Reden ist Gold
Was es bedeutet, in einer Krisensituation im Fokus der Medien zu stehen, weiß Sophie Heuchemer. Sie vertritt Prominente, Politiker und Unternehmensvorstände gegen unzulässige Berichterstattung und ist Partnerin in Berlins bekanntester Kanzlei für Presserecht.
Als Dr. Sophie Heuchemer ihren ersten Tag als Praktikantin in der Berliner Presserechtskanzlei Schertz Bergmann hatte, traf sie im Flur auf eine Gruppe sehr bekannter Männer: die deutsche Fußballnationalmannschaft. 2006 war das, kurz bevor das ‚Sommermärchen‘, die Fußball-WM in Deutschland, begann. Nichts Ungewöhnliches bei der Kanzlei mit Sitz am Berliner Kurfürstendamm: Bekanntermaßen schauen hier auch Günter Jauch, Joko Winterscheidt oder Schauspielerin Karoline Herfurth als Mandanten immer mal wieder vorbei.
Heuchemer (37), in Berlin geboren und aufgewachsen, studierte damals seit zwei Semestern Jura an der Humboldt-Universität. Den Namenspartner der Kanzlei, Prof. Dr. Christian Schertz, hatte sie allerdings in einem ganz anderen Kontext kennengelernt: Als Publizistik-Studentin an der Freien Universität. „Ich habe damals eine Medienrechtsvorlesung bei Professor Schertz besucht und war danach völlig von den Socken“, erinnert sie sich. Als Schertz mit Inbrunst von seiner Arbeit berichtete, wusste sie: ,Das musst du machen!‘ Obwohl Heuchemer alle Publizistik-Scheine bereits in der Tasche hatte, wechselte sie Studienfach und Uni, klopfte zwei Semester später bei Schertz’ Kanzlei an und fragte nach einem Praktikumsplatz.
Backstage, aber in der ersten Reihe
17 Jahre später, im Frühjahr 2023, ist Heuchemer Partnerin bei Schertz Bergmann und vom Presserecht fasziniert wie eh und je. „Ob ich nun mit Prominenten, Politikern oder Unternehmensvorständen zu tun habe“, sagt sie: „Bei meiner Arbeit sitze ich immer in der ersten Reihe des Backstage-Bereichs.“ Schwerpunkt in Heuchemers Arbeit bildet die Beratung von Unternehmen, die beispielsweise von einer Verdachtsberichterstattung betroffen sind. „Man muss sich nicht alles gefallen lassen“ – auch das möchte Heuchemer durch ihre Arbeit vermitteln. Durch das Reputationsmanagement, das die Kanzlei seit Heuchemers Zugang zu einem Schwerpunkt gemacht hat, versucht man, die Mandanten zu schützen, die mitunter schon ohne einen konkreten Anlass einer unzulässigen Berichterstattung zuvorkommen wollen.
Die Kommunikation steht in meiner täglichen Arbeit stärker im Vordergrund als das Verfassen von Schriftsätzen
Dabei hilft es der Juristin Heuchemer sicher auch, dass sie ein Publizistik-Studium absolviert hat. Denn oft ist ihre Arbeit geprägt durch die Zusammenarbeit mit den Kommunikationsberatern der jeweiligen Betroffenen. Reden ist nicht Silber, sondern Gold in Heuchemers Job. „Die Kommunikation steht in meiner täglichen Arbeit stärker im Vordergrund als das Verfassen von Schriftsätzen“, erklärt sie. „Daran muss man Spaß haben.“ Und man muss es gut können. Dass sie für diesen Job die Richtige ist, glaubt man ihr sofort, wenn sie mit einer offenen Art und viel Begeisterung über ihren Beruf berichtet.
Mandanten in Extremsituationen
Wie fängt man einen Shitstorm in den Sozialen Medien ein? Wie kann man Mandanten bestmöglich vor einer Verdachtsberichterstattung in den Medien schützen? Das sind typische Fragen, die Heuchemer als Presserechtlerin bearbeitet. Dabei ist die präventive Beratung und Begleitung von Verfahren mittlerweile immer mehr ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt. „Am besten ist es, schon früh in einen Fall zu kommen“, erzählt sie. So könne man am besten Strategien entwickeln für jemanden, der bereits Vorwürfen ausgesetzt ist.
Ihre Mandanten erlebe sie oft in Extremsituationen, erzählt sie: „Ich habe schon viele gesehen, die unter der ‚öffentlichen Hinrichtung‘ durch die Medien extrem leiden“, sagt sie. Man müsse aber auch damit zurechtkommen, dass man völlig medienunerfahrene Menschen vor Berichterstattung schützen muss: Eine Familie, die gerade ihr Kind verloren hat und nun groß in der Boulevardpresse ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, nennt sie als Beispiel. Wer ihre Mandanten genau sind – darüber schweigt nicht nur Heuchemer, sondern auch viele ihrer Wettbewerber.
Schnelle Branche
Die Berlinerin hat sich die mitunter schillernde Welt des Presserechts zielstrebig erarbeitet. Bereits während des Studiums arbeitete sie im fachlich angrenzenden IT/IP-Bereich von CMS Hasche Sigle in Köln, absolvierte im Referendariat ihre Wahlstation beim Westdeutschen Rundfunk und stieg 2014 als Anwältin bei der Kölner Kanzlei LHR ein. Einige Jahre war Heuchemer dann als Rechtsanwältin für die Kanzlei Höcker tätig. 2020 kehrte sie an ihren Geburtsort Berlin und zur Kanzlei Schertz Bergmann zurück.
Wer als Berufseinsteigerin oder -einsteiger im Presserecht Fuß fassen will, sollte spätestens im Referendariat eine Station bei einer der spezialisierten Kanzleien machen, rät Heuchemer. „Wie die meisten Presserechtskanzleien haben auch wir kein riesiges Team“, sagt sie, „sodass man von Anfang an viel mitbekommt.“ Interesse an der Branche natürlich vorausgesetzt, sind einem als Anwältin oder Anwalt im Presserecht interessante und direkte Einblicke in die Welt der Prominenz, Politik und Unternehmen sicher. Allerdings weiß Heuchemer aus eigener Erfahrung: Sie muss immer damit rechnen, auch abends und am Wochenende erreichbar zu sein und schnell zu handeln. „Der Druck und die Schnelligkeit der Branche – das passt nicht für jeden“, sagt sie.
Heuchemer, die seit ein paar Monaten Mutter ist, findet aber auch immer wieder Zeit für den Ausgleich zum Beruf. „Hier ist man im besten Sinne Anwältin, geht also einem freien Beruf nach“, sagt sie. Das bedeutet, dass es immer wieder auch Pausen zwischen stressigen Phasen gibt. Diese Freiheit, die kleinere Kanzleien eher als Großkanzleien bieten können, schätzt Heuchemer sehr. Die freie Zeit nutzt sie unter anderem zum Joggen. Oder sie setzt sich an den Flügel, der in ihrem Büro steht.