Top-Einsteller ziehen die Handbremse

Während für junge Juristinnen und Juristen mit guten Noten lange Zeit fast paradiesische Zustände herrschten, rekrutieren viele Wirtschaftskanzleien inzwischen deutlich verhaltener. Berufseinsteiger brauchen daher immer öfter einen langen Atem.

Die Zahl der geplanten Neueinstellungen ist jedes Jahr ein Gradmesser für den juristischen Arbeitsmarkt. Lange kannte die Kurve bei den großen Wirtschaftskanzleien nur eine Richtung: steil aufwärts. Denn wer im Rahmen großer Transaktionen riesige Aktenberge abarbeiten, alte Verträge prüfen und neue, umfangreiche Verträge entwerfen musste, brauchte große Teams, die sich aber häufig schnell bezahlt machten – die juristischen Dealberater konnten den Mandanten anschließend viele Associate-Stunden in Rechnung stellen. Diese Wachstumslogik prägte den Markt über Jahrzehnte. Inzwischen wachsen die meisten der personalstärksten Kanzleien von Jahr zu Jahr jedoch nur noch behutsam. Zwar kann von einem temporären Einstellungsstopp wie zu Pandemiezeiten nicht die Rede sein. Dennoch zeigen die Zahlen für 2026 ein deutlich verhalteneres Recruiting als noch im Vorjahr.

Während die 32 Top-Einsteller aus dieser azur100-Ausgabe – also jene Kanzleien, die im laufenden Jahr mindestens 20 Volljuristinnen und -juristen einstellen wollen – im Vorjahr noch rund 1.700 Neue suchten, planen dieselben Kanzleien für 2026 nur noch mit 1.580 neuen Associates. Auch wenn ein Rückgang um rund 7 Prozent erst einmal überschaubar klingt, so zeigt ein Blick auf die Einzelwerte: Manche Kanzleien drehen deutlich stärker an der Personalschraube als andere. Nur die Hälfte von ihnen hält an den Planzahlen des Vorjahres unverändert fest.

Hier geht’s zu allen 100 Top-Arbeitgebern 2026.

Große Einheiten auf Sparkurs

Besonders eklatant sind die Anpassungen bei der britischen Kanzlei Bird & Bird. Während sie im Vorjahr noch mit 67 Neueinstellungen plante, sind es für das laufende Jahr nur noch 40 – eine Abnahme von rund 40 Prozent. Ebenfalls deutlich reduziert haben Ypog, DLA Piper und Eversheds Sutherland. Unter den Magic-Circle-Kanzleien ist Freshfields diejenige, die ihre Planzahl für das laufende Jahr am stärksten angepasst hat: Statt wie zuvor 100 neue Associates will die Kanzlei in diesem Jahr maximal 85 einstellen. Und auch Baker McKenzie plant aktuell nicht mehr mit 100 Neueinstellungen wie im Vorjahr, sondern hat ihre Planzahl auf 80 heruntergesetzt.

Die Gründe für die Zurückhaltung im Recruiting der Kanzleien sind vielschichtig. Ein Argument sind die ökonomischen Zwänge auf Mandantenseite. Die angespannte Wirtschaftslage lässt viele Unternehmen bei Umsatz und Gewinn vorsichtiger kalkulieren. Sie stellen ihrerseits schon restriktiver ein, sofern sie nicht ohnehin Personal abbauen, und haben begrenzte Budgets für die externe Rechtsberatung zur Verfügung, was sich wiederum bei den Kanzleien bemerkbar macht.

Hinzu kommt: Viele Kanzleien haben nach den Corona-Jahren kräftig aufgestockt – vielleicht sogar zu kräftig. Jetzt geht es darum, die Teams effizienter auszulasten, statt sie weiter aufzublähen, und darum, frei gewordene Stellen im Mittelbau nachzubesetzen. Um teure Einarbeitungskosten zu vermeiden, investieren Kanzleien nun stärker in bestehende Teams. Auch der Einsatz von Legal Tech und künstlicher Intelligenz reduziert den Personalbedarf. So braucht es für Routinearbeiten schlicht weniger Associates als früher. Eine Entwicklung, die auch im Sinne der Mandanten ist, die angesichts des gestiegenen Kostendrucks nicht mehr bereit sind, unendlich viele Billable Hours zu bezahlen.

Zaghaftes Wachstum

Doch längst nicht bei allen Einheiten stehen die Zeichen auf Konsolidierung. Es gibt auch eine ganze Reihe von Kanzleien, die an ihrem Wachstumskurs festhalten – das trifft insbesondere auf deutsche Einheiten zu. Neben Hengeler Mueller und Gleiss Lutz vermeldeten unter anderem GSK Stockmann, Görg, Redeker Sellner Dahs und Poellath die gleichen Planzahlen wie im Vorjahr.

Auch gibt es einige Kanzleien, die gegen den Trend steuern und ihre Planzahlen für 2026 sogar erhöht haben. Neben der Arbeitsrechtsboutique Kliemt, die im laufenden Jahr mit 25 Neueinstellungen statt wie im Vorjahr mit 20 plant, erhöhen auch Flick Gocke Schaumburg und Greenberg Traurig ihre Planzahlen um jeweils 14 Prozent von 35 auf 40 Neueinstellungen. Unter den Magic-Circle-Kanzleien hat Linklaters als einzige ihre Planzahl angehoben – von 55 auf 60. Schwierigkeiten, ihre Associates in Lohn und Brot zu halten, dürften die Kanzleien jedenfalls nicht haben. Nach JUVE-Recherchen konnten die 100 umsatzstärksten Sozietäten in der Summe einen Umsatzzuwachs von 8,1 Prozent verbuchen (Geschäftsjahr 2024 beziehungsweise 2024/25). Schwierigkeiten scheint es auch nicht mit der faktischen Auslastung der Associates zu geben. Laut der aktuellen azur-Umfrage bringen diese es im Marktdurchschnitt – ebenso wie im Jahr zuvor – auf über 1.600 abrechenbare Stunden und arbeiten dafür nach eigenen Angaben im Durchschnitt rund 52 Wochenstunden für ihre Arbeitgeberinnen.

In vielen der zu den Top-Einstellern zählenden Großkanzleien liegt die Stundenzahl sogar deutlich darüber. Eine Associate von Hengeler Mueller etwa klagt über „zu viel Arbeit auf zu wenigen Schultern“. Und auch bei Clifford Chance wünscht sich ein Junganwalt „mehr Neueinstellungen und bessere Umverteilung der Arbeitsbelastung“, während mehrere Freshfields-Associates auf eine „niedrigere Auslastung“ und „mehr Erholungsphasen“ drängen. Zwar ist die Kritik an einer zu hohen Arbeitslast nichts Neues, doch es häufen sich die Stimmen, die die Ursache auch auf Sparmaßnahmen des Kanzleimanagements zurückführen. Gleich mehrere Associates, unter anderem von DLA Piper, Hogan Lovells, CMS Hasche Sigle und Baker McKenzie, berichten von einem „Sparkurs“ ihrer Arbeitgeberin, der ganz unterschiedliche Ausprägungen hat, sich aber direkt oder indirekt auf die Personalstruktur auswirkt. Von „hoher Fluktuation“ und „Angst um den eigenen Job“ ist in der azur-Umfrage bisweilen sogar die Rede.

Lücke von 500 Stellen

In der Tat erzählen die offiziellen Planzahlen der Kanzleien, die der azur-Redaktion per Fragebogen übermittelt werden, nur die halbe Geschichte. Denn längst nicht alle gemeldeten Stellen werden auch tatsächlich besetzt. So ist die Lücke zwischen der Planzahl von rund 1.700 und der im Vorjahr tatsächlich erreichten Einstellungszahl beträchtlich: Knapp 1.200 Neueinstellungen kamen zustande. Von den 32 Top-Einstellern können lediglich 6 mit einer Realisierungsquote von über 90 Prozent glänzen, darunter Kapellmann und Partner, Hogan Lovells und Gleiss Lutz. Flick Gocke Schaumburg, Kliemt und Osborne Clarke schossen sogar über ihre selbstgesteckten Ziele hinaus und stellten 2025 mehr Associates ein als ursprünglich angedacht. Besonders schlecht schneiden hingegen Advant Beiten, Eversheds Sutherland, Bird & Bird und Baker McKenzie ab. Sie realisierten weniger als die Hälfte ihrer geplanten Neueinstellungen, wobei Baker McKenzie am weitesten hinter ihren Erwartungen zurückblieb: Statt 100 neuen Associates stellte sie nur 27 ein.

Angepasste Geschäftspläne

Die Gründe dafür sind vielfältig. Mancher Geschäftsplan gerät ins Wanken, weil ein lukratives Mandat verloren geht, und zuvor eingeplante Neueinstellungen werden kurzfristig gestoppt. Auch die Bewerberseite sorgt für Turbulenzen: Verhandlungen über den ersten Arbeitsvertrag verlaufen zäh und manch sicher geglaubter Kandidat springt kurz vor der Vertragsunterschrift ab, weil er sich für eine andere Kanzlei oder den Weg in die Justiz oder in eine Rechtsabteilung entscheidet. Auch kann es vorkommen, dass die Anforderungen an Qualifikation und Spezialisierung seitens der Kanzleien so hoch sind, dass es mitunter lange dauert, bis der Kandidat oder die Kandidatin mit dem perfekten Profil gefunden ist. Doch die Vorsicht der Kanzleien betrifft nicht alle Beratungsfelder gleichermaßen. Während in M&A und Gesellschaftsrecht die größte Zurückhaltung spürbar ist, eröffnen sich jungen Juristinnen und Juristen derzeit etwa gute Chancen im Arbeitsrecht, im privaten Baurecht, im Außenwirtschaftsrecht und im Bereich Insolvenz und Restrukturierung. Gefragt sind zudem Talente, die praktische Erfahrungen im Umgang mit Legal Tech und KI mitbringen. Besonders gute Karten haben immer noch diejenigen Kandidatinnen und Kandidaten, die sich bei einer Kanzlei bewerben, die sie schon im Referendariat kennengelernt haben. Denn Kanzleien setzen verstärkt auf Talente, die sie bereits kennen. „Die Kanzleien wissen, wen sie einstellen, und auch der Nachwuchs weiß, worauf er sich einlässt, denn er kennt bereits die Vorteile und Eigenheiten der jeweiligen Kanzlei“, sagt eine Personalerin einer internationalen Großkanzlei. Allein zehn der diesjährigen Top-50-Kanzleien vermelden für 2025 eine Rückkehrquote von 60 Prozent oder mehr, darunter Latham & Watkins, Clifford Chance und A&O Shearman.

Unterm Strich gilt: Wer jetzt auf Jobsuche ist, braucht etwas mehr Geduld. Für Pessimismus besteht aber noch längst kein Grund. Die Zahlen zeigen, dass weiter eingestellt wird – nur eben selektiver. Wer flexibel ist, was Rechtsgebiet und Kanzleigröße angeht, wer sich frühzeitig durch Praktika, Referendariat oder als wissenschaftlicher Mitarbeiter ins Spiel bringt, wer gefragte Kenntnisse mitbringt und wer im Bewerbungsprozess Ausdauer mitbringt, hat nach wie vor gute Chancen auf einen Einstieg in eine renommierte Sozietät.

Wie viele Associates, Referendarinnen und Praktikanten jeder einzelne der hundert azur100 Top-Arbeitgeber 2026 dieses Jahr einstellen will, liest du in den Arbeitgeberbewertungen.


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