Sneaker statt Krawatte
Christoph Zinger hat einen ungewöhnlichen Weg hinter sich: vom Baustoffhandel über die Großkanzlei bis zur eigenen Vergaberechtsboutique in Hanau.
Im Porträt erzählt der 42-Jährige, weshalb das Vergaberecht alles andere als trocken ist.
Christoph Zinger sitzt in einem Büro im Stadtzentrum von Hanau. Blick auf den Freiheitsplatz, nur wenige Meter entfernt von der Stadtverwaltung. Nicht gerade die erste Adresse für eine Wirtschaftskanzlei. Doch für den 42-jährigen Vergaberechtler ist es genau der richtige Ort. Seit über fünf Jahren führt er hier mit seinem ehemaligen Chef Dr. Olaf Otting eine eigene Kanzlei. Vor rund zwei Jahren ist er mit seiner Frau und seinen drei Töchtern auch privat nach Hanau gezogen. Zunächst schloss er die Mittlere Reife und eine Ausbildung zum Baustoffkaufmann ab. „Ich habe auch einen richtigen Beruf gelernt“, sagt er gern mit einem Augenzwinkern zu Mandanten. Aus einer reinen Bauchentscheidung heraus begann er nach dem nachgeholten Abitur ein Jurastudium. Dass er eine solch steile Karriere im Vergaberecht hinlegen würde, war damals nicht absehbar.
Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter landete Zinger bei White & Case in Hamburg. Durch sein politisches Engagement als Kreistagsabgeordneter in seinem Wahlkreis in Pinneberg kannte er bereits die beiden damaligen Vergaberechtspartner. Die brauchten zu dem Zeitpunkt Unterstützung für ein Kommentarprojekt zum Vergaberecht. Eigentlich war die Recherche eine simple Tätigkeit und kein echter Fall. „Aber irgendwie wurde mir dort schnell klar, wo ich richtig Spaß dran habe“, stellte Zinger fest. Als das Team zu Görg wechselte und ein Hamburger Büro für die Mittelstandskanzlei eröffnete, ging Zinger als Wissenschaftlicher Mitarbeiter einfach mit. Parallel hatte er eine Promotion begonnen, die er allerdings nie abschloss. „Das einzige Projekt in meinem Leben, das ich nicht abgeschlossen habe“, sagt Zinger, „manchmal ärgert es.“
Heute ist die Kanzlei Otting Zinger viel forensisch tätig. Allein in 2026 hat sie schon rund 25 Nachprüfungsmandate. „Forensik ist für mich immer das Salz in der Suppe, weil man sich in Schriftsätzen so richtig schön ausleben kann“, verrät der Jurist. Die Kanzlei berät sowohl Auftraggeber als auch Bieter. Das bringt unterschiedliche Perspektiven mit sich. Bei der Auftraggeberberatung spielen strategische Beratungsansätze immer eine Rolle. Zinger sitzt auch mal in Stadtverordnetenversammlungen, im Gemeindevorstand oder im Magistrat, um Projekte vorzustellen. „Wenn man selbst mal kommunalpolitisch tätig war, hilft das – man hat einen Einblick, wie in Fraktionen und kommunalen Gremien Willensbildung zu solchen Themen stattfindet“, erklärt Zinger. Auf der anderen Seite möchten Bieter natürlich den Auftrag zu den für sie besten Bedingungen bekommen. Die Wege dahin sind sehr unterschiedlich.
Vielschichtig und komplex
Auch deshalb findet Zinger das Vergaberecht alles andere als trocken. Die Vielfalt kommt durch die sehr unterschiedlichen Beschaffungsvorhaben. An einem Tag berät er zu Reinigungsdienstleistungen, am nächsten zu Militärausrüstung und dann zu einem großen Auftrag im Schienenpersonennahverkehr. Man muss sich immer in neue Themen einarbeiten und hat dadurch mit sehr unterschiedlichen Charakteren zu tun. „Der Bauunternehmer ist ein ganz anderer als der IT-Start-up- Unternehmer. Das empfinde ich als unfassbar abwechslungsreich und bereichernd“, verrät er.
Prägende Jahre in der Großkanzlei
Im Referendariat führte Zinger seine dreimonatige Wahlstation in das Honorarkonsulat nach Calgary. Nach dem Zweiten Examen blieb er mit seiner Frau zwei weitere Jahre in Kanada. Seine erste Tochter hat sogar die kanadische Staatsbürgerschaft. 2016 kam Zinger dann zur britischen Spitzenkanzlei A&O Shearman nach Frankfurt – damals noch unter der Flagge Allen & Overy. Bei Görg in Hamburg war zu diesem Zeitpunkt kein Job im Vergaberecht frei. „Aber auch das war vielleicht dann wieder gut so“, sagt Zinger. Denn bei A&O Shearman lernte er Olaf Otting kennen, der sein Mentor wurde und mit dem er Jahre später eine eigene Kanzlei gründen sollte.
Fast fünf Jahre blieb Zinger bei A&O. „Einzelne Tage waren hart“, sagt er unverblümt, „aber in der Gesamtschau fallen die zumindest retrospektiv nicht wirklich ins Gewicht.“ Auf seine Anfänge in der Großkanzlei blickt er trotz der harten Arbeitszeiten dankbar zurück. Er nahm viel Struktur und wirtschaftliches Denken mit, die Lernkurve sei steil gewesen.
Eines seiner ersten großen Mandate war die Konversion der früheren Pioneer-Kaserne in Hanau. Das rund 47,5 Hektar große Projekt mit denkmalgeschützten Gebäuden ist heute ein ganzer Stadtteil geworden. Die Stadt Hanau entwickelte das zuvor bundeseigene Grundstück zu einem Wohngebiet. Zinger und Otting setzten die Ausschreibung auf und begleiteten das Projekt. „Das war ein sehr intensives Verfahren mit Teilnahmewettbewerb und mehreren Verhandlungsrunden“, erzählt der Vergaberechtler. Aber Zinger merkte auch: In internationalen Großkanzleien wird das Vergaberecht immer öfter abgestoßen. „Gerade wenn man für die öffentliche Hand tätig ist, kann es herausfordernd sein, die Stundensätze der Großkanzleien durch durchzubringen“, bemerkt er. „Vergaberecht ist häufig nur ein Randaspekt im Kosmos der Großkanzleien.“ Diese Erfahrung war jedoch nicht der primäre Antrieb für den Schritt in die Selbstständigkeit. Ausschlaggebend war vielmehr die Möglichkeit, sich fachlich und unternehmerisch freier und klarer positionieren zu können.
Gesucht und gefunden
Wie gerufen kam dann Olaf Otting mit seinen Plänen auf ihn zu. Zinger zögerte nicht: „Wenn du dich jetzt selbstständig machst, dann komme ich mit“, sagte er damals. 2020 gründeten sie die Vergaberechtsboutique Otting Zinger – in Hanau. Die Stadt Hanau berät Otting seit 20 Jahren. Auch die Miete ist bedeutend erschwinglicher als in Frankfurt. Zinger hatten als Dorfkind, wie er sich selbst nennt, ohnehin nie die Vorteile der Großstadt gereizt. Für ihn war Hanau die optimale Startposition.
Von Beginn an hatten sie alle Hände voll zu tun. Über die Jahre sind die Mandate noch mal deutlich größer und vielfältiger geworden. „Für mich war der gemeinsame Schritt in die Selbstständigkeit großes Glück. Olaf Otting und ich sind uns von Beginn an auf Augenhöhe begegnet. Die Zusammenarbeit ist nicht nur von Erfolg, sondern auch von großer Harmonie geprägt. Wir hatten noch nicht eine ansatzweise Auseinandersetzung. Das hat möglicherweise auch mit den unterschiedlichen Lebensphasen zu tun, in denen wir beide uns befinden“, berichtet Zinger. Er war allerdings nie der Typ, der klein beigibt. Bei A&O trug Otting immer Krawatte, Zinger irgendwann nicht mehr. Er duzte die Sekretärin und trug freitags Sneaker. „Arbeit ist das eine, aber ob ich Sneaker im Büro trage, sollte meine eigene Entscheidung sein“, sagt er.
Seinen drei Töchtern erzählt Zinger gern von seinem Lebenslauf. „Ich finde das ein gutes Beispiel dafür, dass man im Leben zwar Entscheidungen trifft, aber nicht immer eine Entscheidung treffen muss, die das ganze Leben determiniert. Man kann auch irgendwo mal was abbrechen oder aufhören und noch mal anders abbiegen.“