftraggebern einerseits und von Bietern andererseits. Die deutsche Full-Service-Kanzlei GvW Graf von Westphalen ist vor allem für die Beratung auf Auftraggeberseite bekannt. Hierbei steht die Gestaltung im Vordergrund. Vergabeverfahren werden von Grund auf konzipiert, häufig über lange Zeiträume hinweg und in enger Zusammenarbeit mit Ministerien oder anderen öffentlichen Institutionen. Partnerin Dr. Ingrid Reichling schätzt gerade diesen gestalterischen Aspekt: „Man begleitet Projekte von A bis Z“, verrät sie, „dabei arbeitet man eng mit den Fachabteilungen der Mandanten, aber auch mit externen fachlichen Experten zusammen.“ Demgegenüber ist die Bieterberatung stärker wettbewerbs- und konfliktorientiert. Unternehmen wollen Aufträge gewinnen und reagieren sensibel, wenn sie sich im Verfahren benachteiligt fühlen. Hier kommt es schnell zu Rügen und gerichtlichen Auseinandersetzungen. „Dennoch verfolgen beide Seiten im Kern ähnliche Ziele, nämlich ein funktionierendes Verfahren und ein wirtschaftlich sinnvolles Ergebnis“, betont Blomstein-Partner Wolf. Das Vergaberecht sorgt lediglich dafür, dass diese Interessen in einem formalisierten Rahmen aufeinandertreffen. Genau daraus entsteht eine Sachlage, die die anwaltliche Beratung erforderlich macht. Besonders deutlich wird diese Dynamik in Nachprüfungsverfahren. Unternehmen können damit Vergabeentscheidungen angreifen, zunächst vor Vergabekammern, anschließend vor den Oberlandesgerichten und in seltenen Fällen sogar vor dem EuGH. Was diese Verfahren von anderen Prozessen unterscheidet, ist vor allem ihre Geschwindigkeit. Innerhalb weniger Wochen wird entschieden, oft unter erheblichem Zeitdruck. „Das ist ein Hochdruckmodus“, sagt Csaki von Bird & Bird, „das bedeutet kurze Fristen, intensive Auseinandersetzung und schnelle Ergebnisse. Für mich liegt genau darin der Reiz.“ Man taucht tief in einen Sachverhalt ein, arbeitet mit hoher Intensität und hat vergleichsweise schnell ein Ergebnis.

Work-Life-Balance mit heißen Phasen

Gleichzeitig erfordert diese Arbeitsweise eine hohe Belastbarkeit, denn in diesen Phasen muss das Privatleben zwangsläufig zurückstehen. Trotz dieser Intensität gilt das Vergaberecht insgesamt als vergleichsweise gut vereinbar mit einem ausgewogenen Berufsleben, zumindest außerhalb der akuten Verfahrensphasen. „In den vergangenen Jahren haben sich die Arbeitsmodelle deutlich flexibilisiert. Gerade auch die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand ist oft planbarer als in anderen Bereichen“, findet der Münchner Bird & Bird-Partner.

Vergaberecht seit Stunde null: Ingrid Reichling ist Partnerin bei GvW Graf von Westphalen in München und hat die Entwicklung des Vergaberechts von Anfang an begleitet. Foto: GvW Graf von Westphalen

Auch Csakis erster Berufswunsch war zunächst nicht der des Anwalts. Erst im Laufe der Zeit kristallisierte sich heraus, was ihn wirklich interessierte, nämlich europäische Zusammenhänge, politische Prozesse und wirtschaftliche Fragestellungen. Praktika in Brüssel und eine Promotion mit europarechtlichem Bezug verstärkten diese Ausrichtung. Während seiner Promotion fand er eine Nebentätigkeit bei einer Kanzlei. Dort stieß er erstmals auf das Vergaberecht und erkannte schnell, dass es genau die Themen verband, die ihn interessierten. Seine anwaltliche Laufbahn begann der heute 48-Jährige 2007 bei Bird & Bird. Eines seiner ersten Mandate im Gesundheitsbereich prägte seine Karriere bereits nachhaltig. Als junger Anwalt durfte er an der Entwicklung eines damals neuen Marktes für Arzneimittelrabattverträge mitarbeiten und so früh Verantwortung übernehmen. Solche Chancen entstehen im Vergaberecht häufiger als in anderen Rechtsgebieten, da immer wieder neue Themenfelder regulatorisch erschlossen werden. „Ich durfte den Markt ein Stück weit mitentwickeln“, beschreibt er rückblickend. Daher ist es kaum überraschend, dass er nach nur sieben Jahren mit 36 Jahren Partner wurde.

Mit dem Vergaberecht gewachsen

Ablauf eines Vergabeverfahrens (vereinfacht)
Bedarfsermittlung durch den Auftraggeber

Wahl der Verfahrensart (z. B. offene oder beschränkte Ausschreibung)

Erstellung der Vergabeunterlagen

Veröffentlichung der Ausschreibung

Angebotsphase (Bieter reichen Angebote ein)

Prüfung und Wertung der Angebote

Zuschlagsentscheidung

Information der unterlegenen Bieter

Zuschlagserteilung und Vertragsschluss

ggf. Nachprüfungsverfahren bei gerügten Fehlern

Auch GvW-Partnerin Reichling hat die Entwicklung des Vergaberechts mitbegleitet. In den Beruf startete sie Mitte der 1990er-Jahre im Öffentlichen Recht bei Advant Beiten, die damals noch Beiten Burkhardt hieß. Zu einer Zeit, als das Vergaberecht noch weitgehend als internes Haushaltsrecht organisiert war. Dass sich die heute 59-Jährige gerade in diesem Bereich spezialisieren würde, ergab sich eher beiläufig. „An meinem dritten Arbeitstag kam ein Partner auf mich zu und meinte, dass sich jemand ins Vergaberecht an der Schnittstelle von öffentlichem und privatem Recht einarbeiten müsse“, verrät sie. Was als Nebenaufgabe begann, entwickelte sich parallel zur europäischen Prägung des Vergaberechts zu ihrem Schwerpunkt. 2004 wechselte sie zu GvW. Hier leitet sie heute gemeinsam mit der Düsseldorfer Partnerin Bettina Meyer-Hofmann das rund 15-köpfige Vergaberechtsteam und hat sich insbesondere auf IT-Vergaben spezialisiert. Reichling hat die großen Reformschritte aus nächster Nähe miterlebt. Angefangen von den ersten EU-Richtlinien über die Verankerung im GWB, dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, bis hin zum Inkrafttreten des Vergaberechtsmodernisierungsgesetzes 2016. Große Projekte wie die IT-Auslagerung der Bundeswehr oder Beratungen im Zusammenhang mit dem Flughafen Berlin Brandenburg zeigen die Dimensionen, in denen sie tätig ist. Für sie liegt der Reiz vor allem in der Möglichkeit, komplexe Verfahren über Jahre hinweg zu begleiten und aktiv mitzugestalten.

Da das Vergaberecht im Studium kaum vorkommt, erfolgt der Zugang fast immer über die Praxis, etwa als Wissenschaftlicher Mitarbeiter oder im Referendariat. Reichling rät deshalb, möglichst früh Einblicke zu gewinnen, um herauszufinden, ob einem diese Arbeitsweise liegt.

Denn eines ist klar: Das Vergaberecht ist kein klassisches Gutachtenfach, sondern stark von praktischen Abläufen, strategischen Überlegungen und interdisziplinärer Zusammenarbeit geprägt. Am Ende ist es genau diese Mischung, die die Arbeit so spannend macht. Es ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich relevant, juristisch anspruchsvoll und zugleich überraschend nah an der Lebenswirklichkeit. GvW-Partnerin Reichling bringt es auf den Punkt: „Es wird nie langweilig.“ Für junge Juristinnen und Juristen, die Lust auf Tempo, Vielfalt und Gestaltung haben, ist das Vergaberecht damit weit mehr als eine Nische. Es ist ein Karrierefeld mit außergewöhnlicher Bandbreite und vielen Chancen.


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