Große Fußstapfen: Strafrechtler Jürgen Wessing im Porträt

Jürgen Wessing hat die Düsseldorfer Strafrechtsszene geprägt wie wenige. Aufhören ist für ihn (noch) kein Thema. Dafür fasziniert ihn viel zu sehr der Alltag, der keiner ist, und der Adrenalinschub vor Gericht.

In der Hängematte zu liegen, ist seine Sache nicht. Wer so seine Tage verbringe, laufe Gefahr, jeden Monat 0,5 Prozentpunkte seines IQs einzubüßen. „Deswegen gehe ich lieber ins Büro“, sagt Prof. Dr. Jürgen Wessing und lacht übers ganze Gesicht. Wessing & Partner, seine 1996 gegründete Kanzlei, liegt in einem Altbau direkt an der Rheinpromenade in Düsseldorf. Der Namenspartner zählt mit seinen 70 Jahren zu den dienstältesten Strafverteidigern der Republik, zu den anerkanntesten außerdem und zu denen, die gemeinhin als ‚Urgestein‘ tituliert werden.

Nicht zusammen mit den Doofen.

Wurde ihm das in die Wiege gelegt? Unbedingt! Wollte er das? Auf keinen Fall! Kurt Wessing, sein Vater, war in den 1950er-Jahren Namenspartner der Kanzlei Graf von der Goltz Wessing & Partner, die einige Fusionen später in der internationalen Großkanzlei Taylor Wessing aufging. Rund 40 Anwälte beschäftigte der Vater in Spitzenzeiten, die Kanzlei zählte zu den großen Sozietäten. Sein Sohn, so der Plan, sollte sich auf Zivilrecht spezialisieren, und zwar auf ganz hohem Niveau. „Als er hörte, dass ich Strafrechtler werden wollte, hat ihm das überhaupt nicht gefallen“, erinnert sich Wessing junior. „Er hat quasi Blut gehustet.“ Strafrecht, das war etwas für diejenigen, die zu doof für Zivilrecht waren. „Und mit den Doofen wollte ich nicht in eine Kiste gesteckt waren, deswegen habe ich promoviert.“

Das klingt, wenn es auch vielleicht nicht ganz im Sinne des Vaters war, nach einem stringenten Karriereplan. Mitnichten. Denn der Weg zum Strafrechtler dauerte – nun ja – lange. Insgesamt 22 Semester verbrachte der gebürtige Düsseldorfer in Bonn, Münster, Köln und in den USA. Letzteres, weil er einen Onkel in Seattle besuchte, dort einen Spaziergang über den Campus der University of Washington unternahm und dabei zufällig den Dekan kennenlernte, der ihn davon überzeugte, dass ein Jahr an der Pazifikküste
sicher toll sei. „Dort ließ es sich aushalten“, be­stätigt Wessing. Mindestens so gut wie an der Côte d’Azur, wohin er mit seinem giftgrünen BMW 1802 gerne und oft fuhr. „Damals konnte man dort mit wenig Geld gut leben.“

Und so dauerte es eben, bis er als Referendar mit damals 2020 Mark das erste Mal wirklich finanziell unabhängig war und gleichzeitig das erste Mal eine richtige Akte in der Hand hielt. Für ihn war das ein Aha-Erlebnis. „In dem Moment habe ich verstanden, dass man mit Jura etwas gestalten kann“, sagt er heute. Mit dem Ziel, Strafrechtler zu werden im Kopf, machte er sich auf die Suche nach einem guten Mentor.

Strafrechtler waren damals nahezu ausschließlich Einzelkämpfer. Kein Wunder, dass sie seinen Ansprüchen an eine gute Ausbildung nicht gerecht wurden. Wessing schüttelt heute noch den Kopf, wenn er an seine Stippvisiten bei den Strafverteidigern zurückdenkt. „Ich bin dort innerlich schreiend wieder rausgerannt, die waren zum großen Teil schrecklich.“ Es gab in seinen Augen nur einen, der ein adäquater Lehrer sein konnte: Dr. Sven Thomas. Und der saß – ausgerechnet – in der Kanzlei seines Vaters. Damals stand auch Thomas noch eher am Beginn seiner Karriere, später wurde er weit über die Grenzen Düsseldorfs bekannt, nicht zuletzt wegen seiner Verteidigung von Leuten wie Formel-1-Macher Bernie Ecclestone, Kunsthändler Helge Achenbach oder Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff.

Herzklappen-Verfahren.

Jürgen Wessing heuerte bei Thomas an. Wie sein Mentor konzentrierte sich Wessing neben der Verteidigung von Individuen ebenso auf die Verteidigung von Unternehmen. Einer seiner ersten großen Prozesse zählte dann auch direkt zu den ganz großen: Er übernahm die Sockelverteidigung im so genannten Herzklappen-Verfahren für den Herzklappen-Hersteller Medtronic. Gemeinsam mit Thomas koordinierte er 65 Verteidiger, insgesamt umfasste der Komplex 2.700 Einzelverfahren.

Da war gute Organisation gefragt. 2.000 Leitz-Ordner voll mit Unterlagen wurden geliefert. Wessing organisierte eine Art ‚Kopierstraße‘, wie er es bezeichnet, acht Leute nebeneinander legten Blatt für Blatt auf den Kopierer. Auch heute noch bevorzugt er die Arbeit auf Papier, die digitale Bearbeitung von Akten überlässt er lieber den jungen Leuten.

Die Herzklappen waren der Auftakt für eine lange Reihe Prozesse, in denen Wessing seinen Mandanten mit Leib und Seele zur Seite stand. Immer öfter waren die Sachverhalte grenzüberschreitend, umfassten die Koordination von Kanzleien der unterschiedlichsten Länder. Wie sehr sich die Gepflogenheiten unterscheiden, lernte der Rheinländer schon von Beginn an. Seine erste US-Mandantin hätte er beinahe direkt wieder verloren – aus einem kuriosen Grund: Seine erste Rechnung fiel zu bescheiden aus. Er hatte eher schmal kalkuliert, um der Mandantin entgegenzukommen, die hatte aber ein gänzlich anderes Verständnis, eher nach dem Motto: ‚Wenn er so wenig kostet, ist er auch nicht gut.‘

Adrenalin pur!

Das ist ihm seitdem nicht wieder passiert. Und er brennt, auch nach so vielen Prozessen, noch immer für seinen Job. Wer ihm zuhört, hat keinen Zweifel, so lebhaft, wie er erzählt. „Als Straf­verteidiger ist jeder Tag spannend, es gibt keine Routine, und im Gerichtssaal, ich sag’s Ihnen, das ist Adrenalin pur!“ Man müsse vor allem multi­taskingfähig sein, alles im Blick haben, den Richter, den Staatsanwalt, den Zeugen. „Fängt mein Mandant neben mir an zu zappeln?“, man brauche ein Umfeld-Radar, „es ist schlichtweg aufregend.“

Und auch unternehmerisch hat er einiges auf die Beine gestellt. Die Kanzlei seines Vaters verließ er 1989, um mit Thomas unter eigener Flagge weiterzumachen. Dieses Büro ist heute unter dem Namen Thomas Deckers Wehnert Elsner, oder kurz tdwe, weit über Düsseldorf hinaus bekannt. 1996 stieg Wessing dort aus, tat sich mit Renate Verjans zusammen zu Wessing Verjans. 2006 gründet er schließlich seine heutige Kanzlei Wessing & Partner.

Bis 2025 will er noch in der Kanzlei bleiben. Dann wird nicht etwa das Schild abgeschraubt, denn Wessing hinterlässt ein bestens bestelltes Feld: Neun Partner und sechs Associates werden die Boutique weiterführen. Er selbst, so der Plan, kann sich dann der Lehre widmen als Lehrbeauftragter für Strafprozessrecht und Kartellsanktionsrecht an der Universität Düsseldorf. Oder er schreibt weiter Aufsätze und Bücher zu aktuellen Strafrechtsthemen. In die Hängematte, so viel steht fest, wird er sich höchstens für einen kurzen Moment legen.


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