Raus aus dem Kanzleialltag

Das Secondment kann ein großer Pluspunkt für eine erfolgreiche Associate-Karriere sein. Der Perspektivwechsel, die kulturelle Herausforderung und das Netzwerken stehen im Mittelpunkt – sowohl bei der Entsendung zum Mandanten als auch bei einer Station in einem Auslandsbüro.

Die Must-haves für einen idealen Associate-Lebenslauf sind zahlreich. Zwei Prädikatsexamina, ein LL.M.-Abschluss, gerne auch ein Doktortitel. Nach einem gelungenen Berufseinstieg in der Wirtschaftskanzlei ist aber noch längst nicht Schluss mit dem Sammeln von Pluspunkten auf dem Berufsweg. Eine Option, die nicht nur bei Associates internationaler Kanzleien sehr beliebt ist, ist das Secondment. Davon gibt es zwei unterschiedliche Typen. Das Secondment beim Mandanten oder ein sogenanntes Office-Secondment, also die Entsendung an einen anderen, oft internationalen Standort der eigenen Kanzlei. Manche deutsche Kanzlei vermittelt auch einzelne, vielversprechende Nachwuchsanwälte in die Büros befreundeter ausländischer Kanzleien.

In die Kultur eintauchen: Daniel von Bülow hat im Silicon-Valley-Büro von Freshfields eine neue professionelle Community kennengelernt. Foto: Die Profifotografen/Eric Tijerina

„Nicht nur persönlich, auch auf professioneller Ebene ist es eine ganz besondere Erfahrung, in einen anderen Kulturkreis einzutauchen“, sagt Daniel von Bülow. Der 36-Jährige ist Principal Associate im Frankfurter M&A-Team von Freshfields. Zwischen Januar und Juli 2023 ging er als Secondee in das US-Büro der Kanzlei im Silicon Valley in Kalifornien. Freshfields expandiert seit einigen Jahren zielstrebig in den USA. Angesichts von Bülows Fachbereich ist Kalifornien nicht unbedingt das Standardziel als Office-Secondment, viele aus dem Kapitalmarktrecht gehen an die großen Börsenschauplätze nach London oder New York City. Da das Büro an der Westküste Anfang 2023 noch sehr neu war, konnte von Bülow aber Teil dieser besonderen Phase vor Ort sein. Zudem ist der US-Head von Freshfields ebenfalls Capital-Markets-Anwalt.

Grenzüberschreitende Verbindungen zwischen den Teams herzustellen, ist ein zentrales Ziel von Büroentsendungen im Rahmen einer internationalen Strategie. „Die professionelle Community in der Bay Area ist sehr spannend. Venture-Capital-Fonds, Techunternehmen und Anwälte tummeln sich auf Netzwerkveranstaltungen, jeder kann kommen. Es herrscht eine große Offenheit“, berichtet von Bülow aus seiner Zeit. So habe er seine Sinne fürs Netzwerken nochmal mit ganz neuen Perspektiven schärfen können.

Auch seine Kollegin Dr. Elena Brandt hat an der US-Westküste gearbeitet und konnte eine Menge Kontakte vor Ort knüpfen. „Alle haben ein großes Interesse an dem, was wir in Europa machen. Die ersten Wochen hatte ich also zahlreiche Kaffee- und Lunch-Dates“, so die 35-Jährige. Als Principal Associate in Freshfields’ ‚Data, Privacy and Cybersecurity‘-Team hatte sie auch schon vor ihrer Entsendung regelmäßig beruflich mit Kalifornien zu tun. Während ihres dreimonatigen Secondments im Frühjahr 2024 entstanden darüber hinaus viele spontane Kontakte in den Markt. „Ich hatte erwartet, dass die Nachmittage in der neuen Zeitzone ruhiger werden, wenn Europa schläft. Stattdessen war ich sehr beschäftigt, konnte zahlreiche, auch spontane Workshops bei Mandanten vor Ort geben“, so Brandt.

Der Seitenwechsel

Beim Mandanten-Secondment steht ebenfalls das Ausbildungsziel Netzwerken im Mittelpunkt. Allerdings weniger innerhalb der eigenen Kanzlei oder in einem großen Markt potenzieller Mandanten, sondern vielmehr auf breiter Ebene mit einem einzelnen Mandanten. „Die interdisziplinäre Arbeit mit den Teams im Unternehmen ist sehr spannend. Dabei lerne ich, wie eine Inhouse-Juristin arbeitet, auch in Abgrenzung zur Kanzleijuristin“, sagt Lena Pannecke. Die 36-Jährige ist seit 2022 bei Osborne Clarke und Senior Associate in der Praxis für IT- und Datenschutzrecht. Aktuell ist sie aber im Secondment bei einem Mandanten, dem großen Onlineversandhändler Zalando. In ihrem Fall ist sie für feste Tage in der Woche in das Unternehmen entsendet und arbeitet den Rest der Woche in der Kanzlei für andere Mandanten. Eine alternative Variante eines Mandanten-Secondments ist eine Vollzeitentsendung, etwa für ein bestimmtes Projekt. Die unmittelbare Arbeit in einem Unternehmen bedeutet einen echten Perspektivwechsel. Hier kommt es vor allem auf Kultur und Zusammenarbeit zwischen Dienstleister und Mandant an: „Man muss sich den Switch bewusst machen. Ich bin nach wie vor eine externe Anwältin und entscheide durchaus anders als die Juristen und Juristinnen in der Rechtsabteilung“, so Pannecke.

Seitenwechsel: Lena Pannecke von Osborne Clarke arbeitet als Secondee bei Hans-Christian Woger im Team von Zalando. Foto: Uwe Tölle

Ihr aktueller Chef, Dr. Hans-Christian Woger, ist Senior Team Lead Privacy & Technology Law bei Zalando in Berlin. Dort arbeitet der 43-Jährige seit rund zweieinhalb Jahren. Osborne Clarke ist ihm nicht nur aus der Mandantenperspektive bekannt, vor seinem Wechsel ins Unternehmen war er ebenfalls bei der Kanzlei tätig. „Ein Secondment ermöglicht für externe Berater eine Nähe zu unserem Geschäft, die ohne nicht möglich wäre“, ist Woger überzeugt. „Sie können verstehen, wie wir bei Zalando arbeiten und auf Dinge blicken. Das muss nicht immer nur hart rechtlich sein, da spielen auch Werte und Unternehmenskultur eine große Rolle.“

Secondment als Karrierebooster

Egal, ob ein Secondment beim Mandanten oder in einem anderen Büro des internationalen Kanzleinetzwerkes: Beide Formen spielen eine wichtige Rolle für die eigene Karriere. „Secondees bekommen Dinge mit, die sonst erst auf Counsel- oder Partnerebene stattfinden“, sagt Woger. „So werden sie durchaus zum ersten Kontakt der Inhouse-Teams. Das gilt auch für Mandatsaufträge, die nicht in ihren eigenen Fachbereich fallen, sondern in anderen Praxisgruppen der Kanzlei bearbeitet werden könnten.“ Zudem erhält ein Associate wichtige Einblicke in die Geschäftsprozesse und kann seine rechtliche Beratung, auch für andere Mandanten, optimieren. „Ich lerne, die richtigen Fragen zu stellen und so zielgerichteter Arbeitsergebnisse zu liefern“, so Pannecke.

Mini-Businessplan: Ihre Zeit in Kalifornien hat Elena Brandt von Freshfields akribisch vorbereitet und konnte so die richtigen Kontakte knüpfen. Foto: Michael Lübke

Wer hingegen einige Zeit lang in einem anderen Büro der Kanzlei arbeitet, der bekommt Zugang zu einem völlig anderen Mandantenpool, kann für seinen eigenen Business Case Kontakte knüpfen und lernt, in anderen Kanzleiteams mitzuarbeiten. Brandt von Freshfields empfiehlt, diese Zeit auch strategisch zu planen, sozusagen vorab einen Mini-Businessplan für das Secondment zu erstellen. „Schon vor Abreise ist es sinnvoll zu überlegen, welche Partner vor Ort welche Mandate bearbeiten und wo ich mich einbringen kann.“

Beim Berufseinstieg in einer Großkanzlei werden Associates mit einer Flut an Aus- und Weiterbildungsangeboten begrüßt. Auch das Secondment zählt bei vielen dazu – jedenfalls auf dem Papier. Um den Wechsel auf Zeit anzutreten, sollte eine gewisse Berufserfahrung bereits vorhanden sein. In den ersten Berufsjahren kommt es zunächst darauf an, in der eigenen Kanzlei vor Ort und im Team anzukommen, zu verstehen, wie die Arbeit dort läuft.

Aktiv nachfragen

Ein Secondment sowohl beim Mandanten als auch in einem Büro der Kanzlei ist bei Associates sehr begehrt. Es bietet eine spannende Möglichkeit, um seine Fertigkeiten zu erweitern und dabei vielleicht sogar eine Zeit im Ausland zu leben. So bietet es eine besondere Chance für die persönliche und anwaltliche Entwicklung. Deshalb ist die Enttäuschung umso größer, wenn die Option nicht wie gewünscht – oder wie versprochen – verfügbar ist. Das verdeutlichen einige kritische Kommentare in der aktuellen azur-Associate-Umfrage: „Secondments sind Wunschdenken – hier wird von der Kanzleiführung nicht investiert. Lieber verliert man gut ausgebildete Associates, als Weiterbildungsmöglichkeiten im Ausland zu ermöglichen“, beschwert sich in der Umfrage ein Associate einer US-Kanzlei. Ein anderer Teilnehmer, der in einer UK-Kanzlei arbeitet, wünscht sich: „Leichter Secondments erlauben und nicht nur, wenn man einen eigenen Business Case nachweisen kann.“

Doch wie so häufig gilt auch beim Secondment: Eigeninitiative ist gefragt. „Wer Interesse am internationalen Arbeiten hat, sollte sich auf jeden Fall nach einer Option in der eigenen Kanzlei umhören“, sagtvon Bülow von Freshfields. Auch Woger von Zalando spricht eine klare Empfehlung aus: „Associates können sich aktiv nach einer Secondment-Möglichkeit in der Kanzlei umschauen und etwa mit dem Partner sprechen, ob dieser beim Mandanten etwas arrangieren kann.“


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